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Solomun ist in Hamburg Kult geworden, mittlerweile spielt er überall auf der Welt.
Solomun ist in Hamburg Kult geworden, mittlerweile spielt er überall auf der Welt.(Foto: Diynamic)
Freitag, 06. Januar 2017

Solomun: DJ-Star bleibt Underground: Die VIPs im Nacken, das Tanzvolk zu Füßen

Solomun braucht keine Kanzel, um zu predigen. Wenn der Patron des deutschen Nachtlebens die Bühnen der Welt bespielt, begegnet er seinem Publikum auf Augenhöhe. Jedenfalls bei seiner Party-Reihe Solomun +1 im legendären Club Pacha auf Ibiza ist das auch nicht nur als innere Haltung zu verstehen. Dort hat Solomun nämlich umgebaut. Mit mehreren Residencies auf der Insel und seinen Labels Diynamic und 2DIY4 hat der 41-jährige Hamburger sich ins Gedächtnis der Szene gebrannt. Im Gespräch mit n-tv.de erinnert er sich an seine ersten Schritte in der Branche und erklärt, wieso es noch nie eine bessere Zeit für elektronische Musik gab.

10 Jahre Diynamic - das war der erste runde Geburtstag deines Label. Erzähl doch nochmal, wie das eigentlich alles losging.

Ja, also das war ein regnerischer, grauer Tag …

… poetisch …

Unter dem Motto "Do It Yourself" starteten Solomun und Adriano Trolio vor 10 Jahren ihr Label Diynamic.
Unter dem Motto "Do It Yourself" starteten Solomun und Adriano Trolio vor 10 Jahren ihr Label Diynamic.(Foto: Diynamic)

… eine Taube hab' ich gesehen, die in den Himmel aufflog. (lacht) Adriano Trolio, mit dem ich das Label gegründet habe, habe ich vor etwa 15 Jahren in Hamburg kennengelernt. Einmal im Monat haben wir unsere DIY-Partys veranstaltet (DIY steht für Do It Yourself, Anm. d. Red.). Dann ist alles immer größer geworden: Wir haben H.O.S.H. und Stimming kennengelernt (beide DJs sind heute Teil der Diynamic-Familie, Anm d. Red.), viel Musik ausgetauscht, angefangen zu produzieren. So kam das ins Rollen.

Diynamic war geboren!

Mit dem Namen ging das nicht so schnell. Erstmal sind wir auf 2DIY4 (sprich: to die for, Anm. d. Red.) hängengeblieben. So heißt heute unser Zweitlabel. Damals empfanden wir die Aussage dann doch etwas heftig für das allererste Label.

Wie viel Do It Yourself ist denn bei dir noch drin, wenn du die ganze Zeit unterwegs bist? Bleibt überhaupt noch Zeit, am Label zu arbeiten?

Bei den wichtigen Entscheidungen habe ich das Sagen - da bin ich Kontrollfreak. Der meiste Input kommt ja auch von mir.

Wie würdest du jemandem, der von Diynamic noch nie gehört hat, euren Sound beschreiben?

Das Tolle ist: Wir haben viele Künstler und jeder steht für sich. Aber es gibt einen roten Faden: Diynamic hat einen warmen Sound mit einem Hauch von Melancholie und klingt natürlich sehr melodisch, aber nicht zu poppig.

Ihr begreift euch als kleine Familie. Mit Magdalena hast du sogar Blutsverwandtschaft unter Vertrag. Wie arbeitet es sich mit der Schwester?

Mit Schwester Magdalena schmiss Solomun in Hamburg das Ego. Heute ist sie DJ.
Mit Schwester Magdalena schmiss Solomun in Hamburg das Ego. Heute ist sie DJ.(Foto: Diynamic)

Wir haben in Hamburg gemeinsam den Club Ego betrieben. Es war komisch für mich, meine Schwester als Partner zu haben, aber es hat gepasst. Der Laden lief super, durch die wachsende Arbeit am Label und die vielen Reisen habe ich mich allerdings davon entfernt. Nach fünf Jahren war es ein guter Zeitpunkt, um damit abzuschließen. Als wir den Club zugemacht haben, hatte Magdalena gerade angefangen, selber aufzulegen. Ich muss zugeben, ich war dem gegenüber erstmal kritisch eingestellt. Man will ja irgendwann auch eine Familie gründen und sie hatte da jemanden, mit dem es gut lief. Aber ich bin natürlich der letzte, der ihrem Glück im Weg steht. Selbstverständlich unterstütze ich sie. Mittlerweile hat sie sich ziemlich gut etabliert und wird viel gebucht.

Sie ist die einzige Frau bei Diynamic. Man kennt generell weitaus weniger Frauen, die auflegen, als Männer. Wie empfindest du das - gibt es die einfach nicht oder sind die schlechter?

Mir ist das natürlich auch schon aufgefallen. Aber woran das liegt, kann ich dir auch nicht sagen. Bei uns ist das nie ein Thema gewesen. Frauen legen doch nicht anders auf als Männer. Das ist Blödsinn. Es gibt einfach gute und schlechte DJs.

EDM ist nicht Solomuns Sache. Die Stars der Szene seien gefangen in ihrer Welt, sagt er.
EDM ist nicht Solomuns Sache. Die Stars der Szene seien gefangen in ihrer Welt, sagt er.

Die ganze DJ-Produzenten-Kiste ist ja mittlerweile auch eine große Nummer in der Popkultur. Steve Aoki, Calvin Harris …

Vergiss nicht David Guetta! Der ist doch der Vorzeige-Protagonist in dem Bereich. Es ist schon krass, wie sich das alles so verändert hat. Irgendwann haben sich alle auf den Sound eingeschossen. Auch die ganzen Popproduzenten, denen der musikalische Hintergrund völlig egal ist. Die sind nur darauf bedacht, Geld zu machen. David Guetta war der heißeste Scheiß für die. Meins ist dieser ganze EDM-Sound überhaupt nicht. Kratzt mich nicht, berührt mich nicht. Aber ich respektiere das. Man findet mit vielen Menschen aus der EDM-Szene Schnittmengen. Und sie zollen einem Respekt. Calvin Harris hat zum Beispiel gesagt: "Wenn ich könnte, dann würde ich jetzt so auflegen wie Solomun." Die sind auch irgendwie gefangen in ihrer Welt.

Jetzt spielst du mittlerweile die gleichen Festivals wie sie, etwa auf dem Tomorrowland. Ich habe das Gefühl, dir gelingt allerdings wie kaum einem anderen der Spagat zwischen den ganz großen Bühnen und der Underground-Szene. Wie kommt das?

Ich überlege mir schon genau, welche Gigs ich zusage. Das Tomorrowland ist das wohl größte und bekannteste EDM-Festival der Welt. Dort gab es aber immer auch Underground-Stages. Das muss man den Veranstaltern zugutehalten. Als die mich letztes Jahr gefragt haben, ob ich auf der Main Stage spielen möchte, habe ich dankend abgelehnt. Für nächstes Jahr haben sie noch mal gefragt, ob ich nicht auf der Main Stage spielen will, vielleicht mache ich das sogar. Man braucht ja auch immer neue Herausforderungen.

So wie Ibiza? Auf der Insel gehörst du ja inzwischen auch zum Inventar. Ich denke aber immer als erstes an Paris Hilton.

Das ist leider immer das, was hängen bleibt: Paris Hilton im Amnesia. Und man denkt, Ibiza ist genauso. Mich hat die Insel eigentlich auch nie interessiert. Wieso sollte ich meine Ferien an einem Ort verbringen, an dem die Leute jeden Tag feiern? Das ist für mich kein Urlaub! Wenn meine Zeit kommt, kommt meine Zeit, habe ich mir gedacht. Und dann kam die erste Anfrage. Eigentlich kamen sehr viele Anfragen. Ich wollte vor allem mit Diynamic nach Ibiza, um dort etwas Eigenes zu machen. Aber ich hatte auch noch ein paar Gigs im Pacha. Die haben damals ganz okay bezahlt und ich hielt das für einen guten Testlauf, um mal zu gucken, wie ich da funktioniere.

Hat ja bestens geklappt. Und man lässt dich auch gestalten, richtig? Du hast zum Beispiel die DJ-Kanzel auf die Tanzfläche verlegt und bewegst dich jetzt mehr auf Augenhöhe mit deinem Publikum.

Das war ein kluger Schachzug von mir. Ich habe die VIPs im Nacken und das Tanzvolk vor mir. Ich war sogar damals so schlau, mir in den Vertrag schreiben zu lassen, dass ich der Einzige bin, der die Kanzel dort so nutzen darf.

Geschäftsmännisch gedacht!

Ich hatte es im Gefühl, dass das funktioniert. Und ich wusste, wenn es gut wird, wollen alle anderen das auch haben. Maceo Plex zum Beispiel. Ich habe ihm gesagt: "Neee, ich mag dich super gern, aber frag mich bitte nie wieder."

Du hast gerade schon die VIPs angesprochen. Es ist wahnsinnig teuer, auf Ibiza feiern zu gehen. Im Pacha zahlen die Leute mehrere Tausend Euro für ihre Tische, allein vom Eintrittsgeld könnte man in Berlin 24 Stunden feiern gehen. Wie ist das, für so ein Publikum zu spielen?

Ibiza war schon immer eine VIP-Insel. Schon vor 30 Jahren haben sich Grace Jones, George Michael, Duran Duran und Jean-Paul Gaulthier dort weggeschossen. Es mischen sich aber Celebrities, Leute mit Kohle und natürlich auch normale Urlauber. Die VIPs bei meinen Partys kennen sich zu 60 bis 70 Prozent mit der Musik aus. Die haben eben genug Geld, um sich mit ihren Freunden einen Tisch zu gönnen.

Wenn in der Hinsicht gestänkert wird, fühlen sich häufig diejenigen angegriffen, die so etwas wie den alten Geist der Techno-Szene vermissen …

Wir hatten doch noch nie wohligere Zeiten für unsere Musik. Egal, wo auf der Welt ich auflege, sind da ganz tolle Leute. Es gibt so viele großartige Labels und Künstler, die alle ungefähr auf dem gleichen Level spielen. Die Szene wächst ohne Ende, aber wir bleiben uns immer treu. Die Leute haben sich nicht verändert. Es ist eine allgemeine Krankheit, immer zu behaupten, dass früher alles besser war. Was war denn früher besser? Alle Erfahrungen, die man zum ersten Mal macht, sind besonders. Die wird man nie vergessen. Der erste Kuss, der erste Sex, die erste Freundin, die erste Pasta Carbonara, die so lecker war. Klar, früher war immer alles besser, weil es das erste Mal war. Aber wenn man ehrlich ist, haben wir im Moment eine ziemlich tolle und sehr spannende Zeit, was Musik angeht.

Perfektes Timing für ein neues Artist-Album eigentlich. Wann kommt es?

Tja, wenn mich die Muse küsst. Und wenn es mit meiner Zeit passt. Wahrscheinlich. Ich habe vor einem Jahr so einen kleinen Ansatz von Höhenflug gehabt, aber dann bin ich auf der 5000-Meter-Strecke bei 500 Metern zusammengeklappt. Keuchend und hustend musste ich das Rennen abbrechen.

Aber für die ersten 499 Meter war es schön!

Auf jeden Fall, es war euphorisch. So ein Album ist echt ein Thema. Ich finde, man sollte auch immer nur ein Album rausbringen, wenn man etwas zu erzählen hat, und nicht nur, weil es mal wieder an der Zeit ist. Aber ich merke langsam, es brodelt in mir.

Mit Solomun sprach Anna Meinecke.

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Quelle: n-tv.de

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