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Er hat den Verein zwar über Jahre hinweg stark geprägt, aber mittlerweile kann der Verein auch ohne Uli Hoeneß
Er hat den Verein zwar über Jahre hinweg stark geprägt, aber mittlerweile kann der Verein auch ohne Uli Hoeneß(Foto: imago/Philippe Ruiz)

Emanzipation vom Übervater : Der FC Bayern funktioniert jetzt ohne Hoeneß

Von Alex Feuerherdt

Uli Hoeneß ist wieder auf freiem Fuß, 20 Monate nach Haftantritt. Sein FC Bayern hat sich in der Zwischenzeit von ihm emanzipiert. Hoeneß' Rückkehr als starker Mann ist zwar möglich, aber keinesfalls nötig - und würde nicht von jedem begrüßt.

Als Dortmunds Trainer Thomas Tuchel vor dem Hinrundenspiel seines BVB beim FC Bayern München Anfang Oktober 2015 auf den kommenden Gegner angesprochen wurde, schwang er sich zu einer Eloge auf den Klub und dessen Coach auf. Beim Rekordmeister strahle die Mannschaft "den gleichen Hunger, die gleiche Gier, die gleiche Bescheidenheit aus" wie der FC Barcelona zu Pep Guardiolas Zeiten. Diese Einstellung trage auch jetzt "wieder den Stempel" des Spaniers. "Das Gefährlichste an den Bayern", so Tuchel weiter, "ist ihre Haltung geworden". Das habe unter Jupp Heynckes begonnen. "Dass sie sich losgelöst haben von Sprüchen, von Drohgebärden, von öffentlichen Vorhersagen. Diese Wandlung ist ihre größte Stärke." Die Münchner verkörperten "Bescheidenheit, gepaart mit den allerhöchsten Ansprüchen". Niemand erwische sie mehr auf dem falschen Fuß.

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Bescheidenheit also – ein Attribut, das einem jahrzehntelang nicht unbedingt als erstes eingefallen wäre, wenn die Rede auf den national wie international erfolgreichsten deutschen Fußballverein kam. Zu sehr polarisierten die Bayern mit ihren Sprüchen und Ansprüchen, für die das Motto des Klubs – "Mia san mia" – stets sinnbildlich stand. Ein Motto, das man mit niemandem so sehr verband wie mit Uli Hoeneß. Er war der Platzhirsch, der den FC Bayern verkörperte wie kein Zweiter. Der dessen Erfolge als Manager entscheidend vorbereitete, der das Selbstbewusstsein des Klubs in Person war, der keinem Streit aus dem Weg ging und mit rotem Kopf zur Attacke blies, wann immer er es für geboten hielt. Als Hoeneß im November 2009 nach 30 Jahren den Managerposten räumte und zum Präsidenten gewählt wurde, ging die Zahl seiner öffentlichen Auftritte zwar zurück. Doch weiterhin galt im Bewusstsein der Öffentlichkeit und der meisten Fans: Uli Hoeneß war der FC Bayern, und der FC Bayern war Uli Hoeneß.

Emanzipation vom starken Mann

Alex Feuerherdt ...

... ist freier Publizist und Lektor und lebt in Köln. Er betreibt den Blog "Lizas Welt" und ist am Podcast "Collinas Erben" beteiligt, schreibt eine Schiedsrichterkolumne für n-tv.de und zudem für Zeitungen und Zeitschriften, vorwiegend zu den Themen Antisemitismus, Nahost und Fußball.

Entsprechend groß war die Erschütterung, als der Welt- und Europameister wegen der Hinterziehung von Steuern in Millionenhöhe zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde und am 2. Juni 2014 schließlich seine Haft antrat. Die moralische Empörung darüber, dass da einer, der sich immer als moralische Instanz geriert hatte, derart mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, war dabei nur die eine Seite. Kaum weniger intensiv wurde die Frage diskutiert, wie der FC Bayern ohne seine Führungsfigur klarkommen würde. Nun, da Uli Hoeneß aufgrund der Halbstrafenregelung wieder auf freiem Fuß ist, lässt sich feststellen: Er kam sehr gut klar. "Der Verein hat sich ein Stück von Uli Hoeneß emanzipiert", urteilt etwa Jan Placht vom Bayern-Blog "Mia san Rot". Die Seite wird von einer sechsköpfigen Redaktion betrieben und hat sich mit profunder Arbeit – zu der ausführliche Spiel- und Taktikanalysen genauso gehören wie Interviews, Presseschauen und Hintergrundberichte – in den vergangenen Jahren zu einem professionellen Webportal entwickelt, das nicht nur von Bayern-Fans oft und gerne frequentiert wird.

"Beim FC Bayern hat man Hoeneß' Rolle auf mehrere Schultern verteilt – die von Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen, Sportvorstand Matthias Sammer und dem technischen Direktor Michael Reschke nämlich – und sich damit auch weiterentwickelt", sagt Placht, der den Prozess gegen den Bayern-Präsidenten im Gerichtssaal verfolgt und für "Mia san Rot" darüber berichtet hat. Diese Weiterentwicklung hält der 26-jährige Münchner, der sich bei einem Start-up-Unternehmen um das Online-Marketing kümmert, für positiv: "Der FC Bayern ist ein Traditionsverein, aber eben auch ein erfolgreicher europäischer Spitzenklub und ein riesiges Wirtschaftsunternehmen. Da tun eine gewisse Zurückhaltung und eine Professionalisierung ganz gut, was das Tagesgeschäft und den Auftritt auf internationaler Bühne betrifft." Dass Uli Hoeneß noch einmal Präsident wird, glaubt Placht nicht: "Sein Wort hat im Klub auch so Gewicht. Außerdem wird er sich gut überlegen, ob es nicht geschickter ist, sich künftig mehr im Hintergrund zu halten – schon wegen der ganzen kritischen Nachfragen, die vor allem seitens der Medien zu erwarten wären." Die Rolle der Moralinstanz könne Hoeneß jedenfalls nicht mehr einnehmen, denn er sei "juristisch nicht mehr unbefleckt".

"Eine Rückkehr hätte nichts mit Reue zu tun"

Oliver Schmidt teilt die Ansicht, dass der FC Bayern "auch ohne Uli Hoeneß funktioniert, selbst wenn sich das viele nicht vorstellen konnten". Der 44-jährige Bonner betreibt den in der Fanszene sehr bekannten und viel gelesenen Blog "Breitnigge", auf dem er seit etlichen Jahren seine Einschätzungen zu den Spielen und zum Geschehen im Klub veröffentlicht. Die Voraussetzungen dafür, dass der Verein nicht mehr so von Hoeneß abhängig ist wie früher, habe dieser selbst geschaffen, sagt Schmidt: "Er hat seine Nachfolge gezielt vorbereitet und sich immer mehr abkömmlich gemacht. Zuletzt war er ja 'nur' noch Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender."

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Einer möglichen Rückkehr von Hoeneß auf den Präsidentenposten steht Schmidt ablehnend gegenüber. Er habe dessen tränenreichen Auftritt auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung im Mai 2014, wo sich Hoeneß kurz vor seinem Haftantritt mit einem trotzigen "Das war's noch nicht" verabschiedete, nach wie vor in Erinnerung. "Sollte er jetzt wieder in Amt und Würden kommen, hätte das nichts mit Reue zu tun, sondern viel von einem bockigen 'Ich hab's euch gezeigt'", befindet der IT-Projektmanager. "Uli Hoeneß wäre es daher sehr hoch anzurechnen, wenn er sagen würde: Ich will gar nicht mehr Präsident werden." Begrüßen würde Schmidt es dagegen, wenn Hoeneß "weiterhin die Rolle der 'guten Seele' des Vereins spielen könnte – etwa indem er bei manchen Entscheidungen auch andere Aspekte als wirtschaftliche in den Vordergrund rücken und seinen dahingehenden Einfluss geltend machen würde".

Nicht mehr vom Patriarchen abhängig

Auch Günter Klein sieht Uli Hoeneß künftig nicht mehr an vorderster Front beim Rekordmeister. "Ich denke, er wird erst einmal das Bedürfnis nach Familie haben und Lebensqualität nachholen wollen", sagt der Journalist, der für den "Münchner Merkur" seit vielen Jahren über den FC Bayern schreibt und im Frühjahr 2014 gemeinsam mit Patrick Strasser eine Biografie über Hoeneß vorgelegt hat. "Er wird sehr nachdenklich geworden sein, vielleicht auch Prioritäten neu geordnet haben und sich erst einmal wieder an die Normalität herantasten", glaubt Klein. Davon, dass Uli Hoeneß weiterhin für den Klub tätig sein wird, ist aber auch er überzeugt: "Ich könnte mir vorstellen, dass er beispielsweise die sozialen Aktivitäten des Vereins managt. Dass er sich weiter in die Jugendarbeit hineinkniet, glaube ich eher nicht, weil es schon extrem arbeitsintensiv ist, diese marode Abteilung wieder auf Vordermann zu bringen."

Hoeneß werde einen Weg finden, um mit dem heutigen FC Bayern klarzukommen, ohne sich aufzureiben. Er wisse jedoch auch, "dass er das Feld im Grunde genommen selbst bestellt hat", sagt Klein. "Finanziell ist der Klub inzwischen ein absoluter Selbstläufer, und dass Hoeneß ins Gefängnis musste, hat dem Verein nicht geschadet. Die Mitgliederzahl ist sogar weiter gewachsen." Sollte Hoeneß doch noch einmal Präsident werden, werde er ohnehin nicht viel ändern: "Er ist ja Kaufmann und weiß, dass es unvernünftig wäre, den eingeschlagenen Weg zu verlassen."

Keineswegs ideen- und führungslos

Tatsächlich ist der FC Bayern München längst nicht mehr von seinem Patriarchen abhängig, sondern hat sich von einem etwas zu groß geratenen Familienunternehmen zum modernen, global agierenden Fußballkonzern gewandelt. Uli Hoeneß hat diese Entwicklung zwar entscheidend angeschoben und befördert, doch während seiner Haft ist auch deutlich geworden, dass der Klub ohne ihn keineswegs ideen- und führungslos ist. Nicht nur Thomas Tuchels Hommage hat gezeigt, dass sich die Münchner nach außen inzwischen anders präsentieren. Sie treten in der Tat bescheidener auf, weniger markig und nicht mehr so großspurig. Manchem mag zwar das Familiäre fehlen, das "der Uli" immer repräsentiert und ausgestrahlt hat, aber insgesamt hat Hoeneß' Abwesenheit dem FC Bayern gewiss nicht geschadet. Selbst potenziell heikle Situationen wie jene nach der Ankündigung von Trainer Pep Guardiola, den Verein nach dieser Saison zu verlassen, hat die Klubführung gut gemeistert – schon dadurch, dass sofort ein ebenfalls renommierter Nachfolger präsentiert wurde.

Gut möglich, dass Uli Hoeneß selbst gar nicht mehr darauf erpicht ist, noch einmal das Präsidentenamt zu übernehmen. Was er zu sagen hat, wird beim FC Bayern ohnehin immer auf Gehör stoßen und Gewicht haben, was er an Kontakten für den Verein spielen lassen kann, wird er auch so spielen lassen können. Für die Außendarstellung und das Image des Klubs dürfte es zudem besser sein, wenn er nicht noch einmal eine führende Position übernimmt, auch wenn er seine Strafe verbüßt und den finanziellen Schaden behoben hat. Von einem im Hintergrund wirkenden Uli Hoeneß dürften jedenfalls alle Beteiligten den größten Nutzen haben.

Quelle: n-tv.de

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