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Ein Anti-Olympia-Plakat in Garmisch-Partenkirchen. Am Ende entschieden sich die Bürger gegen eine Bewerbung für die Winterspiele 2022.
Ein Anti-Olympia-Plakat in Garmisch-Partenkirchen. Am Ende entschieden sich die Bürger gegen eine Bewerbung für die Winterspiele 2022.(Foto: picture alliance / dpa)

Sotschi-Irrsinn die olympische Regel: Winterspiele lösen stets Kostenlawinen aus

Von Christoph Wolf

Kaum versprochen, schon gebrochen: Nach diesem Motto scheinen Bewerber für Winterspiele zu verfahren. Der Kostenwahnsinn von Sotschi ist da keine Ausnahme. Die Geschichte der olympischen Verschwendung steckt voller kruder Anekdoten. Das IOC tut nichts.

Die Zahl ist unglaublich, und sie wirkt nach: Rund 40 Milliarden Euro sollen die Olympischen Winterspiele in Sotschi am Ende gekostet haben. Damit war das Prestigeprojekt von Russlands Präsident Wladimir Putin fünf Milliarden kostspieliger als alle 21 Vorgänger-Spiele zusammen - und fünfmal teurer als ursprünglich angekündigt. Genauso unglaublich: Die Kostenlawine, die nach dem Zuschlag über Sotschi hereinbrach, ist nicht die Ausnahme. Sie ist die olympische Regel. Das sagt der niederländische Sporthistoriker Jurryt van de Vooren und untermauert seine Behauptung mit Zahlen.

Für seine Website sportgeschiedenis.nl hat van de Vooren alle 22 Winterspiele seit 1924 detailliert untersucht und verglichen: Mit welchen Kostenversprechen für Organisation und Infrastruktur sind die Bewerber angetreten, was musste am Ende wirklich gezahlt werden? Konkrete Zahlen konnte der Sporthistoriker für 19 Winterspiele ermitteln, nur für 1924 (Chamonix), 1928 (St. Moritz) und 1952 (Oslo) war die Datenbasis zu schwach. Seine auch auf der Sportpolitikplattform playthegame.org veröffentlichten Archivrecherchen und Berechnungen zeigen: Auch wenn die tatsächlichen Gesamtkosten für Sotschi alle Kostenrekorde der olympischen Geschichte sprengen - die exorbitante Differenz zwischen geplanten und tatsächlichen Ausgaben tut es nicht.

"Politische und propagandistische Zwecke"

Das Ergebnis ist nicht dazu geeignet, das Gespenst des olympischen Gigantismus zu vertreiben, vor dem auch die Bürger Münchens sich fürchteten, und sich deswegen gegen Olympia 2022 entschieden. Die Zahlen zeigen: Olympische Winterspektakel kosten fünfmal mehr als von den Organisatoren angekündigt - nicht nur in Sotschi, sondern im Durchschnitt aller Spiele. Für van de Vooren erklärt sich der riesige Unterschied zwischen Versprechen und Wirklichkeit damit, dass das Ursprungsbudget "politischen und propagandistischen Zwecken dient". Die Bevölkerung müsse erst einmal "von der Notwendigkeit von Winterspielen überzeugt werden".

Unter dem prognostizierten Budget lagen die Endkosten für Winterspiele tatsächlich erst zweimal: 1948, als die Spiele zum zweiten Mal binnen 20 Jahren im schweizerischen St. Moritz stattfanden, und 1964 in Innsbruck. Allerdings: Als der Olympia-Zirkus 12 Jahre später erneut in der österreichen Stadt gastierte, ging man zunächst von Ausgaben in Höhe von 13 Millionen Euro aus. Am Ende waren es 189 Millionen Euro.

Auch andere Kostenexplosionen muten abenteuerlich an, die Geschichten dazu ebenfalls. Im Fall von Grenoble 1968 spricht der Sporthistoriker ganz offen von einer "Erpressung" des französischen Staates. Kurz nach der Vergabe der Spiele durch das IOC hätten die Organisatoren plötzlich öffentlich die Alarmglocken geläutet und einen neuen Bahnhof, einen Flughafen und diverse Straßen gefordert. Bekannt waren ihnen diese teuren Zusatzleistungen aber schon seit mehr als einem Jahr. Am Ende, sagt van de Vooren, "stiegen die Ausgaben so dramatisch, dass sie immer noch nicht vollständig abbezahlt waren, als Frankreich 1992 in Albertville erneut olympische Spiele ausrichtete".

"Goldstraße" in Russlands Berge

Neben Misswirtschaft, Fehlplanungen und Korruption sind in den meisten Fällen Infrastrukturprojekte der größte nachträgliche Kostentreiber. In Sotschi soll am Ende allein die nur gut 50 Kilometer lange “Goldstraße” zwischen Sotschi und der Bergregion Krasnaja Poljana rund 9 Milliarden Dollar gekostet haben  - mehr als die Winterspiele 2010 in Vancouver insgesamt.

Die Ausrichterländer würden von Investitionen in die Infrastruktur zwar auch noch nach den Winterspielen profitieren, weshalb es laut van de Vooren eigentlich "nicht ganz fair" sei, "die Baumaßnahmen den Kosten für ein zweiwöchiges Ereignis zuzuschlagen". Andererseits sagt er: "Auch diese Tatsache ändert nichts daran, dass fast alle Organisatoren zunächst ein Budget präsentiert haben, dass für eine erfolgreiche Durchführung der Spiele viel zu niedrig angesetzt war."

Die prozentual gesehen größten Kostenexzesse gab es 1960 in Squaw Valley (+1350 Prozent) und 1976 in Innsbruck (+1354 Prozent). Der schlimmste Sündenfall der jüngeren Olympiageschichte ist Nagano 1998. Aus 1,17 Milliarden Euro wurden in Japan am Ende 14,6 Milliarden Euro - schätzungsweise, da laut van de Vooren alle Unterlagen nach den Spielen verbrannt wurden.

IOC fürchtet um Hochglanzprodukt

Dem IOC sind die unkontrollierbaren Kostenexplosionen offiziell unangenehm. "Die Gigantomanie schreckt die Leute", hat das norwegische IOC-Mitglied Gerhard Heiberg vor Sotschi gesagt. Und was die Leute schreckt, schadet der Vermarktung des Hochglanzprodukts Olympia. Seit Jahrzehnten predigen die Olympier deshalb, es dürfe nicht mehr soviel Geld für Winterspiele ausgegeben werden. Auch der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach hat diesen Anspruch formuliert und Maßnahmen angekündigt, schreibt van de Vooren: “Aber das ist schon seit einem halben Jahrhundert die IOC-Agenda.” Passiert ist seitdem: wenig bis nichts.

Selbst 1994 in Lillehammer, gern als Gipfel der olympischen Bescheidenheit verklärt, stiegen die Kosten auf ein Fünffaches. Die prozentuale Steigerung war mit 456 Prozent sogar noch höher als in Sotschi (419 Prozent), auch wenn die Spiele absolut deutlich günstiger waren. Dass sich das IOC für die Retortenspiele in Sotschi (2014) und Pyeongchang (2018) entschied, obwohl es mit Salzburg und München zwei Bewerberstädte mit vergleichsweise günstigen und kompakten Konzepten gab, verdeutlicht: Oberste Priorität hatte das Kostenproblem bisher nicht, weil es auch noch ausreichend Bewerber außerhalb von Autokratien gab.

Inzwischen befindet sich die olympische Idee in demokratischen Ländern in einer Ausrichterkrise, wie auch der krachend gescheiterte Volksentscheid zu einer Münchner Bewerbung für die Winterspiele 2022 verdeutlicht hat. Die Frage lautet nicht mehr, ob man sich die olympische Gastgeberrolle leisten kann - sondern ob man sie sich überhaupt leisten will. Und nicht nur in Deutschland lautete die Antwort darauf zuletzt: Olympia? Nein, danke.

Quelle: n-tv.de

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