Bösewicht Heinrich VIII.Rick Wakeman traut sich was
Während man in Deutschland noch darauf wartet, hat sich Rick Wakeman etwas getraut. Das erste Mal wurde sein Werk "The Six Wives Of Henry VIII" öffentlich aufgeführt.
Wann kommt der Tag, an dem sich Achim Reichel, Dieter Birr, Kraftwerk oder Andreas Vollenweider trauen, ein Oeuvre über Otto I. zu verfassen? In Magdeburg wird derzeit eine Ausstellung über den eigentlich gar nicht so sehr deutschen Kaiser gezeigt. Ein musikalisches Opus über den Liudolfinger wäre doch einmal etwas. Irgendetwas hindert uns daran – die Vorgenannten oder andere –, sich an eine solche Arbeit zu machen. Engländer sind da unbefangener. Rick Wakeman hat 1975 das sorgsam in meinem Plattenschrank gehütete Vinyl "The Six Wives Of Henry VIII" veröffentlicht. Nunmehr hat sich der Meister eine Neueinspielung getraut. Es war das erste Mal, dass das Werk öffentlich aufgeführt wurde. Im "Hampton Court Palace" im Südwesten von Britanniens Kapitale.
Wakemans Keyboards lassen einen buchstäblich körperlich empfinden, was für ein Bösewicht Heinrich VIII. war. Einer der seine Frauen ermorden ließ und die englische Kirche von Rom abspaltete, nur um eine Frau zu finden, die ihm einen Thronfolger schenkt. Ein Monster, dieser Tudor-Sprößling. Wenn der an der "Bristol Old Vic Theatre School" geschulte Brian Blessed mit sonorer Stimme die blutigen Geschichten erzählt, läuft es einem kalt über den Rücken. Ein Kulturereignis sondergleichen.
Warum also traut sich bei uns niemand zu, Geschichte auch einmal so zu interpretieren? Wir haben doch auch genug Meuchelmörder unter unseren Kaisern. Stattdessen soll das Berliner Stadtschloss wiedererrichtet werden. Das ist vielleicht der Grund, warum die Obengenannten sich nicht an die pop-musikalische Bewältigung der deutschen Geschichte herantrauen.
Lennon berühmter als Presley
John Lennon hat sich viel getraut. Er wusste, dass er einst berühmter wird als Elvis, zu dem wir gleich noch kommen. Als seine Beatles in den letzten Zügen lagen, hatte der Mann aus Liverpool schon seine Soloband formiert, der neben Größen wie Alan White, Klaus Voormann und Eric Clapton unglücklicherweise auch Dilettanten wie dessen Gattin Yoko angehörten. Wer eine funktionierende Fernbedienung bei der Hand hat, knipst einfach die letzten beiden Titel des so wundervollen Mitschnitts des Konzerts in der kanadischen Metropole aus. Und schon hat der Knipser eine Scheibe, die wie Lennons Interpretationen von "Blue Suede Shoes", "Money", "Dizzy Miss Lizzy", "Cold Turkey" und "Give Peace A Chance" einen Einblick in den "good ole Rock and Roll" ermöglichen. Bo Diddley, Gott hab’ ihn selig, gibt sein "Bo Diddley" zum Besten. Und Jerry Lee, "The Killer" arbeitet sich erfolgreich an Elvis’ "Hound Dog" ab.
Apropos: Die zum Verkauf ausliegende DVD mit dessen "Love Songs" ist auch empfehlenswert. Wäre da nicht die unentwegt dazwischenlabernde Ashley Judd, die wir höchstens aus ein paar "Star Trek"-Episoden in mehr oder weniger guter Erinnerung haben. Aber irgendwann hält sie auch ihren Schnabel und dann genießen wir "Are You Lonesome Tonight" und andere "high numbers" des Großen aus Tupelo/Mississippi.
High Numbers war der Name, unter dem die späteren Who ihren Siegeszug um die Popwelt antraten. Die vorliegende DVD gewährt dem Interessierten einen tiefen Einblick in eine Subkultur, die einen Gutteil von Britanniens Arbeiterjugend in der zweiten Hälfte der Sechziger faszinierte. Wir sehen einen Georgie Fame, der sein unvergessliches "Get Away" darbietet, die Small Faces, Booker T. & The MGs und einige andere. Und Szenen aus dem Streifen "Quadrophenia", diesem Jugenddrama, das seinesgleichen sucht.
Kurzum: Es gibt ein Leben nach und neben Michael Jackson. Und das heißt … Rock and Roll.
Elvis Presley: "Love Me Tender – The Love Songs”, DVD, Coming Home Music
John Lennon & The Plastic Ono Band: "Live In Toronto ‘69”, DVD, Gravity Wienerworld in-akustik
Rick Wakeman: "The Six Wives Of Henry VIII”, DVD, blu-ray, CD, eagle vision
The Who, The Mods And The Quadrophenia Connection, DVD, Chrome Dreams in-akustik