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Ein letzter Kuss: Usain Bolt herzt die Bahn in London, auf der seine einmalige Einzelkarriere im Sprint mit Bronze endete.
Ein letzter Kuss: Usain Bolt herzt die Bahn in London, auf der seine einmalige Einzelkarriere im Sprint mit Bronze endete.(Foto: imago/Xinhua)
Sonntag, 06. August 2017

"Es ist Zeit zu gehen": Bolt zwingt "Teufel" Gatlin in die Knie

Auf den letzten 100 Metern seiner Einzelkarriere begegnet Usain Bolt in London dem "Teufel". Doch die Niederlage im WM-Finale gegen Ex-Doper Justin Gatlin trägt der Sprint-Megastar mit Fassung. Auf die Ehrenrunde geht am Ende nur Bolt - als lebende Legende.

Als wäre alles wie immer gewesen, hielt Usain Bolt noch einmal Hof. Der Superstar zeigte seinen berühmten Blitz, die Fans grölten, "Usain Bolt, Usain Bolt"-Rufe hallten durch die Arena, Bolt posierte grinsend für Selfies mit seinen Anhängern, sprang in ihre Arme, er kniete auf der Ziellinie nieder und küsste sie. Bolt wurde gefeiert wie der Sieger. So, als wäre alles wie immer gewesen - dabei passierte das bisher Unvorstellbare.

Küsschen für die Fans gab es auch.
Küsschen für die Fans gab es auch.(Foto: imago/Xinhua)

"Ich habe alles gegeben, was ich hatte - aber es hat nicht gereicht", sagte Bolt. Der Unschlagbare war tatsächlich geschlagen, nach 9,95 Sekunden blieb dem Jamaikaner am Samstagabend nur WM-Bronze über 100 Meter in seinem letzten ganz großen Rennen. Ausgerechnet sein alter Rivale Justin Gatlin, zwei Mal überführter Dopingsünder, der Bad Boy der Leichtathletik, holte Gold in 9,92 Sekunden.

"Er hat es verdient", sagte Bolt, der die Niederlage überraschend gelassen hinnahm. Der 30-Jährige hatte wohl schon damit gerechnet, dass der Abend kein Märchen für ihn bereithalten würde. "Ich denke, ich habe gegen einen großartigen Wettkämpfer verloren und gegen einen Jungen, der nach oben drängt. Ich bedaure nichts", sagte Bolt. Silber sicherte sich Youngster Christian Coleman (9,94/USA).

"Wusste, dass ich in Trouble war"

Doch die große Show gehörte trotzdem dem Schlaks aus dem Dörfchen Sherwood Content auf Jamaika, alle im Stadion wussten, dass dies ein spezieller Moment war. Elf WM-Titel hatte Bolt bis dahin gewonnen, acht Mal wurde er Olympiasieger. Mit seinem vierten WM-Gold über 100 Meter wollte sich König Bolt eigentlich in die Sprint-Rente verabschieden - es hat nicht sollen sein. Sein Start war wieder einmal miserabel, im Schlussspurt fehlte ihm die Power. Bolt wirkte plötzlich menschlich. "Nach dem Start wusste ich, dass ich in Trouble war", sagte Bolt, der nach der WM seine Karriere beenden wird: "Ich habe für den Sport alles getan, was ich konnte. Ich habe bewiesen, dass ich einer der Größten bin. Es ist Zeit zu gehen."

Justin Gatlin rannte erst zu Sprint-Gold - und huldigte dann Sprint-Gott Usain Bolt.
Justin Gatlin rannte erst zu Sprint-Gold - und huldigte dann Sprint-Gott Usain Bolt.(Foto: AP)

Zur großen Bolt-Show gehörte in London auch der Kniefall des umstrittenen Weltmeisters Gatlin vor dem erstmals in einem großen Finale geschlagenen Bolt. "Das ist ein magischer Abend für Usain Bolt. Er ist der Mann! Ich habe ihn immer respektiert, und wir haben uns nie gehasst", versicherte Gatlin. Hinterher schäkerte Bolt mit ihm, beide sprachen von ihrem großen gegenseitigen Respekt. "Er hat hart gearbeitet, und er ist einer der besten Konkurrenten, gegen die ich je gelaufen bin", sagte Bolt, als hätte es Gatlins positive Tests in den Jahren 2001 und 2006 nie gegeben: "Für mich hat er es verdient, hier zu sein."

"Nicht das perfekte Drehbuch"

Auf die Ehrenrunde ging aber nur Showman Bolt. Gatlin verzichtete. Angesichts der Buhrufe der 56.000 Zuschauer direkt nach seinem Triumph wäre eine Ehrenrunde wohl der finale Stimmungskiller gewesen. Der US-Sprinter begnügte sich mit tröstenden Worten von Bolt, der ihn nach seinem Sieg in die Arme genommen hatte: "Usain hat mir gratuliert und dann gesagt, du hast hart dafür gearbeitet, und all diese Buhrufe hast du nicht verdient."

Das sah offenbar auch IAAF-Präsident Sebastian Coe etwas anders, der Weltverbands-Präsident hatte im Finale offenbar Bolt die Daumen gedrückt. Der Abend habe sich "nicht an das perfekte Drehbuch gehalten", sagte der Brite der BBC nach Gatlins Sieg. "Es ist nicht das schlechteste Ergebnis aller Zeiten", sagte Coe, es mache ihn aber auch nicht euphorisch, wenn "jemand, der zwei Dopingsperren abgesessen hat, mit einem unserer glitzernden Preise weggeht - aber er ist berechtigt, hier zu sein."

"Böser" Gatlin gegen Legende Bolt

Die internationale Presse sah es ähnlich wie die Fans und Coe. "Der 'böse Gatlin' besiegt den legendären Bolt. Es hätten die letzten 100 Meter zum Paradies sein können, doch Bolt hat auf seinem Weg den Teufel getroffen", schrieb etwa der "Corriere della Sera" aus Italien. Nun fällt bald der Vorhang für Bolt, endgültig. Am kommenden Samstag steht noch das Finale über 4x100 Meter auf dem Programm, auf seine Lieblingsstrecke 200 Meter verzichtet Bolt. Da würde er "noch schlimmer" aussehen, sagte er. Nach all den Strapazen der Vergangenheit reicht es für den Supermann von einst nicht mehr für ganz vorne. Umso mehr freut sich Bolt auf die Sprint-Rente.

"Ich bin aufgeregt, endlich normal leben zu können, aufzustehen, wann ich will, und zu wissen, dass ich kein Training habe", sagte Bolt: "Ich kann tun und lassen, was ich will." Natürlich werde er den "Sport vermissen, aber ich bekomme die Chance, zu leben und zu reisen, wann ich will. Ich weiß nicht, wo ich hin will oder wohin mich meine Karriere führen wird, aber es ist spannend."

Usain Bolt in Zahlen
  • 2,43 Meter misst seine durchschnittliche Schrittlänge.
  • Fünf Niederlagen in 86 Finalrennen über 100 und 200 Meter hat Bolt seit 2008 kassiert, die bis dato letzte am 6. Juni 2013 in Rom. Er verliert über 100 Meter gegen Justin Gatlin.
  • Acht Olympische Goldmedaillen hat Bolt in seiner Karriere gesammelt - von 2008 in Peking bis 2016 in Rio de Janeiro.
  • Elf WM-Goldmedaillen hat er ersprintet - über 100 und 200 Meter sowie mit der 4x100-Meter-Staffel von 2009 in Berlin bis 2015 in Peking.
  • 21 Jahre und 284 Tage: Usain Bolt avanciert am 31. Mai 2008 in New York zum jüngsten 100-Meter-Weltrekordmann der Leichtathletik- Geschichte. Die 9,72 Sekunden unterbietet er danach nur noch in drei Rennen.
  • 41 Schritte braucht Bolt von Start bis Ziel über 100 Meter.
  • 44,72 km/h. Dieses Spitzentempo haben Wissenschaftler bei Bolts Berliner Weltrekord gemessen - auf dem Abschnitt zwischen 60 und 80 Metern.

 

Quelle: n-tv.de

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