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Hat viel zu verarbeiten: Gwen Stefani.
Hat viel zu verarbeiten: Gwen Stefani.(Foto: Universal Music)

"Es waren Monate in der Hölle": Gwen Stefani rechnet ab

Gwen Stefani hatte das perfekte Leben: Eine Karriere als Frontfrau von No Doubt und solo, glamouröse Mode- und Stil-Ikone, verheiratet mit dem Bush-Sänger Gavin Rossdale, Mutter von drei Söhnen im Alter zwischen zwei und neun Jahren, globaler Superpopstar. Tja, und dann stellt sich heraus, dass der Gatte seit geraumer Zeit eine sexuelle Beziehung zum Kindermädchen unterhielt. Peng. Über die heftige Runde auf der Lebens-Achterbahn erzählt Stefani auf ihrem bemerkenswert persönlichen dritten Solo-Album "This Is What The Truth Feels Like" - und im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: "This Is What The Truth Feels Like" ist ein Album, das nach Frühling klingt. Die Songs sind freudig und frisch, sie handeln von Optimismus, Neuanfang und dem Verliebt sein.

Ihr Leben flog ihr im vergangenen Jahr mal so richtig um die Ohren.
Ihr Leben flog ihr im vergangenen Jahr mal so richtig um die Ohren.(Foto: Universal Music)

Gwen Stefani: Wow, das haben Sie aber schön ausgedrückt. Es ist wirklich verrückt: Wenn ich auf die vergangenen 20 Jahre zurückschaue, auf meine Musik mit No Doubt oder auch solo, dann habe ich noch nie ein wirklich glückliches Album geschrieben. Dieses hier kommt dem Glück tatsächlich am nächsten.

Ausgerechnet.

Ausgerechnet, ja (lacht). 2015 war eines der miesesten, seltsamsten, verrücktesten Jahre meines Lebens. Letzten Februar, mein Gott, das ganze Leben flog mir um die Ohren.

Sie trennten sich nach 13 Jahren Ehe von Gavin Rossdale, dem Vater ihrer drei Söhne, nachdem Sie herausfanden, dass er es mit der Treue recht locker hielt.

Ich will jetzt gar nicht auf die Einzelheiten eingehen. Was ich sagen kann, ist: Ich schöpfe auf diesem Album aus dem echten Leben. Als alles auseinanderfiel, an das ich glaubte, war ich monatelang wie benommen. Von Februar bis Juni vegetierte ich dahin, ohne überhaupt wirklich klar denken zu können. Es waren Monate in der reinen, absoluten Hölle. Ich war in Panik, ich wusste nicht, was ich tun sollte. So fertig und niedergeschlagen war ich zuvor noch nie gewesen.

Haben Sie sich gefragt, wie das alles passieren konnte?

Ach, man stellt sich alle nur erdenklichen Fragen. Wenn du dermaßen gnadenlos eins auf die Fresse bekommst, dann horchst du natürlich in dich hinein und haderst ohne Ende. Aber ich weiß, dass ich nichts falsch gemacht habe. Gar nichts! Ich stand auf einmal da und dachte: "Ruiniert das jetzt mein Leben?" Und: "Ruiniere ich mein Leben?" Dann begann ich, die Songs für dieses Album zu schreiben.

Sie hatten vor der Trennung unter anderem mit Pharrell Williams an einem Solo-Album gearbeitet, dieses dann aber komplett verworfen.

Wir hatten schon 2014 damit begonnen, die Songs stammten größtenteils nicht von mir und fühlten sich einfach nicht mehr richtig an. Ich wollte und musste noch einmal ganz von vorne beginnen. Ich dachte, wenn ich als Gwen Stefani 2016 wieder Musik mache, dann muss die schonungslos ehrlich sein.

Ist es korrekt, dass Sie an einer Art kreativen Blockade litten?

No Doubt, Solokarriere, drei Kinder ... Irgendwann wurde ihr alles zu viel.
No Doubt, Solokarriere, drei Kinder ... Irgendwann wurde ihr alles zu viel.(Foto: Universal Music)

Seit Jahren, ja. Ich denke, man kann es als Burnout bezeichnen. Die Ursachen liegen schon lange zurück. Vor gut zehn Jahren nahm ich mein erstes Solo-Album auf und startete meine Mode-Firma "LAMB". Ich ging auf Tour und wurde schwanger. Es war alles superanstrengend. Als mein ältester Sohn Kingston acht Wochen alt war, nahm ich meine zweite Solo-Platte "The Sweet Escape" auf, spielte 120 Shows in aller Welt, und als ich einen Monat wieder zuhause war, wurde ich schwanger mit Zuma. Es war irre, ich hatte einfach nie eine Pause.

Sie hätten sich eine nehmen können.

Ich wollte nach den Solo-Erfolgen die Band nicht hängen lassen und zwang mich dazu, mit No Doubt neue Musik aufzunehmen. Es war ein jahrelanger Krampf, und als das Album "Push & Shove" 2012 herauskam, lief es überhaupt nicht. Das war für uns alle eine wahnsinnige Enttäuschung. Wir wollten weiterschreiben, aber es fiel uns auch gar nichts mehr ein. Dann wurde ich schwanger mit Apollo, ein echtes Wunder, und ich entschloss, erstmal gar nichts mehr zu arbeiten.

Man könnte denken, Sie schreiben ihre besten Songs nach Trennungen. "Don't Speak" entstand damals nach dem Ende ihrer Beziehung zu ihrem No-Doubt-Kollegen Tony Kanal, "Used To Love You" ist die Aufarbeitung ihrer jetzigen Scheidung.

Da ist was dran. Allerdings war es seinerzeit mit "Don't Speak" doch ein bisschen anders. Wir waren fast noch Kinder, die nach der High School lieber Musik machten, als sich um irgendwelche Berufe zu kümmern, wir wussten noch gar nicht richtig, wie Songschreiben geht und hatten bis dato null Erfolg gehabt.

Sie sind im Juni 2015 wieder ins Studio gegangen und haben "Used To Love You" geschrieben. Was war das für ein Gefühl?

Ein Unbeschreibliches. Ich war anfangs extrem unsicher, doch ich wusste, dass es mir gut tun würde, wieder zu arbeiten. Der einzige Ort, an dem ich buchstäblich nicht dachte, sterben zu müssen, der war im Studio. Ich schrieb dann also mit verschiedenen Leuten, die ich gar nicht kannte und die auch nicht wussten, was mit mir los war, denn ich habe nur wenige Menschen in dieses traurige Geheimnis eingeweiht. Zuerst schrieb ich also "Red Flag" …

Das ist ein sehr dunkler, sehr böser Song, in dem Sie dem Partner vorhalten, alles versaut zu haben …

Eine Abrechnung, ja. Und therapeutisch sehr wertvoll (lacht). Es öffnete sich ein kreativer Kanal für mich in jenen Tagen. So wohl hatte ich mich im Studio noch nie gefühlt, früher war das immer eher so wie Hausaufgaben machen für mich - notwendig, aber anstrengend. Wir schrieben in acht Wochen einen Song nach dem anderen, und dann meldete sich meine Plattenfirma.

Mit Glückwünschen.

Von wegen. Ich fühlte mich gerade wieder besser und sogar ziemlich stark, da meinten die: "Gwen, wir haben das Gefühl, dein Album ist zu persönlich." Sie wüssten nicht, ob das irgendjemanden da draußen interessieren würde. Das war der nächste Schlag in den Magen. Ich war so frustriert. Und am nächsten Tag schrieb ich "Used To Love You", woraufhin die Plattenfirma meinte: "Ein grandioser Song, ein Hit."

Das Lied ist ja trotz des Trennungsthemas eigentlich ganz versöhnlich.

Mittlerweile ist Stefani ganz offiziell mit Blake Shelton liiert.
Mittlerweile ist Stefani ganz offiziell mit Blake Shelton liiert.(Foto: AP)

Ich weiß. Aber es entspricht dem, was ich empfunden habe. Ich war am Anfang nur wütend, nur unendlich enttäuscht. Nach und nach schleicht sich so etwas wie die Bereitschaft zur Vergebung ein. Fast so etwas wie Akzeptanz.

Man kann es nicht ändern. Was passiert ist, ist passiert.

Exakt. Das Leben ist nicht planbar. Alles kann sich von einer Minute auf die nächste verändern. Du weißt nie, wer oder was hinter der nächsten Kurve auf dich wartet.

Auf Sie wartete hinter der nächsten Kurve der Countrysänger Blake Shelton, den Sie als Coach bei "The Voice" kennenlernten und mit dem Sie seit einigen Monaten liiert sind.

Mein Leben ist einfach extrem gewesen in jüngster Zeit. Ich sollte ja eigentlich dankbar sein für die Scheiße, die letztes Jahr passiert ist. Denn ohne das Schlimme wäre mir jetzt nicht das Tolle passiert.

Auf ihrer neuen Single "Make Me Like You" hören Sie sich so leicht und unschuldig an wie ein verliebter Teenager.

Hihi, das ist süß. Ach, aber es stimmt. Ich fühle mich gerade wie ein 17-jähriges Mädchen.

Dank ihrer Beziehung zu Shelton?

Ja, das fühlt sich sehr gut an. Als ich bei "The Voice" war, gab es dort halt diesen Mann, der zur selben Zeit ziemlich genau dasselbe durchmachte wie ich, der auch eine Scheidung zu durchleben hatte.

Was hat er bewirkt?

Er hat mich gerettet. Und ich war bereit, gerettet zu werden. Ohne diese Rettung weiß ich nicht, wie es mit mir weitergegangen wäre. Diese Gefühle der Hoffnung, des Aufbruchs, das ist schon der Wahnsinn gerade. Ich bin echt froh, dass ich meine Musik habe, in der ich meine emotionalen Hochs und Tiefs verarbeiten kann.

Das Album "This Is What The Truth Feels Like" ist ab sofort erhältlich.
Das Album "This Is What The Truth Feels Like" ist ab sofort erhältlich.(Foto: Universal Music)

Wie würden Sie ihre Beziehung aktuell beschreiben?

Ohne noch mehr ins Detail gehen zu wollen, denn meine Gefühle breite ich ja auch sehr unmittelbar in den Songs aus, möchte ich es so sagen: Ich habe die Liebe gefunden, und ich habe mich noch nie so verliebt gefühlt. Es ist wirklich wundervoll. Das Leben ist richtig herrlich gerade.

In "Misery" singen Sie "You're like Drugs to me", in "You're my Favourite" bezeichnen Sie ihren neuen Freund als Lieblingsmenschen. Romantisch, sehr romantisch.

(Kichert) Wie peinlich. Wow. Klar, das stimmt wohl. Es ist romantisch. Für mich ist das etwas Neues, solche Liebeslieder schreiben zu können. In meinen früheren Liebesliedern, wenn ich mir die Texte heute so anschaue, gab es immer den einen oder anderen Widerhaken. Selbst glückliche Lovesongs kamen bei mir nie ohne das Kleingedruckte aus.

Woran mag das liegen?

Nun, sehr wahrscheinlich daran, dass ich selbst glaubte und die Erfahrung machte, eine gute Beziehung sei ohne das Kleingedruckte nicht zu haben.

Sind Sie also so glücklich wie nie zuvor?

Ich bin schon glücklich, aber ganz so schwarz und weiß ist es nicht. Es gibt immer noch Teile, die ich erst wieder aufheben und an ihren Platz legen muss. Ich bin immer noch in einer Übergangsphase, in der ich verstehen will, was passiert ist und wie es überhaupt passieren konnte.

Sie hätten nicht gedacht, einmal eine geschiedene Frau zu sein?

Das ist traumatisch für mich gewesen, als unsere Familie zerbrach. Apollo hat gerade seinen zweiten Geburtstag gefeiert, wir hatten eine lustige Party, die Jungs werden so schnell älter, und ich versuche, so viel bei ihnen zu sein wie möglich. Die Zeit vergeht ja so schnell. Wissen Sie, meine Eltern sind seit der Schule zusammen und immer noch glücklich verheiratet. Sie haben vier Kinder großgezogen, Mum kümmerte sich um uns, Dad ging arbeiten. Mit diesem Ideal einer glücklichen Familie bin ich aufgewachsen. Es ist hart für mich zu verstehen, dass meine Träume so zerschellt sind, und diese Verarbeitung wird noch geraume Zeit dauern.

Mit Gwen Stefani sprach Steffen Rüth

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Quelle: n-tv.de

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