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So sehen Handball-Europameister aus.
So sehen Handball-Europameister aus.(Foto: imago/Annegret Hilse)

Deutsches EM-Märchen: Junge Wilde krönen ihren Handball-Rausch

Von Felix Meininghaus, Krakau

Siegesgewiss gehen Spaniens Handballer ins EM-Finale - und werden von den deutschen Youngstern gnadenlos demontiert. Das DHB-Team liefert ein filmreifes Endspiel, dessen Drehbuch niemand vergessen wird.

Nachts um halb eins saßen die Spanier noch in der Lobby des Teamhotels und spielten Karten. Unheimlich locker waren sie, unglaublich siegesgewiss. Was sollte schon passieren, gegen diese Deutschen, die sie zu Beginn der Vorrunde noch recht souverän beherrscht hatten? Die Spanier sind eine Weltmacht im Handball, die Deutschen waren es mal. Das ist lange her, 2007 gewannen sie in heimischen Hallen die Weltmeisterschaft und erfüllten sich damit ihr Wintermärchen.

Seitdem gab es viele Rückschläge und nun ist da eine neue Generation, die hochveranlagt ist und irgendwann mal so gut sein soll, dass sie Titel gewinnen kann. Aber doch nicht jetzt, zu diesem frühen Zeitpunkt. Die Deutschen stellten bei der EM in Polen das jüngste und unerfahrenste Team der Titelkämpfe, zudem mussten zahlreiche verletzte Leistungsträger ersetzt werden.

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Dieses Turnier, so die allgemeine Überzeugung, sei in erster Linie zum Lernen da. Und dann lief in der mächtigen Tauron Arena von Krakau ein Film ab, dessen Drehbuch niemand vergessen wird. Drei Minuten vor Spielschluss versuchte es Spanien ein allerletztes Mal: Sprungwurf, Andreas Wolff hielt, der Abpraller landete beim Kreisläufer, Wolff hielt erneut, auch kurz darauf entschärfte er den Versuch, ihn mit einem Heber zu überwinden. "Oh, wie ist das schön", sangen die Fans auf der Tribüne, die Ersatzspieler tanzten an der Seitenlinie dazu. Deutschland mit dem unglaublichen Torwart Wolff zwischen den Pfosten hatte seinen Gegner auseinandergenommen und gewann das EM-Finale sensationell deutlich mit 24:17 (10:6).

"Unheimlich stolz auf die Jungs"

Steffen Fäth darf mit dem DHB-Team zu den Olympischen Spielen nach Rio fahren.
Steffen Fäth darf mit dem DHB-Team zu den Olympischen Spielen nach Rio fahren.(Foto: dpa)

Es war eine große Leistung zum Abschluss eines großen Turniers, doch das war für den isländischen Bundestrainer Dagur Sigurdsson noch lange kein Grund, auszuflippen. Im Gegenteil: Ruhig und gefasst stand der stoische Nordländer im Presseraum und gab den vielen Reportern seine Antworten. "Ich bin unheimlich stolz auf die Jungs und die Zeit, in der wir wirklich hart gearbeitet haben." Obwohl die meisten seiner jungen Wilden ihre beste Handballzeit noch vor sich haben, bedeutet das für Sigurdsson noch lange nicht den Beginn einer neuen Ära: "Die Top-Acht der Welt sind sehr dicht beieinander. Wir sind jetzt oben, was morgen kommt, interessiert mich heute nicht."

Mit dem sensationellen EM-Sieg hat sich Deutschland das Ticket für die Olympischen Spiele in Rio frühzeitig gesichert, was den Erfolg noch veredelt. Rückraumschütze Steffen Fäth sprach von einem "absoluten Traum, den wir für uns und für ganz Handball-Deutschland verwirklicht haben. Wir können es noch nicht richtig fassen, was wir hier geleistet haben."

Triumph gegen alle Widrigkeiten

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 Tatsächlich ist der Triumph von Krakau nicht hoch genug einzuschätzen. Das DHB-Team hat allen Widrigkeiten getrotzt, ist mit vielen verletzten Stammspielern über sich hinausgewachsen und hat in Deutschland einen neuen Handball-Boom ausgelöst.

Die deutsche Mannschaft begann das Finale so, wie sie beinahe das gesamte Turnier bestritten hatte, in dem sie vom krassen Außenseiter zum ernsthaften Titelkandidaten gewachsen war: Unheimlich leidenschaftlich und zupackend in der Abwehr, die mit einer physischen Präsenz agierte, die bis auf den letzten Platz unter der Hallendecke zu spüren war. Der Mittelblock war kaum zu überwinden, dahinter stand mit Andreas Wolff ein Torhüter, der in Polen den Sprung vom nur in Fachkreisen bekannten Nobody in die Weltspitze geschafft hat.

Unglaublich, wie schwer es diese knüppelhart arbeitende Einheit den Spaniern machte, ihr gewohntes Kombinationsspiel aufzuziehen. Lediglich sechs Gegentore in einer Halbzeit, und das gegen ein solches Klasseteam, das ist ein kaum zu glaubender Wert. "Wir haben vor allem das Kreisspiel zerstört, das die Spanier so stark macht", analysierte Mittelmann Martin Strobel, der es mit Genuss beobachtete, wie der Gegner langsam aber sicher verzweifelte: "Du siehst, sie suchen und suchen, aber sie finden keine Lösungen. Das pusht dich unheimlich."

Das deutsche Tor wird einfach vernagelt

Die Deutschen vernagelten ihr Tor und raubten dem Favoriten mit ihren penetranten Tacklings den Nerv. Der 2,10 Meter lange Abwehrchef Finn Lemke riss nach jedem Block die Arme hoch, als habe er gerade einen Sprungwurf verwandelt.

Die Deutschen waren Mitte der zweiten Hälfte so heiß, dass sie schon jubelten, wenn der Gegner eine Auszeit beantragte. So agiert eine Mannschaft, die sich so lange an sich selbst berauscht, bis sie sich für unbezwingbar hält. "Bad Boys", so nennen sich Deutschlands Handballer, die Spanier werden wohl noch einige Nächte böse Albträume von den bösen Jungen haben.

Es war eine Demonstration der Stärke, die Kai Häfner, mit sieben Toren der beste Schütze, mit kurzen Worten auf den Punkt brachte: "Es war ein großer Kampf mit einer perfekten Hintermannschaft und einem unglaublichen Torwart." Was nötig war, um den Abend des Triumphs zu gestalten, wusste Kollege Fäth genau: "Hauptsache viel Bier, sonst brauche ich nichts mehr."

Quelle: n-tv.de

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