Unterhaltung
Der Linkshänder hat ein Bild gemalt - musikalisch.
Der Linkshänder hat ein Bild gemalt - musikalisch.

Joe Cocker, Maler mit der Stimme: Still kind of beautiful

Ein Treffen mit Joe Cocker - und schon schießt einem "You Are So Beautiful" durch den Kopf. "Die letzten Töne krieg' ich auch immer noch hin", betont Cocker im Interview und lacht. Der 68-Jährige hat ein neues Album, es heißt "Fire It Up" und passt prima in die kalte Jahreszeit. n-tv.de traf eine Legende, die menschlicher nicht sein könnte.

Statt an der Bar sitzen wir im gemütlichen Kaminzimmer mit hohen Decken im Hotel de Rome, Herr Cocker trinkt Cola light und seine größte Sorge ist, dass er gefilmt wird. "Ich mag das nicht mehr", entschuldigt er sich, aber wir wollen ja nur Text von ihm. Und schon strahlt er - was ihn gleich zehn Jahre jünger aussehen lässt. Das Leben hat Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, und wenn einer von sich behaupten kann, nach der Maxime "Sex, Drugs and Rock'n Roll" gelebt zu haben, dann der britische Musiker mit der eigenwilligen Armakrobatik. Sein neues Album - das 23. - hat er in den kalifornischen Emblem Studios aufgenommen. Die Arbeit war wie das Malen eines Bildes, erklärt er.

Joe Cocker: Als ich das letzte Mal hier war, spielte der Mann am Klavier die schönste Melodie, die ich jemals gehört habe.

n-tv.de: Und Sie kannten sie nicht?

Nein. Leider nicht. Ich habe ihm gesagt: "Merk' dir das, vielleicht fällt mir ein guter Text dazu ein." Aber dann hab' ich ihn an dem Abend aus den Augen verloren. Es war so schön, ich glaube, er hat einfach improvisiert, und ich habe vorhin geguckt, ob ich ihn sehe ...

Wie schade. Vor allem für ihn! Aber dann sprechen wir über Sie. Sie waren ja vor nicht allzu langer Zeit in Berlin ...

Ja, im August, da war ich in der Waldbühne.

Mögen Sie deutsche Musik und deutsche Musiker?

Ich muss leider zugeben, dass ich zu wenige kenne, aber es ist faszinierend, wie sie sich seit einiger Zeit durchsetzen und Erfolg haben, das kann man von überall beobachten. Erinnerst du dich an BAP?

Ja, natürlich.

Diese typischen Handbewegungen ...
Diese typischen Handbewegungen ...(Foto: dpa)

Ja, das ist doch eine der größten deutschen Bands, oder? Und mit Klaus Lage habe ich auch viel gemacht.

Und Sie haben BAP verstanden?

Natürlich, wieso?

Wegen des kölschen Dialekts, meine ich. Man hat als Nicht-Kölner schon mal Probleme, dem Text zu folgen, und auch noch kölsch english ...

Ja, das kann sein, (lacht) aber zu mir waren sie so nett und irgendwie "gipsyish". Gastfreundlich, interessiert, und jeder kannte sie. Ich muss sie mal wieder anrufen.

Sie haben oft und gern in Deutschland zu tun, oder?

Ja, hier sind schon immer alle sehr nett zu mir gewesen. In den 70er Jahren ging meine Karriere ja ehrlich gesagt den Bach runter. Ich hatte zwar den Hit "You Are So Beautiful", aber ich war ein Trinker. Die deutschen Fans aber haben zu mir gehalten, obwohl ich so ein Wrack war. Man wusste nie, was an einem Abend passieren würde, ich konnte für nichts garantieren, aber sie haben mich nie im Stich gelassen. Und da habe ich mir geschworen, wenn ich je wieder aus diesem Sumpf rauskomme, dann werde  ich mich immer besonders um die deutschen Fans bemühen. Wenn ich also nächstes Jahr auf Tour gehe, fange ich selbstverständlich im April in Deutschland an.

Darf ich denn fragen, wie Sie es geschafft haben, aus diesem Loch herauszukommen, wie Sie die Drogen und den Alkohol hinter sich gelassen haben?

Ja, natürlich. Es ist gar nicht so leicht, das heute den Leuten klarzumachen. Man würde heute sagen, ich soll eine Therapie machen, aber es gab damals noch nicht so was in der Art. (Anm. d. Red.: die Betty-Ford-Klinik beispielsweise wurde erst 1982 gegründet) Und ich war sowieso sehr verbohrt damals, man traute sich gar nicht, mir irgendwelche Ratschläge zu geben. Ich werde oft gefragt, ob ich diese Zeit bereue, aber das kann ich noch nicht mal sagen, denn es war einfach eine graue Phase. So, als ob ich gar nicht existiert hätte.  Erst, als ich Ende der 70er meine Frau Pam kennenlernte, ging es wieder bergauf. Sie zeigte mir, dass mein Leben einen Sinn hat. Aber ich verstehe Menschen, die das nicht schaffen, die auf der Straße leben. Ich habe es erlebt. Und wenn man keinen Sinn sieht oder niemand einem hilft, ist es für einige schwer, sich selbst aus diesem Sumpf zu befreien.

Auf eine gewisse Art und Weise haben Sie ja auch auf der Straße gelebt .... Sie waren immer unterwegs, da hat man auch kein echtes Zuhause ...

Ja, guter Punkt. Und dazu kam, dass ich aber immer und ständig ansprechbar sein musste. Ich habe mal ein Haus in Los Angeles gemietet, da haben die Leute ständig an meine Tür geklopft, zum Feinster reingesehen, gerufen ... es war nicht auszuhalten.

Was waren das dann für Leute? "Fans" oder "Friends"?

Das findet man nach einer Weile raus, wer wirklich deine Freunde sind ... (lacht)

Zurück zur Musik. Ich war schon vor 20 Jahren in der Waldbühne in Berlin, denn damals gab es so eine Welle, wo es hieß: Joe Cocker, Tina Turner, Rod Stewart, Elton John, die Rolling Stones, sie alle begeben sich auf Abschiedstour, sie werden nie wieder auftreten. Also sind wir da natürlich alle hingerannt.

(lacht) Das wusste ich gar nicht, dass ich da vor 20 Jahren bereits meinen Abschied eingereicht hatte. Witzig, also ich wusste nichts von einer Farewell-Tour. Außer Tina, bei der sollte damals wirklich Schluss sein. Aber bei mir?

Über Ihr neues Album haben Sie gesagt, dass es wäre, wie ein Bild zu malen. Malen Sie denn?

Ich wünschte ich könnte es! (lacht) Aber ich stelle es mir so vor. Ich bedauere ein paar Dinge in meinem Leben. Eine ist, dass ich nie gelernt habe, Gitarre zu spielen. Und das andere ist die Malerei. Ich bin Linkshänder, da wurden wir früher in der Schule sowieso nicht ernst genommen.  Dabei war ich gar nicht mal schlecht. Und jetzt hatte ich vor einiger Zeit eine Augen-Operation, da kamen ganz viele Farben wieder zu mir zurück, die ich vorher nicht mehr gesehen habe. Da habe ich mir gleich mal eine Leinwand und Farben und Pinsel gekauft, naja, aber das ist wirklich Geschmackssache, was ich da male (lacht). Ich sollte einfach weiterhin singen, das ist etwas, was mir ganz natürlich vorkommt. Vielleicht, wenn ich mal wirklich aufhöre zu singen, vielleicht male ich dann. Aber wahrscheinlich höre ich eh nie auf (lacht).

Momentan wirkt es jedenfalls nicht so ...

Nun, wenn man älter wird, gibt es schon einige Dinge zu bedenken. Die Stimme ist ja auch nicht mehr dieselbe. Bei "Summer In The City" gibt es zwei Stellen, die echt anstrengend geworden sind (lacht heiser).

Und das Ende von "You Are So Beautiful"?

(lacht und singt) Das ist was anderes, das ist ja ein Falsetto, das klappt noch. "Up Where We Belong" zum Beispiel musste ich ein bisschen ändern, das schaffe ich auch nicht mehr so wie früher. Wenn es gar nicht mehr geht, höre ich auch, versprochen, von einem Tag auf den anderen, aber jetzt habe ich so eine Art "Fade-Out": Ich spiele in kleinen Hallen, so 4 bis 5000 Leute, und das ist fein. Und ich trete nicht so oft auf, da kann man das schon noch eine Weile schaffen.

Ist es anstrengender geworden, auf Tour zu sein?

Definitiv ja! Ohne Zweifel. Früher war ich so aufgedreht, dass ich nach der Show eine Flasche Bacardi nach der anderen gekippt habe und mich nicht mal auf's Ohr gelegt habe bis zur nächsten Show. Aber jetzt, nach fast zwei Stunden auf der Bühne, bin ich physisch fertig. Und die letzte Tour bestand aus 60 Shows.

Das ist eine Menge.

Ja, aber so schlimm, dass ich mir einen Barhocker auf die Bühne bringen lasse, ist es noch nicht! (lacht)

Was machen Sie denn, um sich zu erholen?

Wenn ich auf Tour bin? Gar nichts. Und wenn ich zu Hause bin, dann gehe ich spazieren, mit meiner Frau und den Hunden, wir haben ein großes Grundstück. Mindestens 90 Minuten bin ich dann unterwegs, damit alle auch ja genug Auslauf haben. Wenn ich in Hotels bin, habe ich mir schon manchmal überlegt, in den Fitness-Raum zu gehen. Aber dann werde ich erkannt - eine Horrorvorstellung auf dem Laufband. (lacht) 

Sie leben auf einer Farm in Colorado, ist das richtig?

Ja, auf der Mad Dog Ranch, aber ohne Tiere, (lacht) nicht so ganz, wie man sich das vorstellt, oder? 3000 Acker Land sind das, ziemlich ursprünglich. Als wir es gekauft haben, war es noch recht günstig. Wir haben uns gleich in diesen Flecken Erde verliebt damals. Wo hat man schon gleich vor der Haustür einen Berg und nichts weiter drumherum?

Dann ist das der perfekte Rückzug vom stressigen Showbusiness, oder?

Ja, richtig. Ich schätze mal, jemand wie du würde auch gerne in New York oder London leben und nicht auf dem Land. Aber ich reise ja so viel herum, wache manchmal jeden Tag in einer anderen Stadt auf, dann funktioniert mein Handy wieder nicht, das nervt schon. Auf dem Land kann ich ich selbst sein.

Man könnte ewig so weiter plaudern mit Herrn Cocker über das Landleben, das Leben auf Tour und überhaupt, aber wir wollen ja über die Musik sprechen.

Welcher ist denn Ihr Lieblingssong?

Ja, "You Don't Know What You're Doing To Me", das ist nicht der kommerziellste Song, es ist eine Ballade, ...

... und Sie singen es einfach gerne, ...

... ja, ich liebe nämlich simple Melodien. Schon immer.

Und man kann immer mitsingen.

Stimmt. Eines heißt "A Million Dollars", das ist fast wie ein Kinderlied. Und ich wollte auch, dass man mein Album durchgängig hören kann.

Was inspiriert Sie nach der langen Zeit eigentlich noch, ein Album zu machen? 

Ich weiß auch nicht. (lacht) Es passiert einfach, ich kann wohl nicht anders. Mein letztes Album "Hard Knocks" war so erfolgreich, das ermutigt einen, einfach weiterzumachen. Aber es ist auch eine Menge Arbeit. Und wenn man 68 ist, dann weiß man genau, was man will und lässt sich nicht mehr reinreden.

Joe Cocker in Woodstock im August 1969.
Joe Cocker in Woodstock im August 1969.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Joss Stone hat einen Song für Sie geschrieben - haben Sie schon mal miteinander gesungen?

Nein, leider nicht. Ich weiß auch gar nicht, warum das nicht längst passiert ist, unsere Stimmen würden sehr gut zueinander passen. Sie ist unglaublich natürlich, eine große Begabung.

Denken Sie eigentlich an Ihre Frau, wenn Sie "You Are So Beautiful" singen?

(lacht) Weißt du, das ist etwas ganz Besonderes mit diesem Lied. Es ist immer wieder anders und neu für mich, manchmal muss ich fast selbst weinen, wenn ich es singe. Und ursprünglich war es ja auch nicht an eine Frau gerichtet, sondern es hieß "He is so beautiful", als Gott. Ich habe also eigentlich niemand Spezielles im Kopf. Dafür habe ich es auch schon zu oft gesungen. Ich achte inzwischen mehr darauf, wie die Leute reagieren, wenn sie meinen Song hören. Und ich achte auf die Backing-Vocals und bin jedes Mal überrascht, wie ein Lied immer wieder so anders sein kann.

Spüren Sie dann eine bestimmte Energie, die zu Ihnen zurückgeht?

Ja, auch bei einem meiner Lieblingslieder "Unchain My Heart"  oder bei "You Can Leave Your Hat On". Es ist irre, zu spüren, was die Musik anderen bedeutet.

Was sind die Pläne für die nächste Zeit?

Ach, ich hoffe, die Leute mögen mein Album, denn ich mach' erstmal eine kleine Pause über Weihnachten und dann im Frühjahr geht die Tour los. Ach ja, ich freu mich schon auf den 50. Jahrestag von Woodstock (lacht). Dann bin ich 77 und ich werde wohl immer noch auf der Bühne stehen, wenn mich keiner runterzerrt. Wenn ich die Bühne überhaupt noch finde. (lacht)

 

Mit Joe Cocker sprach Sabine Oelmann

"Fire It Up" von Joe Cocker erscheint am 2. November 2012.

Quelle: n-tv.de

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