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Freunde fürs Leben: Chelsea, Brad, Charlie, Mary Elizabeth, Patrick und Sam (v.l.n.r.)
Freunde fürs Leben: Chelsea, Brad, Charlie, Mary Elizabeth, Patrick und Sam (v.l.n.r.)(Foto: Capelight)

Helden für einen Tag: "Vielleicht lieber morgen"

Von Thomas Badtke

"Lass uns zusammen Psychos sein!" Das lässt sich Charlie (Logan Lerman) nicht zweimal sagen. Schon gar nicht von der wunderschönen Sam (Emma Watson). Sie bekam ihren ersten echten Kuss mit elf Jahren von ihrem Onkel. Er fühlt sich schuld am Tod seiner geliebten Tante Helen. Gemeinsam sind sie Außenseiter. Aber auch Mauerblümchen können Helden sein.

Charlies Leben ist nicht einfach. Aber eigentlich kann es nur besser werden.
Charlies Leben ist nicht einfach. Aber eigentlich kann es nur besser werden.(Foto: Capelight)

Es gibt Lieder, die vergisst man sein Leben lang nicht. Wenn sie erklingen, schaltet sich der Verstand ab, das Herz ist am Zug. Erinnerungen tauchen urplötzlich vor dem inneren Auge auf. Die Welt verändert sich. Man schmeckt salzige Meeresluft. Oder hat den einzigartig-schönen Duft eines Waldes nach einem Gewitter in der Nase. Man befindet sich in einer anderen Zeit, in der Zeit, wo man dieses eine Lied gehört hat. Das kann positiv sein - oder negativ. Banal oder mit einer tieferen Bedeutung versehen. Wenn beispielsweise nur einige Töne von "Things Will Never Be The Same" von Roxette ertönen, bin ich sofort wieder 14 Jahre alt. Es ist der Morgen nach meiner Konfirmation, mein Opa ist gerade gestorben.

Aber auch positive Erinnerungen finden die passende songtechnische Untermalung: Ein verträumter Blick in die Ferne, ein wissendes Schmunzeln im Gesicht, das die pure Glückseligkeit eingefangen zu haben scheint - es muss "What's This Life For" von Creed zu hören sein. Der Song des berühmten "ersten Mals". So etwas vergisst man nie wieder.

Das Leben ist nicht einfach

So sieht Glück aus: Charlie, Patrick und Sam.
So sieht Glück aus: Charlie, Patrick und Sam.(Foto: Capelight)

Charlie (Logan Lerman; "Percy Jackson") kennt das. Auch er hat einen Song, der ihm jedes Mal Gänsehaut, ein wohliges Gefühl in der Magengegend und ein verträumtes Lächeln ins Gesicht zaubert. So, als befände er sich gerade wieder im schönsten Augenblick seines jungen Teenielebens: Er sitzt in einem Pickup. Sein Freund Patrick (Ezra Miller; "Californication") sitzt neben ihm und fährt den Wagen durch einen hell erleuchteten Tunnel - und hinter ihm auf der Ladefläche steht Sam (Emma Watson; "Harry Potter"-Reihe, "My Week With Marilyn"), Patricks Stiefschwester. Das Gesicht im Wind, die Augen geradeaus gerichtet, der Zukunft entgegen, die die weit ausgestreckten Arme einzufangen scheinen. Sie ist so wunderschön, wie sie so dasteht. Charlie himmelt sie an. Und aus dem Radio ertönt dieser ganz spezielle Song. Wenn er nur wüsste, wie er heißt.

Sam (Emma Watson) und Charlie (Logan Lerman) brillieren in der Stephen-Chbosky-Verfilmung.
Sam (Emma Watson) und Charlie (Logan Lerman) brillieren in der Stephen-Chbosky-Verfilmung.(Foto: Capelight)

Charlie hat es in seinem bisherigen Leben nicht einfach. Vor einem Jahr hat sich sein bester und einziger Freund erschossen. Er schreibt ihm noch Briefe, um das Ganze irgendwie zu verarbeiten. Er kommt auf die Highschool und hofft, dass es eine gute Zeit dort für ihn wird. Aber der einzige Freund, den er am ersten Tag dort findet, ist sein Englisch-Leistungskurs-Lehrer Mr. Anderson (Paul Rudd; "Our Idiot Brother"). Seine ältere Schwester Candace (Nina Dobrev; "Vampire Diaries") ignoriert Charlie. Brad (Johnny Simmons; "Evan Allmächtig"), der beste Freund seines älteren Bruders, der bereits auf dem College ist, ignoriert ihn ebenso. Nur Patrick nimmt ihn noch irgendwie wahr, aber Patrick hat selbst genug eigene Probleme. Er wiederholt den Werkkurs, wird vom Lehrer (Tom Savini; Sex Machine in "From Dusk Till Dawn") nur Nichts gerufen und ist, so erscheint es Charlie zumindest, ein Außenseiter wie er. Ein Mauerblümchen. Nur nicht ganz so ruhig und zurückhaltend wie er selbst.

Sam blickt der Zukunft entgegen: "We can be heroes, just for one day ..."
Sam blickt der Zukunft entgegen: "We can be heroes, just for one day ..."(Foto: Capelight)

Bei einem Footballspiel lernt er Patrick näher kennen - und Sam, dieses wunderschöne Mädchen. Sie nehmen den Frischling mit auf eine Party. Dort wird Charlie ein ganz besonderer Brownie angeboten und als er ihn gegessen hat, wird Charlie redselig. Er vertraut Sam an, dass sich sein bester Freund vor einem Jahr erschossen hat - und Sam beschließt, Charlie unter ihre Fittiche zu nehmen, unter die Fittiche der ganzen Gruppe. Plötzlich hat Charlie gleich mehrere richtige Freunde. Neben Patrick, der sich schon bald als schwul outet, und Sam, gibt es da etwa noch die Buddhistin, Punkerin und Rocky-Horror-Picture-Show-Liebhaberin Mary Elizabeth (Mae Whitman; "The Factory"), und Alice (Erin Wilhelmi), die Jeans im Einkaufszentrum klaut, obwohl sie stinkreich ist und später einmal auf die Filmhochschule will.

Ein Film mit der Gabe, ...

"Vielleicht lieber morgen" ist bei Capelight erschienen - auch als Mediabook mit Leseprobe und Soundtrack.
"Vielleicht lieber morgen" ist bei Capelight erschienen - auch als Mediabook mit Leseprobe und Soundtrack.(Foto: Capelight)

Was so absolut nach US-Highschool-Schmonzette klingt, mit den typischen Problemen eines Teenies, basiert auf dem Roman "The Perks Of Being A Wallflower" ("Das ist also mein Leben") von Stephen Chbosky. Und Chbosky muss ein Multitalent sein: Er schrieb auch das Drehbuch und war Regisseur des Films, der unter dem etwas komisch anmutenden Titel "Vielleicht lieber morgen" in die deutschen Kinos kam und nun bei Capelight als DVD und Blu-ray erschienen ist.

Vorurteilsfrei kann man sich den Film nicht ansehen: Man hat bei Emma Watson sofort die niedliche kleine Hermine im Kopf. Bei Logan Lerman die Figur des Percy Jackson. Man weiß, es geht um die Zeit an der Highschool und denkt: nicht schon wieder. Aber Vorurteile sind dazu da, um widerlegt zu werden. Wer eine Teenie-Film erwartet - weit gefehlt. "Vielleicht lieber morgen" ist ein Highschool-Drama mit Tiefgang und herausragenden Schauspielern. Es dauert nur wenige Minuten, bis der Film einen in den Bann gezogen hat und danach auch bis zum letzten Credit im Abspann nicht mehr loslässt. Egal, wie lange die Schulzeit schon zurückliegt, in einer der Figuren findet jeder etwas aus seiner eigenen Vergangenheit. Hier ein Stück Patrick, da ein bisschen Charlie, dort ein wenig Sam.

... Menschen glücklich zu machen

Nicht nur die Schauspieler überzeugen, auch der Soundtrack kann sich hören lassen.
Nicht nur die Schauspieler überzeugen, auch der Soundtrack kann sich hören lassen.(Foto: Capelight)

Alle verbindet die Tatsache, dass sie nicht die typischen Highschool-Schüler sind. Jeder hat eben so seine Macke, aber alle stehen sie auf gute Musik - auf Vinyl. Sie tanzen zu "Come On Eileen" von den Dexys Midnight Runners und schwören auf The Smiths. "Asleep" hat es Charlie besonders angetan - ebenso Sam. Unter seinen Freunden blüht das Mauerblümchen Charlie regelrecht auf. Er fühlt sich wohl, kann so sein, wie er ist. Er muss sich nicht verstellen. Das Leben ist schön.

Das Leben könnte noch schöner sein, wenn ihn nicht immer diese Schuldgefühle plagen. Charlie ist der festen Überzeugung, dass seine Tante Helen, die er über alles mochte, wegen ihm gestorben ist. Es war ein Autounfall. Sie wollte ein ganz spezielles Geschenk für ihn holen. Charlie hört ihre Stimme, er sieht ihr Gesicht. Immer wenn es ihm schlecht geht, taucht Helen wieder bei ihm auf. Aber Charlies Probleme sind viel tiefgreifender. Als Sam ihm eines Abends gesteht, dass sie ihren ersten richtigen Kuss mit elf bekommen hat - vom Chef ihres Vaters -, erinnert das Charlie an Helen. Was das aber alles zu bedeuten hat, merkt er erst viel später. Davor fährt sein Leben mit ihm Achterbahn. Und am Schluss?

Am Ende hat Charlie sein erstes Jahr an der Highschool geschafft, und er lebt. Besser noch: Er hat echte Freunde und weiß endlich, welches Lied damals im Pickup aus dem Radio kam, als Sam auf der Ladefläche stand und vollkommen glücklich aussah. Nun steht Charlie an Sams Stelle, den Blick nach vorn gerichtet, ein Lächeln im Gesicht und die Arme ausgebreitet: "... we can be heroes, just for one day ..."!   

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Quelle: n-tv.de

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