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Eine "unsägliche Idee"? Xavier Naidoo.
Eine "unsägliche Idee"? Xavier Naidoo.(Foto: picture alliance / dpa)

Dieser Weg wird kein leichter sein: ESC-Entscheid sorgt für Empörung

Von Volker Probst

Xavier Naidoo ist einer der erfolgreichsten deutschen Sänger. Aber er macht auch mit reichlich fragwürdigen Äußerungen auf sich aufmerksam. Mit der Entscheidung, ihn zum Eurovision Song Contest zu schicken, provoziert die ARD einen Eklat.

Es geht nur um den Eurovision Song Contest (ESC). Trotzdem versteht es die ARD, in einer Zeit, in der der Terror die Nachrichten und die Gedanken der Menschen dominiert, sogar damit für Wirbel zu sorgen. Beim Wettbewerb im kommenden Jahr in Stockholm werde Xavier Naidoo Deutschland vertreten, teilte der Senderverbund vollkommen überraschend mit. Kein Vorentscheid, keine Mitbestimmung der Fernsehzuschauer, sondern eine in den öffentlich-rechtlichen Redaktionsstübchen erdachte Top-Down-Entscheidung. Mitreden soll das Publikum nur dabei, welchen Song der 44-Jährige in Schweden trällern wird.

Hält Naidoo für einen "Ausnahmekünstler": ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber.
Hält Naidoo für einen "Ausnahmekünstler": ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber.(Foto: picture alliance / dpa)

Warum? "Xavier Naidoo ist ein Ausnahmekünstler, der seit knapp 20 Jahren seinen Platz im deutschen Musikleben hat. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, ihn direkt zu nominieren", sagt ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber. Und Naidoo frohlockt: "Ich hab richtig Lust auf den ESC! Dieser völkerverbindende Wettbewerb ist für mich etwas ganz Besonderes: Und klar, ich trete an, um das Ding nach Hause zu holen." Er werde zeigen, wofür er stehe - "für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander".

Einer für alle, alle für einen

Nun ist die Entscheidung schon unter demokratischen Aspekten ein Schuss vor den Bug der ESC-Fans. Klar, in den vergangenen Jahren lief es mit Cascada, Elaiza und der armen Ann Sophie, die das Debakel um Andreas Kümmerts Rückzug ausbaden musste, nicht so dufte. Doch war das die Schuld der Zuschauer, die die "Falschen" zum Song Contest entsandt haben? Wohl kaum - damit würde man Cascada, Elaiza und Ann Sophie, die zweifelsohne alle ihr Bestes gegeben haben, wirklich Unrecht tun. Und selbst wenn: Einer für alle, alle für einen. So sollte es bei einem Wettbewerb wie dem ESC sein.

Sie hatte es beim ESC in Wien nicht leicht: Ann Sophie.
Sie hatte es beim ESC in Wien nicht leicht: Ann Sophie.(Foto: picture alliance / dpa)

Dass die Aushebelung der Mitbestimmung durch die Zuschauer - die ja ohnehin bisher auch nur die Wahl aus einem vorgegebenen Set an Kandidaten hatten - keine so gute Idee ist, hatte schon Stefan Raab zu spüren bekommen. Seine von ihm für besonders pfiffig gehaltene Idee, Lena nach dem Sieg in Oslo ohne weitere Diskussion noch einmal zur "Titelverteidigung" antreten zu lassen, bescherte ihm schon damals heftigen Gegenwind. Und der ARD miese Quoten. Denn "Unser Song für Deutschland" war in etwa so spannend, wie Gras beim Wachsen zuzusehen. "Lovely Lena" hin oder her - mit ihrem automatischen Wiederantritt konterkarierte Raab just das demokratische Prinzip, das er bei Lenas Entdeckung ein Jahr zuvor noch postuliert hatte. Und insgeheim hat er das später auch verstanden.

"Eine Schande für Deutschland"

Doch dies ist nur ein, vergleichsweise vielleicht sogar banaler, kritischer Aspekt an der jetzigen ARD-Entscheidung. Naidoos Basta-Nominierung sorgt bei manch einem aus noch ganz anderen Gründen für Empörung. So twitterte etwa der allzeit bereite Medien- und ESC-Beobachter Stefan Niggemeier prompt: "Xavier Naidoo tritt 2016 für die Bundesrepublik (oder das Deutsche Reich, man weiß es bei ihm ja nicht) beim Eurovision Song Contest an." Und auch unter dem Artikel auf der vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) betriebenen Seite "eurovision.de", in dem Naidoos Ernennung zum Auserwählten verkündet wurde, häufen sich inzwischen die bissigen Kommentare. "Eine unsägliche Idee! Wie kann man einen Sänger nominieren, der gegen Minderheiten hetzt, arg religiös aufgeladen dabei argumentiert und rechte Gruppen unterstützt? Eine Schande für Deutschland", meint etwa ein Nutzer. Und ein anderer erklärt: "Wie schön, dass ein Rechtsradikaler jetzt 'für Deutschland' singt."

"Freiheit für Deutschland": Naidoo am 3. Oktober 2014 in Berlin.
"Freiheit für Deutschland": Naidoo am 3. Oktober 2014 in Berlin.(Foto: imago/Christian Ditsch)

Der Hintergrund ist klar: Seit geraumer Zeit tut sich der gebürtige Mannheimer mit deutschen, indischen, südafrikanischen und irischen Wurzeln nicht mehr nur als Sänger hervor, sondern auch mit politisch äußerst fragwürdigen Aktionen und Äußerungen. 2011 etwa beschuldigte er den damaligen  Bundespräsidenten Horst Köhler und Mitglieder der Regierung des Hochverrats, weil sie für die vorangegangene Finanzkrise mitverantwortlich seien. Am Tag der Deutschen Einheit 2014 trat er bei einer Veranstaltung der sogenannten "Reichsbürger" in Berlin auf. Sie gelten mit ihren Verschwörungstheorien als rechtsextremistisch und werden vom Verfassungsschutz beobachtet.

Mannheim auf Distanz

Und auch Naidoo kennt sich mit revanchistischen und absurden Verschwörungstheorien bestens aus. Er fordert "Freiheit für Deutschland", weil er das Land noch immer von Besatzungsmächten regiert wähnt. Er äußert Zweifel an der offiziellen Lesart der Terroranschläge vom 11. September 2001 und vermutet eine Verstrickung der USA in die Attentate: "Wer das als Wahrheit hingenommen hat, was da erzählt wurde, der hat den Schleier vor den Augen, ganz einfach." Und er scheut den Schulterschluss mit Rechtsextremen explizit nicht: "Ich möchte auf Menschen zugehen. Auch zu 'Reichsbürgern'. Auch auf die NPD. Das ist mir alles Wurst", sagte er im vergangenen Jahr in einem Interview mit dem Südwestrundfunk (SWR).

Erfolgreiches Team: Naidoo und Kollegen bei "Sing meinen Song".
Erfolgreiches Team: Naidoo und Kollegen bei "Sing meinen Song".(Foto: picture alliance / dpa)

Seine Heimatstadt Mannheim, für die Naidoo lange ein beliebtes Aushängeschild war, ist längst auf Distanz zu ihm gegangen. "Naidoo vertritt im Einzelnen radikal libertäre, antistaatliche Positionen, mit denen wir uns als Stadt in keiner Weise identifizieren können", sagte Oberbürgermeister Peter Kurz ebenfalls bereits 2014 der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). In Österreich wurde dem Sänger das "Goldene Brett vorm Kopf" für den "erstaunlichsten pseudowissenschaftlichen Unfug" verliehen. Und erst vor wenigen Wochen zeichnete ihn eine Berliner Initiative mit dem "goldenen Aluhut" für die abstruseste Verschwörungstheorie des Jahres aus.

Erinnerungen ans Sommermärchen

Doch damit nicht genug: Auch Homophobie und Antisemitismus musste sich der stets christlich gerierende Naidoo in den vergangenen Jahren wegen diverser Song-Texte vorwerfen lassen. Alles nur Missverständnisse, versicherte er. Und tatsächlich blieb eine Anzeige wegen angeblichen Aufrufs zur Gewalt gegen Homosexuelle ohne Folgen, während Naidoo vor Gericht erwirkte, dass er nicht als Antisemit bezeichnet werden darf. Doch ein "Gschmäckle" bleibt auch in diesen Fällen haften.

Natürlich ist all das nur die eine Seite des Xavier Naidoo, von der weite Teile der Öffentlichkeit vermutlich bisher kaum Notiz genommen haben. Sie haben den Mannheimer in ganz anderen Zusammenhängen vor Augen: als einen der erfolgreichsten Sänger des Landes mit mehr als 5 Millionen verkauften Tonträgern, als Juror der Castingshow "The Voice of Germany" und als Gastgeber des viel gelobten Formats "Sing meinen Song". Die Vox-Sendung wurde soeben erst mit dem Deutschen Fernsehpreis und einem Bambi ausgezeichnet. Für den Grimme-Preis ist sie nominiert.

Von den Erinnerungen an das "Sommermärchen" mal ganz zu schweigen. Wer hat nicht noch die Bilder vor Augen, in denen die Fußball-Nationalmannschaft und mit ihr das ganze Land Naidoos Hit "Dieser Weg (wird kein leichter sein)" mit voller Inbrunst schmetterte?

So gesehen ist die Entsendung des Popstars zum ESC durchaus eine Abwägung wert. Dementsprechend ist Naidoos Nominierung an sich auch weniger skandalös als der Umstand, dass die ARD anscheinend eine solche Abwägung noch nicht einmal vorgenommen hat und sie sich ihr nicht stellt. Stattdessen wird die Entscheidung selten naiv und dreist mal eben an den Gebührenzahlern vorbei durchgepeitscht und verkündet. Den Shitstorm dafür kassieren die öffentlich-rechtlichen Granden frei Haus. Dieser Weg wird für sie kein leichter sein. Und das zu Recht.

Quelle: n-tv.de

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