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Noel Gallagher würde uns im Handumdrehen einen James-Bond-Song schreiben.
Noel Gallagher würde uns im Handumdrehen einen James-Bond-Song schreiben.(Foto: imago/ZUMA Press)

Große Klappe: Noel Gallagher: "Lasst mich einen Bond-Song schreiben!"

Die Stimmung auf dem Falkplatz ist bestens. Blasse Jünglinge mit Fishtail-Parkas und Paul-Weller-Haarschnitten schmettern schon zwei Stunden vor Beginn "Champagne Supernova" in den Abendhimmel, Bierflaschen ploppen und VW-Bullis mit Hamburger, Essener und Münchner Kennzeichen säumen den Parkplatz, in den Fenstern sichtversperrende Oasis-Fahnen.

Geflaggt ist auch im Gewölbegang der Halle. Das hellblaue Vereinsbanner von Manchester City prangt gegenüber vom Interviewraum. Der Ort des Geschehens: ein 9-Quadrameter-Verlies, fensterlos, grell beleuchet. Ein Tisch, zwei Stühle. So sehen Räume aus, in denen am Sonntagabend in der ARD Verdächtige darüber Auskunft geben, wo sie sich zur Tatzeit aufgehalten haben. Am Tisch sitzt Gallagher, latent verschlafen, dabei aber nicht unfreundlich.

n-tv.de: Du reist mit einer Fahne deiner Lieblingsmannschaft?

Noel Gallagher: Immer.

Was ist am Wochenende in Burnley schiefgelaufen?

(Manchester City, Gallaghers Lieblingsverein, der in den 90ern mit Oasis-Schriftzug auf der Brust auflief, hatte mit 0:1 bei Abstiegskandidat Burnley verloren)

Mann, das war einfach Scheiße. Die Jungs waren im Geiste wohl schon beim Spiel gegen Barcelona.

Einer eurer Spieler hat früher bei meinem Lieblingsverein gespielt.

Wirklich? Wer?

Vincent Kompany.

Ach, Vinnie. Du stehst auf den Hamburger SV. Vincent ist großartig.

In der Tat, wir könnten einen wie ihn gerade gut gebrauchen.

Das tut mir leid für dich.

Wir sind gewöhnt dran, es läuft seit ein paar Jahren eher mies für den HSV. Aber sprechen wir über dich: Auf den Tag genau vor 20 Jahren habt ihr mit Oasis auf US-Tour in Detroit gespielt. Heute finden sich von jener Setlist noch genau zwei Songs in deinem Programm. Kannst du spontan sagen, welche?

(Er überlegt sehr lange. Sehr angestrengt.)

Digsy’s Dinner!

Ganz genau. Von allen möglichen Songs ausgerechnet der. Warum?

Keine Ahnung. Ich mag ihn einfach.

Ist es schwer, heutzutage eine Setlist zusammenzustellen?

Klar, unglaublich. Es dauert ewig. Ich meine - ich könnte zwei Stunden einfach nur Oasis-Songs spielen und alle fänden es okay. Aber ich habe ein neues Album veröffentlicht und das will ich präsentieren.

Am Ende gibt es sicher viele, die meckern, oder? "Warum spielst du nicht 'Wonderwall'?" So in der Art?

Das kann ich dir sagen. Aber das muss mir egal sein.

In einem Interview hast du dich neulich darüber ausgelassen, wie sehr die großen Bands von der Reibung zwischen ihren Protagonisten - Jagger/Richards, Lennon/McCartney, Daltrey/Townshend - gelebt hat. Wie ist das für dich heute ohne deinen Bruder? Fehlt da was?

Liam kann immerhin die internationale Zeichensprache.
Liam kann immerhin die internationale Zeichensprache.(Foto: imago sportfotodienst)

Dann sag' mir doch mal, was das Besondere an denen ist, die du jetzt genannt hast! Diese Leute haben sich gegenseitig inspiriert, die haben zusammen etwas geschaffen. Mein Bruder hat einen Scheiß zu den Songs beigetragen, die ich geschrieben habe. Er hat sie gesungen. Fuck it. Das ist alles. Ob mir da was fehlt? Ganz sicher nicht.

Dennoch wird alles heute im Oasis-Kontext bewertet, mit alten Songs verglichen. Ich mache es ja auch. Ist das ok für dich? Fühlst du dich als Solokünstler heute unter- oder falsch bewertet?

Ach, ich weiß nicht. Sieh es mal so: Hätte ich zu diesen ganzen Klassikern von damals nichts beigetragen, ok, dann würde es mir sicher auf den Sack gehen, sich das immer wieder anzuhören zu müssen, wie toll das früher alles war. Aber hey, ich habe die Songs ja auch alle geschrieben. Von daher ist es absolut in Ordnung.

Zwei deiner besten Freunde waren auch einst in Bands, deren Reunion einer Menge Leute gefallen würde. Sitzt du manchmal mit Johnny Marr und Paul Weller bei einem Pint, oder zehn, zusammen und ihr denkt euch: 'Jetzt machen wir es einfach'?

Wenn ich recht überlege, haben wir zu dritt noch nie zusammengesessen. Komisch eigentlich. Bei Marr und den Smiths bin ich nicht so sicher. Aber Weller und eine Reunion? Mann, das wird nie, nie, nie passieren.

Du würdest dir The Jam aber doch angucken, oder?

Hundertprozentig. Das wäre fantastisch.

Wenn ich mir dein aktuelles Album, das großartig ist, so anschaue, dann habe ich zuweilen das Gefühl, du verkaufst dich unter Wert. Das Artwork "Mann vor Mauer" ist, höflich gesagt, schlicht. Die Songtitel hat es fast alle schon mal gegeben. Und den Albumtitel, morgens von dir im Halbschlaf am Telefon ausgesucht, bereust du einen Tag später schon. Was ist da los?

Ich bin einfach nicht der Typ, der da so die Welle macht. Ich schreib die Songs. Ich spiele sie. Ich singe sie. Klar, wären die Kritiken nicht so gut, würden die Leute es nicht mögen, das würde mich schon treffen. Aber was soll ich machen?

Nicht berühmt genug für einen Bond-Song? Da lachen ja die Hühner.
Nicht berühmt genug für einen Bond-Song? Da lachen ja die Hühner.(Foto: imago/ZUMA Press)

Beim Konzert genau jenes Bild: Gallagher kommt, er spielt, er singt. Nicht mehr und nicht weniger. Einen Job als Gitarrist von U2 würde er mit Kusshand annehmen, hatte Gallagher jüngst bekundet. Hauptsache: Nicht vorne stehen und singen. Nun - solange Bono nicht anruft, wird er weiter am Mikro seinen Job machen müssen. Und das Publikum in der - soundtechnisch eher grenzwertigen - Sporthalle dankt es ihm. "The Death of You and Me" verströmt Britpop-Kirmes, zu "Ballade of the Mighty I" gibt es auf der großen Leinwand Animationen, die wie alte Windows-Bildschirmschoner aussehen. "Lock all the Doors" hat mächtig Feuer und mit "The Dying of the Light" nimmt Gallagher, mittlerweile mit Akustikgitarre, bestens getimed das Tempo raus. Und die Bläser bei "The Mexican" sind superb. Bei "Champagne Supernova" schließlich wird überdeutlich, was hier am meisten ins Herz greift. Eben - die ollen Oasis-Klassiker.

Ich frage mich, warum du einen Übersong wie "While the Song remains the Same" nicht auf der Setlist hast.

Ganz ehrlich - das ist ein Albumtrack. Wenn ich den heute spielen würde, er gefiele dir sicher nicht so gut wie auf der Platte. Das sind so viele kleine Details drin.

Als ich ihn das siebte, achte Mal gehört habe, mit seiner Mischung aus lässigem Fingerschnippen, der Eleganz und der diffusen Spannung, dachte ich: Lasst diesen Mann endlich einen Bond-Song schreiben.

Ha, das wäre es. Einen Song für einen Bond-Film, na klar. Den schreibe ich dir im Handumdrehen. Aber ich glaube, ich bin dafür nicht berühmt genug. (grinst)

Wo siehst du dich in 20 Jahren?

Oh Mann, da bin ich, was, 67? Ich hoffe, ich bin dann nicht mehr in einem Raum wie diesem hier.

Wirst du noch touren?

Das hoffe ich doch sehr.

Wird die BBC noch deine Songs spielen oder bist du dann auch zu alt?

Ach, das verdammte Radio. Die wollen dir weismachen, dass du nicht mehr existierst. Die Leute da draußen entscheiden und meine Platten sind oben in den Charts. Davon abgesehen ist mir das egal, ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, eine gute Zeit zu haben. Wenn die mich nicht mehr spielen … so fuckin' what.

Mit Noel Gallagher sprach Ingo Scheel

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Noel Gallagher's High Flyin' Birds sind am 19. März in Düsseldorf zu sehen und zu hören.

Quelle: n-tv.de

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