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Die wollen doch nur spielen!
Die wollen doch nur spielen!(Foto: dpa)

Erwachsen im Endstadium : AnnenMayKantereit singen in die Seele

Von Sabine Oelmann

"Du hast dich oft gefragt, was mich zerreißt" - stimmt garantiert, so sind Eltern im besten Fall. Sie fragen sich, ob sie alles richtig gemacht haben, alles gezeigt und beigebracht haben. Eins der schönsten Lieder der Saison ist das - und die Saison dauert bereits eine Weile an.

Die Stimme klingt nach Whiskey, nach Ausbruch und nach Straße, dabei singt sie über "Zu Hause", "Heimat" und "für immer nur dich", und die Stimme ist wahnsinnig jung! Ist es dieser Gegensatz, der einen so fertigmacht, so dahinschmelzen lässt? Liegt es am Schunkel-Rhythmus, der einen einlullt? Fühlt man sich, egal welches Alter man hat, deswegen so angezogen, weil allein in dem Song "Oft gefragt" zwei Generationen angesprochen werden? Die eine, das Kind, das nun flügge ist und aus dem Haus geht, sich aber ab und zu nach der Bratkartoffel-Bräsigkeit bei Muttern und/oder Vatern sehnt? Ja, der Song geht an den Herrn Vater, aber das ist mir beziehungsweise einem neutralen Herzen egal, vor allem, wenn das neutrale Herz mütterliche sowieso väterliche Elemente bedient hat.

Und aus der Sicht des angesungenen Elternteils - zuckt es da so durch die Nerven, weil wir alle wissen, dass wir unsere Kinder loslassen müssen, wenn wir ihnen was Gutes tun wollen? Und sie nicht an uns binden sollten, nicht zu sehr? Wenn wir Glück haben, dann haben wir es sowieso schon geschafft, in den ersten gemeinsamen Jahren, dann singen sie uns später ein Lied, dann bedanken sie sich mit einer Buchwidmung, dann kommen sie einfach zum Kaffeetrinken vorbei und halten eine Rede bei der dritten Hochzeit oder dem 65. Geburtstag.

Erinnerungen an Rio Reiser und werden wach. Manchmal.
Erinnerungen an Rio Reiser und werden wach. Manchmal.(Foto: dpa)

Die Jungs - Henning May, Christopher Annen und Severin Kantereit sowie Malte Huck - gehen ans Eingemachte. Zumindest bei mir. Wie können so junge Leute denn schon so alte Seelen haben? Frag' ich mich.

Blues statt blauer Flecken

Aber ich frag' mich natürlich auch, kurz: Warum hauen die denn nicht mal richtig auf den Putz und rocken, bis der Arzt kommt - und das fragen sich so einige, seit AnnenMayKantereit durch die Radiostationen klingen. Das Revoluzzertum wird da vermisst, das als einzig wahre Möglichkeit gilt, Protest auszudrücken. Vielleicht haben sie aber, die Jungs, gesehen, wohin das Revoluzzertum der Ahnen einen bringt. "AfD" wird trotzdem gewählt und das Modell Eigenheim, Eigenhund und Eigenfrau ist auch immer noch recht beliebt. Warum also das Rumgenöle vieler Kritiker? Die vielleicht in einem Eigenheim sitzen oder in einer schönen Altbauwohnung, im "3. Stock", mit Hund. Vielleicht mit Frau. Kind. Warum kann man denn nicht einfach mal sagen "Tut mir leid, Pocahontas?", und "Bitte bleib'". Warum sollte jemand sagen "Alles scheiße deine Elli", wenn er doch eigentlich findet "Es geht mir gut"?

Warum nicht ein bisschen schunkeln, ankuscheln, statt immer nur Pogo? Blues statt blauer Flecken. Und außerdem: diese Jugendlichen sind doch das Produkt ihrer Erziehung, ihrer Eltern. Wogegen sollen die denn andauernd protestieren? Ihre Eltern haben doch ständig mit ihnen geredet, ihnen alles erklärt, sie haben gesagt, Gewalt ist keine Lösung, Drogen nur vorübergehend, sie haben gesagt, es ist wichtig, eine gute Ausbildung zu haben, oder man soll wenigstens immer das machen, was man kann und woran man glaubt, *Laberflash*. Und jetzt erwarten genau diese Hobby-Hippies und Ex-Protestler, dass die Jugend von heute härter wird und mehr "anti" und mehr Kontra gibt.

Warum können wir unabhängig vom Alter nicht dieselbe Musik hören? Warum sollte das ewig so bleiben, dass Eltern kotzen müssen, wenn ihre Kinder die Regler aufdrehen? Warum sollten Kinder ihre Eltern immer nur lächerlich finden? Ist es nicht gut, wenn wir zusammenleben, auf Konzerte gehen, feiern? Nicht immer, schon klar, aber ab und zu. Auf die Mischung in ihren Konzerten - von Ü60 bis zu Kindern ist alles dabei - sind AnnenMayKantereit stolz und behaupten sogar, dass sie das Konzert selbst ganz anders erleben, wenn sie sich vorstellen, was in den Köpfen ihrer unterschiedlichen Fans so abgeht.

Okay, der AnnenMayKantereit'sche Wunsch "Ich würde gerne mit dir in einer Altbauwohnung wohnen?" klingt erstmal spießig, aber der Rich-Kid-Wunsch "Ne Villa in Miami ist schon geil" geht in Ordnung? Oder sollte das bescheidene "Mir reicht eine Ein-Zimmer-Bude im sozialen Wohnungbau mit Wohnberechtigungsschein" sexier und erstrebenswerter sein?

Man muss sie einfach lieben

Für solche Zeilen wie "Wohin du gehst, sagst du nicht mehr. Wenn wir uns sehen, fällt mir das Fragen schwer. Du hast jetzt neue Leute, die dich besser kennen und nach dem Feiern bei dir pennen" muss man diese Knaben einfach lieben. Denn es ist wirklich egal, ob wir 15, 25 oder 45 sind - diese Dinge, diese Momente und Umstände, diese Veränderungen, die passieren doch immer wieder. Immer wieder ändert sich alles, nichts bleibt. So zu tun, als wüsste man als Erwachsener im Endstadium alles besser ist doch brutaler Blödsinn.

Das Doofe für die Jungsband ist, dass jetzt lauter Besserwisser daherkommen, die die Musik kaputtquatschen wollen. Die sie belanglos finden, die Texte schlecht wie bei den Beatsteaks ("Zeit") und die Stimme wie von Klaus Lage ("Spiegel"), der Rest Kapitänsklavier und hummtata ("vergessen wo").

"Alles Nix Konkretes" erscheint am 18. März 2016.
"Alles Nix Konkretes" erscheint am 18. März 2016.(Foto: dpa)

Wie mir - persönlich - das Gesülze und Gekrittel auf die Tränensäcke geht! Ein kurzer Blick auf die Charts: Platz 1: Sehr smooth, "Faded" von Alan Walker. Platz 2: "Die immer lacht" feat. Kerstin Otto. Häh? Platz 3, ok, "Stressed out" von Twenty One Pilots ("I wish I found some better sounds no one's ever heard (...) Wish we could turn back time to the good old days", süßes Lied, aber die Lyrics?), Platz 4: "Fast Car" (Jonas Blue feat. Dakota, ein Remix von Tracy Chapman aus dem Jahre 1988). Dann kommt Justin Bieber, witzig, aber er singt auch nur über Befindlichkeiten, und dass seine Mama eigentlich schon immer recht hatte. Auf Platz 6 knödelt Rihanna ihr unsägliches "WorkWorkWorkWork", und dann kommen auf Platz sieben Lukas Graham aus dem beschaulichen Kopenhagen mit passenderweise "7 Years" und gehen das Leben mal im Zeitraffer bis 60 durch.

Stimme des Alltags

Also, wir können die Kirche im Dorf lassen - auch andernorten ist keine große Protestwelle zu erwarten, kein Rock, kein Wumms, einfach mal Aufhören mit dem Nörgeln und die Stimme des Alltags wirken lassen: "Und du wirst 21, 22, 23 und du kannst noch gar nicht wissen, was du willst. Und du wirst 24, 25, 26 und du tanzt nicht mehr wie früher". Da beobachten sich ein paar Freunde ("Wir werden immer Freunde bleiben") beim Erwachsenwerden - es gibt schlimmere Jugendliche. Und es gibt wenige, die sich dabei so gut anhören. Vielleicht muss man einigermaßen erwachsen sein und vielleicht muss man Kinder haben, um zu verstehen, was da vorgeht. Oder vielleicht muss man sehr jung sein. Vielleicht. Vielleicht muss man sich aber auch nicht immer über alles andere erheben und einfach registrieren: "Musik, zwo drei vier, super Sache, schönes Album."

"Alles Nix Konkretes" erscheint am 18. März - hier bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de

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