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Bakery verstehen sich als Kollektiv.
Bakery verstehen sich als Kollektiv.

Zwischen Indie und Elektro : Bakery kiffen im Kollektiv

Von Nadine Wenzlick

Ja, ja, Bakery-Bassist Noah Becker ist der Sohn von Tennislegende Boris. Das Berliner Kollektiv hat es aber nicht nötig, sich darüber zu verkaufen. Auf seinem Debüt entwirft es spannende, psychedelisch-elektronische Soundlandschaften.

Man sagt ja, dass Gegensätze sich anziehen. Im Falle von Bakery offenbar besonders. Die drei Mitglieder der Berliner Band, die gerade ihr Debütalbum "Lucy" veröffentlicht haben, könnten unterschiedlicher kaum sein. "Am Anfang", sagt Bassist Noah, "konnte ich Temple überhaupt nicht leiden."

Der schlacksige Temple, der sich die Worte "Fear" und "Know" auf die Hände hat tätowieren lassen, ist Sänger und Frontmann der Band. Er ist in einem Vorort von Washington D.C. groß geworden. "Musik", sagt er, "war in meiner Kindheit allgegenwärtig. Mit meiner Tante Gitarre zu spielen, ist meine erste, musikalische Erinnerung. Außerdem hat meine Mutter in Gospelchören gesungen und zu Hause ständig Beatles-Platten aufgelegt." Seine spätere musikalische Sozialisation: Country, Folk und Blues. Bob Dylan und Neil Young. Schlagzeuger Anton derweil, der Mann mit den Rastas, aufgewachsen in Berlin-Kreuzberg, hat klassischen Jazz studiert. Temple und er lernten sich bei einem Konzert ihrer vorigen Bands kennen.

Und dann ist da noch Bassist und Beat-Tüftler Noah. Noah "liebt es zu tanzen" und steht auf Techno und HipHop. Seit ein paar Jahren legt er als DJ auf, eine Klamottenkollektion hat er auch schon mal entworfen. Anton und er trafen sich eines Tages auf der Straße in Kreuzberg, wo sie praktisch Nachbarn waren. Tja, und Noah ist der Sohn von Barbara und Boris Becker. Treue Tennis-Fans haben es womöglich mitbekommen: Erst vor ein paar Monaten teilte Boris Becker auf Instagram und Facebook stolz Fotos und Videos, die bei einem London-Konzert der Band entstanden waren.

Bakery rauchen gerne mal einen

Wer wessen Vater ist? Uninteressant ...
Wer wessen Vater ist? Uninteressant ...

"Er mag unsere Musik", druckst Noah herum und fühlt sich plötzlich sichtlich unwohl. Noah mag es nicht, dieses Scheinwerferlicht der Promi-Welt. Es sei "definitiv cooler, selbst etwas zu machen, als einfach nur dazustehen und in eine Kamera zu lächeln." "Peinlich" findet er das. Deshalb spricht er auch nicht gerne über seinen berühmten Vater. Noah will seine Band nicht darüber verkaufen.

Muss er auch gar nicht, denn Bakery machen ziemlich spannende Musik. Ihre psychedelischen Soundlandschaften bewegen sich irgendwo zwischen Indie und Elektro und kamen sofort gut an: Ihr erstes Konzert spielte die Band im Mai letzten Jahres auf dem Berlin Festival. Wenig später traten sie auf dem angesagten Fusion Festival auf. Ihre zweistündige Show vor mehr als 3000 Menschen uferte zur elektronischen Jamsession aus.

Gerade sind Bakery mit Crystal Castles auf Tour, an diesem Abend in Hamburg. Temple sitzt nur mit einem Handtuch bekleidet auf der Couch im Backstagebereich. Selbstgedrehte Zigaretten gehen herum. Sie würden Bakery heißen, weil "baked" auf Englisch so viel bedeutet wie bekifft, und Bakery rauchen halt gerne mal einen, verrät Noah. Außerdem, ergänzt Temple, wollen sie in Friedrichshain gerne eine Bäckerei eröffnen. Irgendwann. In der rechten Ecke des Raumes wird gekichert. Dort sitzt der Tross, der die Band begleitet. Bakery verstehen sich nämlich als Kollektiv. Regelmäßig kollaborieren sie mit anderen Musikern, Filmemachern, Tänzern, visuellen Künstlern und überhaupt ähnlich gebürsteten Menschen.

Kreativzelle in Berlin-Schöneberg

Das Album "Lucy" ist ab sofort erhältlich.
Das Album "Lucy" ist ab sofort erhältlich.

Ein gewisser Hippie-Geist umgibt die Band zweifellos. "Wir wohnen alle zusammen in Schöneberg", erzählt Anton. "Als Noahs Freundin vor Kurzem eingezogen ist, haben wir gestrichen. Davor sah es bei uns aus wie in einem besetzten Haus aus den Siebzigern - die Wände komplett vollgeschrieben aus der Zeit, in der wir das Album gemacht haben. Einige Sachen davon sind auch auf dem Albumcover zu sehen. Ich habe das Panik-Zimmer - ohne Fenster, dafür aber mit Tür. Das einzige Zimmer mit Tür."

Dort, in der Kreativzelle von Bakery, ist im Laufe der letzten zwei Jahre auch ihr atmosphärisches Debütalbum "Lucy" entstanden. Zumindest größtenteils. Das Konzept hinter dem Album war nämlich, Momente einzufangen. All das, was Bakery in den letzten zwei Jahren passiert ist. Viele Ideen nahm die Band deshalb spontan auf - mit dem Telefon auf Tour. Oder mitten im Meer stehend, mit einem Laptop bewaffnet, auf den Bahamas.

"Spontaneität kommt heutzutage oft viel zu kurz. Die Leute leben den Großteil ihres Lebens nicht im Moment, sondern im Internet, durch soziale Medien", sagt Temple, und Noah fährt fort: "Weil jeder Angst vorm Versagen hat. Ich hatte selbst wahnsinnige Angst vor der Bühne. Aber durch die Jungs habe ich gelernt, viel mehr im Moment zu sein. Man muss es einfach nur wagen." Temple ergreift erneut das Wort: "Musik kann total befreien. Wenn wir auf der Bühne voll im Vibe sind, dann denken wir nicht mehr nach." Überhaupt: Bakery leben zweifellos im Moment. Wen interessiert da noch groß, wer wessen Vater ist?

"Lucy" können sie hier bei iTunes downloaden oder bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

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