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Hochhaus-Inferno in London: War die Dämmung der Brandbeschleuniger?

Von Isabell Noé

Die Fassade des Londoner Grenfell Towers brannte ab wie ein Streichholz. Das Gebäude ist erst vor zwei Jahren saniert worden - dass die Art der Dämmung gefährlich ist, weiß man aber schon länger.

Erst vor zwei Jahren ist der Grenfell Tower für 8,7 Millionen Pfund umfassend modernisiert worden, von innen und außen. Die Wohnungen wurden an ein neues Heizungssystem angeschlossen und mit doppelverglasten Aluminiumfenstern ausgestattet. Außerdem bekam das Gebäude eine neue Fassadendämmung. Und die könnte nun dafür gesorgt haben, dass sich das Feuer, das heute Nacht aus noch ungeklärter Ursache ausgebrochen ist, so rasant ausbreiten konnte.    

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Bei der Dämmung setzten die Architekten nicht auf die weitverbreiteten Wärmedämmverbundsysteme, sondern auf das sogenannte "Rainscreen"-System, eine vorgehängte hinterlüftete Fassade. Die äußeren Platten aus einem Aluminiumverbund (ACM) sollen die dahinterliegenden Isolierschichten vor nasser Witterung schützen. Dabei ist die Außenverkleidung durch eine dünne Luftschicht von der übrigen Dämmung getrennt. Der dahinter zirkulierende Luftstrom soll Kälte abhalten und das Mauerwerk trocknen. Bei Architekten ist diese Art der Dämmung auch deshalb beliebt, weil sie größere Spielräume bei der Fassadengestaltung lässt.

Ohne Brandsperren droht Kamineffekt

Der Nachteil des Systems: Die Hinterlüftungszone kann für einen verheerenden Kamineffekt sorgen. Damit sich die Hitze nicht ungehindert ausbreiten kann, gibt es Brandsperren. Das können Labyrinth-Bleche sein, oder auch Bauteile, die bei Hitze aufquellen und die Hinterlüftungszone verschließen. Ob und welche Brandsperren beim Grenfell Tower verwendet worden sind, ist derzeit unklar.

Sicher ist aber: Aluminium-Platten mit Styroporkern sind leicht entflammbar. Und augenscheinlich wurden solche Platten bei dem Londoner Hochhaus verbaut. Augenzeugen berichten, die Fassade habe sich wie ein Streichholz entzündet. Das wäre mit der anderen Variante der ACM-Platten, nämlich solchen mit einem Kern aus Tonerdehydrat, nicht passiert.

Nicht der erste Hochhausbrand

Wie gefährlich die vorgehängte Fassadendämmung mit Styropor sein kann, hat sich in der Vergangenheit schon mehrfach gezeigt. 2012 brannte der Mermoz Tower im französischen Roubaix, ein Mensch kam dabei ums Leben. 2014 fraßen sich die Flammen rasant an der Fassade des Lacrosse Apartmentkomplexes in Melbourne entlang. Silvester 2016 wurde ein Luxushotel in Dubai bei einem Brand schwer beschädigt. Nur drei von vielen Fällen aus den letzten Jahren, die Gefahren sind schon länger bekannt.

Wäre ein solches dämmungsbedingtes Inferno auch in Deutschland möglich? Eher nicht. Hierzulande sind bei Häusern mit mehr als 22 Metern Höhe nicht brennbare Fassaden vorgeschrieben. "Die Briten und die Franzosen haben das nicht. In Europa sind wir die Einzigen", so der Leiter der Feuerwehr Frankfurt, Reinhard Ries, gegenüber der dpa. Die 22 Meter sind keine willkürliche Marke. So weit reicht die Drehleiter der Feuerwehr. Bei höheren Gebäuden muss die Flucht über ein Sicherheitstreppenhaus möglich sein, das statisch und technisch komplett vom restlichen Haus getrennt ist.

Quelle: n-tv.de

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