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Antoine Griezmann erzielt das zweite Tor gegen die DFB-Elf - und besiegt den Fluch für Frankreich.
Antoine Griezmann erzielt das zweite Tor gegen die DFB-Elf - und besiegt den Fluch für Frankreich.(Foto: imago/BPI)
Montag, 11. Juli 2016

Sechs Dinge, gelernt bei der EM: Von schlechten deutschen Verlierern und anderen

Von Stefan Giannakoulis und Roland Peters

Die EM 2016 ist Geschichte. Aus Geschichte können auch Fußballfans Erkenntnisse gewinnen. Etwa über (un)verdiente Titel, schlechte (deutsche) Verlierer, (neue und alte) Serien, (bullige) Stürmer, (farbige) Frisuren und (un)faire Fans und Spieler.

1. Jedes Turnier hat den Sieger, den es verdient

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Die Franzosen mögen das anders sehen - aber mit dem Triumph Portugals im Endspiel dieser Fußball-Europameisterschaft hat dieses Turnier eine allerletzte Pointe bereitgehalten. Wenn sich am Ende eine Mannschaft durchsetzt, die sich nach drei Remis als Gruppendritter ins Achtelfinale gemogelt hat und nur eine von sieben Partien in 90 Minuten gewonnen hat, dann hat diese EM genau den Sieger, den sie verdient. Den Portugiesen ist das allerdings nicht zum Vorwurf zu machen. Sie und ihr sehr kluger Trainer Fernando Santos haben das Beste aus ihren Möglichkeiten gemacht. Und wenn keines der vermeintlich besseren Teams es geschafft hat, sie auf dem Weg zum Titel zu stoppen, dann haben sie es sich verdient.

Dennoch hat dieses Turnier wenig bis nichts bereitgehalten, was den Fußballfreund ernsthaft erfreut hätte. Während es in der auf 24 Teilnehmer aufgeblähten Vorrunde hieß: Freunde, wartet erst einmal ab, bis die K.o.-Runde beginnt, waren auch die gerne so genannten Alles-oder-Nichts-Spiele meist eine Enttäuschung. Vielleicht abgesehen vom kardiologisch problematischen Viertelfinale zwischen Deutschland und Italien, von dem allerdings auch in erster Linie das stümperhafteste Elfmeterschießen der EM-Geschichte im Gedächtnis bleibt. Aber taktische Neuerungen oder zumindest spektakulärer Fußball? Daran können wir uns nicht erinnern. Nun gilt seit jeher, dass auch gute Nationalteams nicht mit den besten Vereinsmannschaften mithalten können. Aber die Kluft ist bei dieser EM der Torverhinderer noch einmal größer geworden. Richtig guten Fußball gibt es nur in der Champions League. Und es steht zu befürchten, dass das bis auf unabsehbare Zeit so bleibt.

2. Die Deutschen spielen schön und können schlecht verlieren

Lukas Podolski: Seit 2004 in der deutschen Nationalmannschaft
Lukas Podolski: Seit 2004 in der deutschen Nationalmannschaft(Foto: dpa)

Wer das Finale zwischen Portugal und Frankreich am Sonntagabend gesehen hat, dem drängte sich der Verdacht auf, dass der Bundestrainer vielleicht doch nicht so ganz Unrecht hatte, als der nach dem 0:2 in Marseille gegen den Gastgeber hartnäckig darauf bestand, dass seine DFB-Elf trotz der Niederlage die bessere Mannschaft gewesen sei. In der Tat haben die Deutschen bei diesem Turnier, ohne groß zu glänzen, mit den attraktivsten, weil weithin konstruktiven Fußball geboten. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sie sich am Ende als schlechte, oder zumindest doch sehr unhöfliche Verlierer zeigten. Statt permanent auf den eigenen Stärken zu insistieren und die Ungerechtigkeit des Fußballs zu beklagen, wäre ein Wort der Anerkennung für den Sieger durchaus angebracht gewesen. Zumal dem Franzosen Antoine Griezmann zweimal das gelang, was dem arg unglücklichen Thomas Müller und seinen Kollegen in diesem Halbfinale versagt geblieben war: Der Franzose schoss den Ball ins Tor. Und das ist es schließlich, worauf es am Ende ankommt.

3. Jede Serie reißt und kann andere verlängern

Diese These ist ganz nah dran am Allgemeinplatz, hat sich aber bei dieser EM erneut bewiesen. Zunächst wäre da der erwähnte historische, erste Erfolg einer deutschen Nationalmannschaft gegen Italien bei einer EM oder WM überhaupt. Die Einschränkung: Statistisch gesehen war es kein Sieg, denn nach 120 Minuten stand es remis. Elfmeterschießen gelten in der Uefa-Statistik nicht. Als wäre so viel Historie nicht genug, besiegte im Halbfinale Frankreich ebenfalls seinen Turnierfluch, 58 Jahre hatte es keinen Sieg gegen Deutschland gegeben. Im Finale dann allerdings verlor die Équipe Tricolore erstmals ein Endspiel im eigenen Land - und insgesamt das erste EM- oder WM-Spiel seit 1960 gegen die Tschecheslowakei. Die siegreichen Portugiesen dagegen gewannen erstmals ein großes Turnier und besiegten so ihr eigenes Trauma von 2004, als sie im EM-Finale daheim gegen Außenseiter Griechenland ebenfalls 0:1 verloren.

Manchmal treffen Serien auch aufeinander, und es kann nur eine überleben. Die DFB-Elf etwa hat ihre durch den erstmaligen Sieg gegen Italien ausgebaut: Fünfmal hintereinander, also seit 2006, standen Deutschlands beste Fußballer im Halbfinale der großen Turniere. Und Joachim Löw, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski waren immer dabei.

4. Die bulligen Mittelstürmer sind wieder da

Ricardo Quaresma - bei der EM der Caesar der Frisurenträger
Ricardo Quaresma - bei der EM der Caesar der Frisurenträger(Foto: imago/GlobalImagens)

Kaum ist die spanische Tiki-Taka-Dominanz endgültig vorbei, schüttelt sich der Weltfußball, nimmt ein bisschen Übergangszeit und geht mit Volldampf zurück in die Vergangenheit: Die bulligen Mittelstürmer, die echten Neuner, sind wieder da. Mario Gómez bei den Deutschen, Olivier Giroud und der etwas flexiblere André-Pierre Gignac bei den Franzosen, oder Titeltorjäger Éder bei Portugals Europameistern. Vor allem scheinen sie plötzlich unverzichtbar: Der über Jahre abgeschriebene Gómez ersetzte den in Ruhestand gegangenen ewigen Miro(slav Klose) und zeigte, dass Flexibilität und Technik eben nicht alles sind, auch nicht im modernen Fußball: Auch Gegner wegsperren, Bälle prallen lassen und an der richtigen Stelle im Strafraum stehen, haben ihre Bedeutung. Ohne ihn und ohne ähnlichen Stürmertypen schied Deutschland gegen Frankreich aus. Im Finale bekam die Defensive des Gastgebers dann spät im Spiel Éder vor die Nase gesetzt, einen Stürmer vom Typ wendiger Prellbock. Und als er zu viel Platz bekam, schoss er den Ball auch noch ins Tor.

5. Frisuren sind die neuen Schuhe

Rui Patricio tat alles, um den Signal-Schick der 2000er-Jahre zu verteidigen: Der Torwart der Portugiesen trug im Finale zwei unterschiedlich Schuhe, farblich abgestimmt mit seinen Handschuhen. Doch auch die koordinierte Kombination Pink-Giftgrün lenkte nicht dauerhaft von neuen Kopfschmuck der Fußballer ab. Die 30er- und 40er-Jahre Gedenkfrisuren sind schon längst Standard im internationalen Fußballgeschäft. Aber für diejenigen, die zeigen wollen, dass sie besonders sind oder gerne wären, muss etwas Auffälliges am Kopf her. Der mit Tattoos und Knastträne verzierte Ricardo Quaresma ließ sich den Caesaren gleich einen goldenen Zweig um den Schädel legen, Paul Pogba auf der Gegenseite hatte eine kreative Haargestaltung mit eigenem Namen vorzuweisen. Sie waren aber nur zwei der vielen Frisurliebhaber: Ivan Perisic etwa spielte zuvor mit kroatischem Schachbrettmuster, Ronaldo hatte sich Linien in sein Haupthaar rasiert, der Belgier Radja Nainggolan erzielte gegen Wales nicht nur eines der schönsten EM-Tore, er fiel auch mit seinem blondierten Irokesenschnitt auf. Und sein Mannschaftskollege Marouane Fellaini behielt seine Haar lieber - Strähnen seines Afros blondierte auch er.

6. Fair auf dem Rasen, außerhalb nicht

Egal wie fair die Partien auf dem Rasen sind und die Mannschaften sportlich miteinander umgehen (in 51 Partien gab es drei rote und 193 gelbe Karten), auf den Rängen und um die Spiele herum ist die Gewalt zurück. Vor allem in der Vorrunde machten Hooligans von sich reden. In Erinnerung bleibt, wie sich russische und englische Anhänger in Marseille prügelten. Beim Gruppenspiel zwischen beiden Teams kam es auch im Stadion zu Übergriffen. Vor dem ersten Spiel der DFB-Elf griffen deutsche Hooligans ukrainische Anhänger in der Innenstadt von Lille an. Im Umfeld der Partie Russland gegen Slowakei gab es - wieder in Lille - Jagdszenen und Festnahmen. Vor dem Spiel Polen gegen Ukraine machten Hooligans in der Altstadt von Marseille und vor dem Stadion Ärger, die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. In der Halbzeit gab es Schlägereien im Stadion. Der russische Verband wurde wegen des Verhaltens seiner Anhänger von der Uefa mit Strafen belegt.

Bei der Weltmeisterschaft in zwei Jahren in Russland wird es also nicht nur die Angst vor Terroranschlägen geben, sondern auch vor anderer Gewalt inner- und außerhalb der Stadien.

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Quelle: n-tv.de