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Afro-Europäerin, die lieber sucht als findet: Y'Akoto.
Afro-Europäerin, die lieber sucht als findet: Y'Akoto.(Foto: Warner Music)

Kochen, Liebe machen, einschlafen: Y'Akoto hat den Babyblues

Sie ist 24 Jahre jung, Afrikanerin und Europäerin zugleich - und für viele Kritiker die Soul-Entdeckung des Jahres. Keine Frage: Seele hat Y'Akoto allemal. Das beweist sie im n-tv.de Interview über Lobhudelei, Freundschaften, die Liebe und das wirklich letzte Kaff da hinten.

n-tv.de: Die Kritiker überschlagen sich bei dir mit Lob. "Stimmwunder", "musikalische Sensation", "heißester Newcomer" - das ist nur einiges von dem, was über dich schon gesagt wurde. Wie fühlt sich das an?

Y'Akoto: Erst mal freut man sich natürlich und findet das cool. Aber im nächsten Moment weiß man auch, dass das alles nur subjektiv ist - dahinter sitzen ja ein gewisser Geschmack und eine Stimmung. Deswegen versuche ich, das anzunehmen und darüber froh zu sein, aber ein Vollkornprodukt ist es für mich eigentlich nicht. Ich freue mich mehr, wenn das ganz speziell ausgedrückt ist - wenn zum Beispiel mein Album differenziert beschrieben wird oder jemand eine Rezension schreibt, die unter die Haut geht.

Viele Kritiker stürzen sich auch auf deine Lebensgeschichte. Angesichts deiner multikulturellen Wurzeln ja an sich kein Wunder. Also: Du bist in Ghana geboren …

Nein, in Hamburg. Soll ich es erklären?

Ja, bitte.

Ich bin in Hamburg-Eppendorf geboren. In dem Moment war meinen Eltern klar, dass sie auf zwei Kontinenten leben wollen. Ab meinem ersten Lebensjahr war ich jedes Jahr in Ghana. Meine Eltern haben dort gebaut, nebenbei aber noch gearbeitet. Ich war circa fünf, als das Haus fertig war und wir nach Ghana gegangen sind. Wiedergekommen bin ich dann erst mit zehn - auf der Schwelle zu elf Jahren.

Du warst aber auch noch in Kamerun, Togo, dem Tschad ...

Ja, danach. Aber das war so die erste Station.

Wo fühlst du dich zu Hause?
 

Zuhause ist für mich ein sehr schaumiger Begriff. Ich glaube, ich fühle mich immer da zu Hause, wo ich gerade etwas zu tun habe. Also: Momentan steht die Album-Veröffentlichung an - da bleiben wir mal lieber in Deutschland. Vielleicht willst du ja ein Interview mit mir machen. (lacht) Aber als nächstes fahre ich nach Frankreich, um dort drei Wochen für meine Tour zu proben. Und wenn das Wetter hier wieder so schlecht wird und nicht so viele Gigs dazwischenkommen, gehe ich zum Herbst hin wohl wieder nach Lomé (Hauptstadt von Togo, Anm. d. Red.).

Geboren wurde die Sängerin in Hamburg-Eppendorf.
Geboren wurde die Sängerin in Hamburg-Eppendorf.(Foto: Warner Music)

Du pendelst also nach wie vor viel durch die Gegend …

Ja. Und das ist ein sehr teurer Spaß.

Dein Lebenslauf ist nun wirklich nicht gerade typisch für eine 24-Jährige. Trotzdem sagst Du stets, für dich sei das alles nichts Besonderes ...

Ja, alles, was der Bauer kennt, ist für ihn doch nichts Besonderes. Und ich kenne das so, seit ich klein bin. Allein die Mehrsprachigkeit: Bei uns wurde Englisch und Deutsch gesprochen. Und wenn ein Familienmitglied bei uns gewohnt hat, dann kam noch eine weitere Sprache hinzu. Normalität, Alltag und Rituale spielen sich überall irgendwann ein. Und egal, in welchem Land ich war, gab es dort dann immer auch anstrengende Momente. Ob in Hamburg oder in Jaunde, der Hauptstadt von Kamerun - Probleme und Wutausbrüche im Verkehr kenne ich aus beiden Städten. (lacht)

Haben dir die Umzieherei und die ständigen Ortswechsel immer Spaß gemacht?

Nein, natürlich nicht. Besonders nicht, als ich in ein schwieriges Alter kam, mit 15 oder so. Das Alter, in dem man sich verliebt und denkt, das wäre es jetzt. (lacht) Dann ist das alles natürlich ziemlich ungerecht und grausam. Man beschimpft die Eltern, dunkelt sein Zimmer ab und hört System Of A Down. Die Phasen hatte ich auch.

Wenn man so viel herumreist, ist eine Sache jedenfalls ziemlich schwierig: Freundschaften aufzubauen ...

Ja, ist es. Ich muss das auch echt noch lernen. Ich gebe das zu. Ich kann das manchmal gar nicht nachvollziehen, wenn jemand zu mir sagt, dass ich mich seit drei Wochen nicht gemeldet hätte. Zum Glück habe ich mittlerweile tolle und geduldige Freunde, die diese Seite an mir kennen und sagen: "Ey, Alde, du hast dich drei Wochen nicht gemeldet, jetzt wird's mal wieder Zeit, komm ran hier." Für mich war alles immer sehr schnell vergänglich und zeitbegrenzt. Das wirkt sich auch auf meine menschlichen Beziehungen aus.

Eigentlich kann man bei dir ja gar nicht von "deutsch-ghanaisch" reden, sondern eher von "afrikanisch-europäisch" …

Ja, ich bin Afro-Europäerin.

Was ist an dir typisch europäisch und was typisch afrikanisch?

She has a nice Booty!
She has a nice Booty!(Foto: Warner Music)

I have a nice Booty (sie schlägt sich auf den Hintern, Anm. d. Red.) Das war ein Scherz! Es gibt ja auch deutsche Frauen mit einem schönen Hintern. Also, ganz ehrlich: Keine Ahnung. Ich habe schon Afrikaner kennengelernt, die in Ghana oder Jaunde geboren wurden und europäischer als meine Freundin Luise in Hamburg waren. Und umgekehrt habe ich zum Beispiel eine Freundin in Berlin, die redet so laut am Telefon, dass man denken könnte, sie wäre eine ghanaische Marktfrau.

Okay, anders gefragt: Was schätzt du besonders an Afrika und was an Europa?

Es gibt immer beides - die Handober- und die Handunterfläche. Aber für Afrika antworte ich jetzt mal plump: Auf jeden Fall das Wetter. (lacht) Ghana ist halt am Äquator. Morgens geht die Sonne auf und abends geht sie unter. Das finde ich sehr gut. Und man braucht einfach weniger Zeugs. In Hamburg Klamotten zu kaufen ist echt anstrengend. Es dauert Ewigkeiten, bis du alles, was du anhast, ausgezogen hast. Und immer dieses Gewicht - ein Wintermantel … Und das ganze Zubehör - ein Regenschirm … In Ghana ist das einfacher: ein Rock, ein T-Shirt, Flip-Flops - fertig.

Dein Lebenslauf und deine Musik lassen sich schwer voneinander trennen. Jedenfalls bezeichnest du deine Rastlosigkeit auch als den Antrieb deines Schaffens ...

Ja, ich glaube, dass mein Charakter so ist. Ich habe einfach Hummeln im Hintern und kann nicht so gut lange irgendwo sein. Und ich mag kontrastreiche Sachen - zum Beispiel nicht nur geografische Grenzen, sondern auch menschliche. Mir reicht es nicht, mich nur mit meiner Auffassung und Realität zufrieden zu geben. Mich interessiert immer auch die Realität eines anderen Menschen. Da begebe ich mich gerne auf die Reise und setze mich wie ein Idiot damit auseinander, warum der oder die so denkt, das so macht und sein oder ihr Leben so lebt. Ich forsche gerne herum. Auch da bin ich rastlos.

Das ist insofern etwas widersprüchlich, weil deine Musik sehr relaxed klingt …

Stimmt, ich wollte eine Musik machen, die mir nicht auf die Nerven geht. Und auch anderen nicht. Mir hat mal ein Musikredakteur gesagt: "Bei deiner Platte habe ich immer das Gefühl, dass ich auch mal mitmachen und mitdenken darf." Das fand ich ein geiles Kompliment. Ich will, dass man bei meiner Musik Platz hat. Dass man dazu kochen kann, Liebe machen oder einschlafen. Es soll irgendwie etwas Zeitloses sein, etwas Unbegrenztes.

Du wirst gerne mit Nina Simone oder Erykah Badu verglichen. Nervt oder ehrt dich das?

Das ist sehr bewegend. Und auch darüber freue ich mich natürlich erst einmal. Aber ich nehme das eigentlich nicht an. Diese Frauen kommen aus einem ganz anderen Kontext. Was Nina Simone durchgemacht hat, wofür sie stand, wofür sie gekämpft und wie sie gelitten hat - da komme ich im Leben nicht hinterher. Da weigere ich mich auch … Ich und meine Generation sind in einer ganz anderen Zeit. Das, was ich mitbringe, dieses afro-europäische, dieses globale Produkt, dieses dreisprachige Etwas, das sich immer hin und her bewegt - das ist mehr ein Spiegel der heutigen Zeit. Und Erykah Badu? Ich bin keine Afro-Amerikanerin. Ich habe auch die Geschichte da nicht mitgemacht. Das Einzige, was uns verbindet, ist, dass wir schwarz sind und Musik machen.

Y'Akoto ist sich sicher, dass sie immer ausprobieren wird.
Y'Akoto ist sich sicher, dass sie immer ausprobieren wird.(Foto: Warner Music)

Du selbst beschreibst deine Musik ja als "Afro Folk" oder "Soul-Seeking" …

Ja, das ist so geil! Das hat sich so durchgesetzt. (lacht) Das war wieder so eine Laune von mir: "Nenne ich es halt Afro-Folk oder Soul-Seeking." Und alle um mich herum fangen zu lachen an. Und jetzt benutzt das jeder. (lacht)

Aber du hast dir dabei ja was gedacht. Was hast du mit den Umschreibungen gemeint?

Also: Afro wie afro-europäisch. Und Folk, weil ich über nichts anderes als über Menschen rede. Ich erfinde keine Welten. Und ich brauche die Menschen auch. Ich brauche, dass um mich herum etwas passiert - dass die Menschen sich lieben, verlassen, auf die Nerven gehen, Depressionen kriegen, Drogen nehmen und so. Ich brauche einfach alles, was dazu gehört, auch das Leid und den Krieg. Das ist Folk. Denn: That's what the folks are doing. Oder? Und es geht ums Story-Telling. Ich weigere mich, komplizierte Wörter zu benutzen oder die Sätze ganz lang zu machen, nur damit es sich reimt. Da scheiß ich ganz gemütlich drauf.

Und "Soul-Seeking"?

Soul-Music ist so ein großer Begriff. Seeking ist auch nichts Neues, aber ich will nicht als Finder, großartiger Mensch oder etwas Besonderes da stehen. Das ist auch ein Schutz gegen diesen Drang heute, sich irgendwie erfinden und besonders hervorstechen zu müssen. Darauf habe ich keinen Bock. Ich wollte gern etwas Suchendes machen, das sich auch immer weiter entwickeln kann. Deswegen finde ich, dass "Soul-Seeking" für mich besser passt.

Gleichwohl gab es in deiner musikalischen Karriere, die schon mit 13 Jahren begann, bereits manche Brüche. Deine Plattenfirma etwa schreibt den genialen Satz: "Mit 16 zog es sie im Zuge pubertärer Wechselhaftigkeit kurzzeitig in elektronische Gefilde" ...

Wenn die wüssten!

Hast du bei dem, was du jetzt machst, das Gefühl, angekommen zu sein?

Das, was ich mit "Babyblues" und den tollen Leuten dabei gemacht habe, ist auf jeden Fall das Unspektakulärste, das ich je gemacht habe. Unspektakulär in Anführungsstrichen. Ich habe nicht versucht, irgendetwas zu bedienen oder ein gewisses Zeitgeist-Umfeld zu treffen. Bei der elektronischen Musik hatte ich Lust, diese zu erforschen. Ich fand es interessant, Gegenstände aufzunehmen und sie zu modifizieren, mich als Mann, Schlumpf und Frau klingen lassen zu können. Und als ich mit Beatbox, Bass, Gitarre und Stimme gearbeitet habe, war gerade Minimalistic Music angesagt. Davor war es Crossover - die ganze Limp-Bizkit-Zeit. Deswegen weiß ich nicht, ob das damals etwas mit "pubertär" zu tun hatte. Ich glaube, dass ich immer ausprobieren werde.

Gehörte zum ersten Produzenten-Team der Sängerin: Ex-Freundeskreis-Frontmann Max Herre.
Gehörte zum ersten Produzenten-Team der Sängerin: Ex-Freundeskreis-Frontmann Max Herre.(Foto: picture alliance / dpa)

Du hast die "tollen Leute" angesprochen. Produziert wurde dein Debütalbum vom "Kahedi"-Team, zu dem etwa Max Herre gehört. Wie kam es dazu?

Erst einmal ganz klassisch - es wurde angefragt. Aber auch, weil ich gesagt habe: "Lasst uns doch gleich in die Vollen gehen. Think big! Mehr als Nein sagen, können sie ja nicht." Und sie haben ja gesagt. (lacht)

Und wie war es mit den Jungs?

Für mich sind sie die Besten! Allerdings habe ich auch keinen Vergleich. Sie sind die ersten Produzenten, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Aber ich muss ehrlich sagen: Ich liebe sie! Und ich weiß, dass sie mich lieben. Ich weiß, dass ich immer zu ihnen ins Studio gehen kann. Auch jetzt. Da sind Emotionen dabei. So muss es ja auch sein - dass ein musikalischer Austausch stattfindet, sie nicht nur eine Summe X kriegen und man dann nie wieder etwas voneinander hört. Sie stehen richtig dahinter. Das ist cool.

Mit Blick auf deine Texte bezeichnest du dich als "Geschichtenerzählerin". Was für Geschichten erzählst du - persönliche oder erfundene?

Das ist alles persönlich. Selbst wenn mir jemand etwas erzählt, übernehme ich das nicht eins zu eins. Alles, was aus meinem Arsch kommt, ist persönlich. (lacht)

Die erste Single aus "Babyblues" war "Tamba". Darin besingst du das Schicksal eines Kindersoldaten in Uganda. Inwiefern ist so ein Thema persönlich?

Durch meine Wut und meine Trauer, dass es so etwas geben muss. Ich habe vor so einem Thema keine Angst. Ich gehe nach dem Motto: Ich mache das, was ich richtig finde. Und mir ist egal, wenn das vielleicht nicht üblich ist. Das wird mir in der Presselandschaft dann oft als Arroganz ausgelegt. Aber man darf Arroganz nicht mit Willensstärke vermischen. Und ich hatte einfach den Willen, so ein Thema aufzugreifen, das völlig neben der Kappe und schwer zu verdauen ist.

Du hast in einem Interview auch mal erzählt, dass du als Kind mit ansehen musstest, wie jemand gelyncht wurde ...

Ja, aber was hat das damit zu tun?

Das Debütalbum von Y'Akoto heißt "Babyblues".
Das Debütalbum von Y'Akoto heißt "Babyblues".(Foto: Warner Music)

Dass das auch eine echt harte Geschichte ist ...

Ja, das sind Erfahrungen, die einen prägen. Man weiß nur nicht so richtig, wie sie einen prägen. Ich bin kein Psychologe. Aber vielleicht hat mir das eine gewisse Demut verliehen und ein Bewusstsein dafür, dass alles endlich ist. Ich habe schon in sehr jungen Jahren gesehen, wie ein Mensch sich innerhalb von Minuten auflöst. Wirklich alles schwindet, alles Physische, das du eben noch gesehen hast. Das geht ganz schnell. Ich glaube, beim Leben in Afrika ist man solchen Dingen überhaupt noch näher verbunden. Wenn damals eine Ziege oder ein Huhn geschlachtet wurde, habe ich oft daneben gesessen. Das hat mich immer fasziniert. Wie kann etwas so am Leben sein und noch um Hilfe schreien - und im nächsten Moment Stille?

Andere Texte von dir drehen sich - natürlich - um die Liebe. In "Yakoto's Babyblues" etwa geht es um die verlorene Liebe deines Lebens. Eine wahre Geschichte?

Ja, klar.

Auch hart - auf andere Art und Weise ...

Danke. Ja, das war es auch. Natürlich gehört es auch zu meinem Job, bei Geschichten zu übertreiben. Aber die Grundstimmung ist immer da. Und wenn ich in dem Text sage, dass ich zu der Zeit mit einem Flachmann in der Handtasche herumgelaufen bin, dann war das halt auch so. (lacht)

In einem weiteren Interview hast du erzählt, dass du nicht ohne Kopfhörer auf die Straße gehst. Bist du ein Mensch, der sich gern der Realität entzieht?

Nein. Ich bin einfach ein Mensch, der gerne gute Musik hört. (lacht) Ich war noch nie träumerisch - schon als Kind nicht. Ich war immer wissbegierig und auch nervig - ein kleines Klugscheißer-Kind.

Okay, aber wenn es um dein Album geht, wird träumen ja sicher erlaubt sein. Wovon träumst du nach der Veröffentlichung?

Dass es etwas reißt. Ich will, dass sie mich im letzten Kaff da hinten hören - egal, in welcher Richtung hinten, ob Asien oder Amerika. Das will ich.

Mit Y'Akoto sprach Volker Probst

Y'Akoto ist im Mai 2012 in Deutschland auf Tour: München (12.05.), Köln (13.05.), Hamburg (14.05.), Berlin (15.05.)

Quelle: n-tv.de

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