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Lemmy Kilmister beim Konzert in der Berliner Max-Schmeling-Halle am 16. November 2014.
Lemmy Kilmister beim Konzert in der Berliner Max-Schmeling-Halle am 16. November 2014.(Foto: imago/Mauersberger)

Lemmy Kilmister und die Politik: "In der Welt passiert so viel Scheiße"

Lemmy Kilmister hat sich von seinen gesundheitlichen Problemen einigermaßen erholt und geht mit Motörhead wieder auf Tour. Mit n-tv.de spricht er über sein Image, Freundschaft und Politik sowie die Erfindung des Patronengurt-Looks.

Zweimal mussten Motörhead ihre Europa-Tournee verschieben. Schließlich ist auch an Rock'n'Roll-Rampensau Lemmy Kilmister der jahrelange Raubbau am Körper durch Drogen und Alkohol nicht spurlos vorbeigegangen. Nach einer Herz-OP und anderen medizinischen Eingriffen ist der 68-Jährige aber wieder einigermaßen fit und steht mit Phil Campbell und Mikkey Dee auf der Bühne. Bevor es in Berlin losgeht, empfängt Mister Kilmister n-tv.de in seinem Umkleideraum im labyrinthartigen Keller der Konzerthalle. Wie immer sitzt er vor einem Geldspielautomaten, raucht Marlboro und trinkt Wodka mit Orangensaft. Eigentlich heißt es, Lemmy würde jetzt gesünder leben. Ganz auf Alkohol und Nikotin scheint er aber nicht verzichten zu können. Mit leiser Stimme nuschelt der Motörhead-Boss ein "Wie geht's?" und fragt freundlich: "Was möchtest du trinken?" Er hat deutlich abgenommen, sein Händedruck ist kraftlos - fast wirkt er zerbrechlich. Seine Promoterin sagt noch schnell: "Keine Fragen zum Gesundheitszustand", dann kann es losgehen.

n-tv.de: Wie wichtig ist es, im Rock'n'Roll-Business ein Image zu haben?

Lemmy Kilmister: Ich glaube, es ist wichtig. Aber als ich eines bekam, habe ich nicht viel darüber nachgedacht.

Dein Image scheint immer eng mit Alkohol und Drogen verbunden zu sein: Lemmy als der harte Typ, der unzerstörbar zu sein scheint. Ist das nicht ein bisschen traurig?

Lemmy Kilmister wurde an Heiligabend 1945 geboren. 1975 war er als Gitarrist und Sänger Mitbegründer von Motörhead - und ist als einziges Urmitglied noch an Bord.
Lemmy Kilmister wurde an Heiligabend 1945 geboren. 1975 war er als Gitarrist und Sänger Mitbegründer von Motörhead - und ist als einziges Urmitglied noch an Bord.(Foto: imago/Stefan M Prager)

Ich kann das nicht ändern. Die Zeitungen berichten eben so über mich. Ich kann das aber auch nicht mein ganzes Leben lang durchhalten. Statt Jack Daniel's trinke ich nun gelegentlich Wodka. Im Gegensatz zu trübem Alkohol soll klarer weniger gefährlich sein.

Du hast doch aber bestimmt auch eine weiche Seite?

Oh ja. Schließlich habe ich Songs wie "1916" oder andere Balladen geschrieben.

Im Text von "1916" geht es um einen 16-Jährigen, der freiwillig in den Krieg zieht und das dortige Grauen erlebt. Als sein Freund neben ihm im Schützengraben stirbt, kotzt er Blut und schreit nach seiner Mutter.

Ja, ich habe den Song geschrieben, um die Kids über den Ersten Weltkrieg aufzuklären. Das Album "1916" ist eines unserer Highlights.

Euer aktuelles Album "Aftershock" ist aber auch sehr gelungen. Von den neueren Veröffentlichungen ist es meiner Meinung nach die beste seit "Inferno". Um ehrlich zu sein, hätte ich eine solch gute Platte nicht mehr von euch erwartet.

Oh, vielen Dank. Selbst wir alten Männer können die Leute noch überraschen. Ich glaube, wir haben aber all die Jahre ein bestimmtes Qualitätslevel nie unterschritten. Und darauf bin ich stolz.

Es ist ja kein Geheimnis, dass du im vergangenen Jahr mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hattest. Wer hat dir in dieser Zeit am meisten geholfen?

Die Ärzte, haha.

Ich meine natürlich mehr auf freundschaftlicher Ebene.

Meine Freundin. Sie war immer für mich da. Auch im Krankenhaus. Sie hat auf einer Couch neben mir geschlafen.

Lemmy gönnt sich einen Schluck Wodka-Orange.

Du kommst unglaublich viel in der Welt herum, kennst viele Menschen. Hast du auch viele gute Freunde?

Gitarrist Phil "Wizzö" Campbell ist seit 1983 bei Motörhead dabei, hier beim Konzert im Münchner Zenith.
Gitarrist Phil "Wizzö" Campbell ist seit 1983 bei Motörhead dabei, hier beim Konzert im Münchner Zenith.(Foto: imago/Stefan M Prager)

Nein, richtig gute Freunde habe ich nicht viele. Die meisten davon gehören zur Crew. Wir sind wie eine Familie. Ich stehe unserem Gitarristen Phil Campbell sehr nahe. Auch wenn man uns nicht oft zusammen sieht. Wir kennen uns seit 30 Jahren, das ist mehr als die Hälfte seines Lebens. Das ist großartig.

Was bedeutet Freundschaft für dich?

Wenn du zu deinem Freund stehst, selbst wenn er auf der Flucht wegen Mordes ist. Das ist wahre Freundschaft.

Eigentlich bist du doch eher der Typ einsamer Wolf, der gerne allein ist, oder?

Stimmt, ich will meine Ruhe haben. Ich kann es nicht leiden, wenn um mich herum zu viel los ist.

Motörhead waren am Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre sehr erfolgreich. In den 90er-Jahren ging der kommerzielle Erfolg zurück. Seit einigen Jahren ist die Band wieder sehr populär …

… wir sind so populär wie niemals zuvor.

Besonders du erfährst große Anerkennung. Selbst große Zeitungen wie die "New York Times" reißen sich um Interviews.

Das liegt an dem Dokumentarfilm von 2010 über mich. Den haben auch Leute gesehen, die vorher nie zu unseren Konzerten gekommen sind.

Fühlst du eine späte Genugtuung darüber, dass ihr nun den Erfolg erfahrt, den ihr verdient?

Ich bin zu alt, um das noch genießen zu können, haha. Nein, natürlich ist das großartig.

Welche war die schönste Zeit in deiner Karriere?

Keine Ahnung, ich hatte eine Menge guter Phasen. Motörhead gibt es seit 40 Jahren. Wie würdest du antworten? Wie lange bist du schon am Leben?

Seit 42 Jahren.

Okay, wie würdest du dein gesamtes Leben beschreiben? Ich glaube nicht, dass du das kannst. Jede Phase ist unterschiedlich und man kann sie nicht miteinander vergleichen.

Bist Du mit den Jahren eigentlich milder geworden oder immer noch so wütend wegen all der Missstände auf der Welt?

Ich bin immer noch wütend und sollte es auch sein. In der Welt passiert so viel Scheiße, und es wird immer schlimmer, nicht besser.

Was denkst du über die USA und ihren "Krieg gegen den Terror"?

Den Krieg wegen der Drogenanbaugebiete in Afghanistan kannst du nicht gewinnen. Du kannst keinen Krieg gewinnen, wenn du keinen richtigen Gegner hast. Nur um Kontrolle erlangen zu wollen, darfst du nicht kämpfen. Das ist kein Krieg.

Wie informierst du dich über das Weltgeschehen? Benutzt du das Internet?

Nein, ich schaue mir die englischen Nachrichten an.

Die englischen Nachrichten, nicht die amerikanischen? Immerhin lebst du dort?

Die amerikanischen Nachrichten sind keine Nachrichten, sie sind die Meinung der Regierung.

Stimmt es eigentlich, dass du eines Nachts aufgewacht bist, zu Zettel und Stift gegriffen und die erste Textzeile von "Orgasmatron" geschrieben hast und am nächsten Morgen konntest du dich an nichts mehr erinnern?

Ja, das stimmt. Das war aber das einzige Mal, dass mir so etwas passiert ist. Das ist auch lange her.

Früher hast du immer diese legendären weißen Stiefel getragen. Warum trägst du die nicht mehr?

Ich konnte sie nicht mehr tragen, weil ich Diabetes bekommen habe. Sie waren zu eng für meine Füße. Die Stiefel, die ich jetzt trage, sind viel weiter und komfortabler.

Motörhead war die erste Band, an die ich mich erinnern kann, die Patronengurte trug. Später war das im Heavy Metal und Punk weit verbreitet. Hast du diese Mode erfunden?

Ja, das kann man so sagen. Ich habe die ersten Patronengurte bei einem Typen auf einem Markt von Vietnam-Veteranen gekauft. Dann habe ich unseren früheren Gitarristen Eddie einen gegeben. Ich glaube Philthy, unserer damaliger Schlagzeuger, hat sich dann auch einen besorgt. Ich hätte mir das Copyright dafür geben lassen sollen.

Mit Lemmy Kilmister sprach Matthias Bossaller

Quelle: n-tv.de

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