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Wie Bruder und Schwester, auf keinen Fall ein Liebespaar!
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Common Linnets, die ESC-Zweiten: Von wegen Ruhe nach dem Sturm

Gänsehaut-Moment beim Eurovision Song Contest: Da stehen zwei Menschen auf der Bühne, June Carter und Johnny Cash gleich, schauen und singen sich an. Ruhig, schön, ernsthaft. Sämtlicher Zirkus, den andere Bands auslösen beim ESC, sämtlicher Trash scheint für eine paar Minuten verbannt aus dem Kopenhagener Stadion. Und auch wenn die Österreicherin Conchita Wurst den ersten Platz macht - die Common Linnets sind die Sieger der Herzen. Die Niederländer Ilse DeLange und Waylon jedenfalls sind überwältigt von ihrem Erfolg. Und auch wenn die Band nicht in ihrer ESC-Besetzung auf Tour gehen wird - von denen wird man noch viel hören, denn nicht nur ihr Song geht ins Ohr, sondern auch der Rest des Albums.

"Calm After The Storm"  schoss direkt auf Platz 2 der deutschen iTunes-Charts. Über ihren sensationellen Erfolg und "was danach geschah" sprachen wir mit Ilse DeLange in Berlin.

n-tv.de: Und - ist es immer noch so aufregend wie kurz nach dem ESC?

Ilse DeLange (völlig heiser und lachend): Es ist ja noch gar nicht so lange her, aber es fühlt sich an wie Ewigkeiten, weil so viel passiert ist.

Du hast mit diesem Trubel nicht gerechnet?

Nein, nein, überhaupt nicht! Aber dadurch, dass man vor Millionen Zuschauern auftritt und in so vielen Ländern gesehen wird, ist das Interesse natürlich unglaublich groß. Und auch mit dem Erfolg in den einzelnen Charts hätte ich nie im Leben gerechnet. Das Beste daran ist, dass nicht nur unser Song so durchstartet, auch das ganze Album ging gleich ab. Ich muss das ehrlich gesagt alles noch verarbeiten. Aber ich liebe es!

Das ist ja eine ganz andere Art von Musik, als man sie so gewöhnt ist von einer ESC-Veranstaltung: Normalerweise ist das Schlager, Pop, Humtata, Klamauk, Drama, Kitsch. Und dann steht ihr da plötzlich - ernsthaft, schön, einfach. Wie konnte es denn dazu kommen?

Überwältigt von ihrem Erfolg: Waylon und Ilse DeLange.
Überwältigt von ihrem Erfolg: Waylon und Ilse DeLange.

(lacht) Ich denke, dass gerade der Kontrast zu den anderen sich zu unseren Gunsten ausgewirkt hat, ja. Jetzt sind in Holland natürlich alle ganz happy und stolz, aber am Anfang, wenn man da antritt und mit seinem Lied hinfährt, um sein Land zu vertreten, dann kommt eigentlich immer erst einmal Ablehnung, alle denken, dass es nicht gut genug ist. Das ist jedes Jahr so, wir waren darauf vorbereitet! (lacht) Das hatte sich allerdings geändert, nachdem wir das Halbfinale hinter uns gebracht haben, da kam eine total andere Stimmung auf! Ab da haben wir gemerkt, dass unser Song ankommt und funktioniert. Als wir Kopenhagen verlassen haben und zu Hause angekommen sind, war der Flughafen voller Menschen, voller Fans, das war großartig. Ich dachte, wir hätten die Olympischen Spiele gewonnen!

Was kriegt man da mit, wenn man auf einer so großen Bühne wie der in Kopenhagen steht? Was für eine Energie gibt es da?

Nach ein paar Proben merkt man was: Da hat man ein Gefühl für den Ort. Aber auch ganz genaue Vorstellungen, wie alles auszusehen  und zu laufen hat - wenn man seine Ehrfurcht erst einmal überwunden hat. Es war so speziell alles! Und die Mitarbeiter in Kopenhagen, das ganze Team dort vor Ort, war so hilfsbereit. Und je länger wir dort waren, desto klarer wurde mir: Wow, wir werden ganz anders sein als die anderen (lacht). Aber das hat mir gar nichts ausgemacht, ich wäre mit jedem Platz zufrieden gewesen, denn wir hätten es nicht anders machen können. Und in großen Arenen spiele ich ja öfter, in Holland zumindest. Ich schätze, diese Erfahrung hat mir sehr geholfen, nicht vollkommen nervös zu sein. 

Ab jetzt spielt ihr vielleicht auch oft in anderen Ländern, oder?

(lacht) Ja! Hoffentlich! Ich fänd's toll. Aber wir haben noch keine Tour geplant, weil das jetzt alles so plötzlich kam. Ich arbeite dran. Wir hatten gerade einen kleinen Auftritt in Wien, ganz spontan, das war fantastisch! Aber ich hab' so große Lust, dieses Album auf einer Tour zu singen, ich liebe diese Musik.

In Österreich, dem Land der Siegerin, seid ihr auch wahnsinnig erfolgreich.

Waylon kümmert sich erst einmal wieder um seine eigenen Projekte.
Waylon kümmert sich erst einmal wieder um seine eigenen Projekte.

Ja, das ist toll, denn der Unterschied zwischen Conchita und uns könnte kaum größer sein (lacht). Diese Tatsache, dass Nummer eins und Nummer zwei so konträr sind, liebe ich. Und es spricht für den Eurovision Song Contest.

Wie war es denn mit Conchita in Kopenhagen?

Sie ist echt was ganz Besonderes. Das ist wirklich etwas passiert in dem Moment, in dem sie auf die Bühne gegangen ist, das kann man nicht anders beschreiben. Es war so ein ergreifender Moment, der Song war wuchtig, sie so überzeugend - es war eine Glanzleistung. Denn für einen Auftritt, wie Conchita ihn hingelegt hat, braucht man enorme Bühnenpräsenz. Viele haben hinterher gesagt: "Ja, das war doch nur ein Statement, eine einzelne Aussage", aber das glaube ich nicht. Da wird noch mehr kommen, und sie hat eine ganz unglaubliche Stimme. Ich habe also überhaupt kein Problem damit, dass wir Zweite wurden.

Wie viel June Carter und Johnny Cash steckt in euch?

(lacht) Das ist einfach nur eine große Ehre, wenn das so gesehen wird, aber natürlich haben die beiden uns sehr beeinflusst. Country-Musik ist wichtig für uns. Aber jetzt muss ich mal was korrigieren: The Common Linnets sind kein Duo, sondern viel mehr. Wir haben nur dort zu zweit gestanden. The Common Linnets ist eher eine Plattform für alle, die mit der Musik zu tun haben: die Musiker, die Texter, die Produzenten, und das wechselt auch immer wieder. Waylan zum Beispiel arbeitet gerade an seinem eigenen Album, und er ist auf Tour, deswegen ist er jetzt auch nicht dabei.

Wirst du Fußball zur WM gucken?

Auf jeden Fall, ich bin ein totaler Fußball-Chauvi! Ich sitze vor der Glotze und feuere mein Team an. Ich brauche Snacks und Drinks und bin quasi einer von Millionen Trainern. Ganz Holland ist dann eine Public-Viewing-Zone.

Wie kommt es nun aber bloß, dass wir vorher noch nie etwas von euch hier in Deutschland gehört haben? Das tut mir richtig leid ...

Der Gemeine Zeisig - ein wunderhübscher Singvogel aus der Familie der Finken.
Der Gemeine Zeisig - ein wunderhübscher Singvogel aus der Familie der Finken.

Hach, kein Problem, jetzt ist ja alles gut (lacht)! Ich denke: Die Zeit war einfach noch nicht reif. Wir haben es versucht, daran liegt es nicht, aber es hat nicht geklappt. Und jetzt, mit all der Aufmerksamkeit, nach 15 Jahren Musik, muss ich schon sagen, dass es mich echt berührt hat, was jetzt los ist. Wir haben an so vielen Türen gekratzt, und keine ging so richtig auf, jetzt sind sie weit offen und man wird fast hereingezerrt. Das ist sehr emotional für mich!

Das Image des Eurovision Songs Contest hat sich, glaube ich, total geändert seit ein paar Jahren. Wenn man früher beim Song Contest teilgenommen hat, dann konnte man sich ziemlich sicher sein, dass man auf dem absteigenden Ast war. Jetzt ist genau das Gegenteil der Fall - hast du eine Ahnung, was sich da so geändert hat?

Ja, ich war auch immer zögerlich. Ich habe bisher Nein gesagt zum ESC. Aber irgendwann hat sich meine Meinung geändert und ich dachte, warum nicht. Wenn man uns machen lässt, was wir wollen, wenn wir authentisch sein dürfen, dann machen wir mit. Das Wichtigste ist, glaube ich, dass man sich selbst gegenüber treu bleibt.

Schreibst du lieber Songs, wenn du glücklich bist oder wenn du traurig bist?

(lacht) Tja, es ist immer einfacher, seine Wut und seine negativen Emotionen zu einem Text zu verarbeiten, ich weiß auch nicht, aber ja, es ist so. Traurigkeit ist eine komplexere Emotion, denke ich. Aber auf dem Album sind ja nicht alle Lieder von mir - die sind dann allerdings sehr emotional - sondern auch von anderen Band-Mitgliedern.

Jeder dachte natürlich, dass du und dein Duett-Partner Waylan ein wirklich wahnsinnig schönes Paar abgebt ...

(lacht) Oh nein, das sind wir aber nicht, er ist eher wie mein kleiner Bruder! Außerdem würde das meinem Freund ja gar nicht passen.

Mann und Frau können also auch einfach so befreundet sein. Und nach Jahren, in denen du versucht hast, auch in Amerika erfolgreich zu sein, klopft man nun bei dir an, ist das richtig?

Ja, und ich kann es selbst kaum fassen. Aber das warten wir mal ab, ich will nicht über ungelegte Eier reden.

Mit Ilse DeLang sprach Sabine Oelmann

The Common Linnets haben in alter Besetzung noch einen Auftritt am 21. Juni in Enschede.

"The Common Linnets" als CD oder als MP3 bei Amazon bestellen oder bei iTunes herunterladen.

Quelle: n-tv.de

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