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"Kalender-Spiel" gegen Dynamo Dresden: Als Hertha Teddys in die DDR brachte

Von René Wiese

Vor 35 Jahren treffen Dynamo Dresden und Hertha BSC in einem sogenannten "Kalender-Spiel" aufeinander, Ost spielt Fußball gegen West. Der DDR geht es um den Sieg, Westdeutschland um Annäherung, der Begriff "Freundschaftsspiel" ist strengstens verboten. Wichtiger als das Ergebnis sind am Ende ohnehin Teddybären und Taschenrechner.

Einige Jahre nach dem Mauerfall treffen sich im thüringischen Städtchen Sonneberg zwei Große des deutschen Fußballs: Erich Beer, Vize-Europameister 1976 für die Bundesrepublik und früherer Hertha-Star, und Reinhard Häfner, Olympiasieger mit der DDR 1976 und einstiges Idol von Dynamo Dresden. Der Franke Beer ist in Neustadt bei Coburg aufgewachsen, nur zwei Kilometer vor der deutsch-deutschen Grenze. Häfners Geburtsstadt Sonneberg liegt nur vier Kilometer von Neustadt entfernt, aber auf der anderen Seite der Mauer.

Der frühere Mittelfeldspieler Erich Beer genießt unter Hertha-Fans Legendenstatus.
Der frühere Mittelfeldspieler Erich Beer genießt unter Hertha-Fans Legendenstatus.(Foto: Archiv Zentrum deutsche Sportgeschichte)

Trotz ihrer unterschiedlichen Fußball-Biografien im geteilten Deutschland, die früh von ihrer Grenzlanderfahrung geprägt war, teilen beide eine gemeinsame Geschichte. Sie ist Thema beim Bier in Sonneberg, sie ist charakteristisch für den deutsch-deutschen Fußball in der Epoche der deutschen Teilung. Und sie beginnt am 26. April 1978 in Dresden, als sich Häfner und Beer beim "Kalender-Spiel" zwischen Dynamo und Hertha BSC erstmals gegenüberstanden.

Schwierige Protokollfragen

Aus Protest gegen den Mauerbau 1961 hatte der westdeutsche Sport den Kontakt mit der DDR abgebrochen. Obwohl er offiziell 1965 wieder aufgenommen wurde, kamen nur noch einzelne Spiele zwischen Ost und West zustande. Es herrschte eine deutschlandpolitische Eiszeit. Neue Hoffnungen keimten zu Beginn der 1970er Jahre, als im Zuge der Ostpolitik Willy Brandts eine Annäherung der deutschen Staaten erfolgte. Im Mai 1974 unterzeichneten der DSB und der DTSB der DDR das sogenannte "Sportprotokoll", eine Art entspannungspolitischer Grundlagenvertrag. Darin ging die auf Abschottung gegenüber der Bundesrepublik getrimmte DDR das Zugeständnis regelmäßiger Freundschaftsspiele ein, die allerdings in einem Sportkalender ein Jahr im Voraus terminlich festlegt werden mussten.

Bevor es vor 35 Jahren zum "Kalender-Spiel" gegen Dresden kam, hatte sich Hertha BSC bereits mehrfach um eine deutsch-deutsche Begegnung mit einem Oberliga-Team aus der DDR beworben. Immer erfolglos. Umso erfreuter waren die Berliner 1977, dass ihnen die obersten Sportfunktionäre am grünen Tisch ein Spiel gegen den DDR-Meister Dynamo Dresden in Aussicht gestellt hatten. Damit der Ball jedoch überhaupt ins Rollen kam, mussten brisante Protokollfragen geklärt werden.

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Hertha-Präsident Ottomar Domrich und Trainer Kuno Klötzer reisten zwei Monate vor der geplanten Partie zu Vorbereitungsgesprächen nach Dresden. Besonders knifflig waren die Bezeichnungsfragen. Die Dynamo-Funktionäre bestanden auf der offiziellen Sprachregelung, einen "Internationalen Fußball-Vergleich" auszurichten. Der Begriff "Freundschaftsspiel" war von DDR-Seite strikt verboten, da er zu viel Nähe zum ideologischen Gegner suggerierte. Abgrenzung zum Westen stand auf der Tagesordnung. Deshalb mussten sogar die Ansagen des Stadionsprechers auf ihren richtigen Sprachgebrauch hin von der ostdeutschen Sportführung penibel geprüft werden.

Freundschaftsspiel? Verboten!

Die deutschlandpolitische Linie wurde von den Dynamo-Vertretern und der Partei rigide umgesetzt. So erhielt etwa ein Redakteur der "Sächsischen Zeitung" eine scharfe Rüge der SED-Bezirksleitung, weil er entgegen der Vorgaben in einem Artikel die Begegnung als "Freundschaftsspiel" angekündigt hatte. Große Sorgen bereiteten den Sportfunktionären allerdings jene DDR-Fans, die ihre Sympathie für den Bundesliga-Fußball lautstark zum Ausdruck brachten. Sie sollten möglichst vom Stadion ferngehalten werden.

Nur einige Hundert Plakate zur Spielansetzung wurden deshalb am Vortag des Spiels im Dresdner Stadtzentrum angebracht. Ihr Zweck war einzig, den angereisten Touristen zumindest den Schein sportlicher Normalität vorzugaukeln.

Dei 40.000 Tickets für das Spiel gingen alle weg.
Dei 40.000 Tickets für das Spiel gingen alle weg.(Foto: Archiv Zentrum deutsche Sportgeschichte)

Am Spieltag war das Dynamo-Stadion mit 40.000 Zuschauern ausverkauft, darunter auch 380 Hertha-Anhänger. Sie waren mit einem offiziell ausgehandelten Sonderzug nach Dresden gereist. Die Stimmung im Stadion war prächtig. Dynamo hatte sich auf das Spiel wie bei einem Europapokalmatch vorbereitet. Ziel war ein Sieg über die Hertha, entsprechen druckvoll begann Dresden die Partie.

Im Mittelfeld der Hertha konnte Erich Beer die Angriffswelle der Dynamos mehrfach stoppen, Dresdner Torchancen sind Mangelware. Hertha beschränkte sich auf das Verteidigen, wirkt unterkühlt, manchmal lustlos. Es schien, als würden sie das Spiel nicht so ernst nehmen. Vor dem Spiel hatte das Team geschlossen die barocken Schönheiten Dresdens besichtigt und nur wenig Zeit in ein vorbereitendes Training investiert.

"Wir bringen 2 bis 3 Bälle mit!"

Hertha-Trainer Kuno Klötzer hatte die Dynamo-Verantwortlichen im Vorfeld der Begegnung sogar düpiert, als er das Angebot der Dresdner, den Herthanern Trainingszeiten im Stadion einzuräumen, mit der Bemerkung ausschlug, dass sie "am Spieltag nur leichte Erwärmungsarbeit hinter dem Interhotel durchführen würden. Wir bringen 2 bis 3 Bälle mit!" Der Stellenwert des Spiels auf beiden Seiten konnte nicht unterschiedlicher sein.

Die Dynamo-Elf drängte jedoch weiter auf den Sieg. 24:2 Ecken sind Ausdruck der Dresdner Offensivbemühungen, die in 69. Minute belohnt werden. Nachdem Dynamo-Rechtsaußen Reinhard Häfner noch kurz nach der Halbzeit das Berliner Tor knapp verfehlt hatte, sorgte Frank Richter schließlich für das 1:0. Es ist das Siegtor, aber nicht das Wichtigste für alle Fans.

Plüschteddys aus dem Kofferraum

Nach dem Spiel drängten sich viele Zuschauer um den Mannschaftsbus der Herthaner. Aus dem Kofferraum verteilen die Herthaner kleine Stoffbären. Dass die niedlichen Plüschteddys in Dresden blieben, war ein aus Hertha-Sicht versöhnlicher Abschluss des mit strittigen Protokollfragen aufgeladenen Spiels. Hertha-Star Beer erinnert sich: "Wir wussten, dass wir die Stoffbären nicht mitnehmen durften."

Für Beer und seine Herthaner war das Nachspiel in Dresden wichtiger als die Partie selbst.
Für Beer und seine Herthaner war das Nachspiel in Dresden wichtiger als die Partie selbst.(Foto: Archiv Zentrum deutsche Sportgeschichte)

Trotzdem widersetzten sich die Herthaner diesem aus ihrer Sicht unsinnigem Verbot der DDR-Seite. Die Öffentlichkeits-Abteilung von Hertha BSC hatte im Jahr 1977 den PR-Gag erdacht, bei allen Auswärts-Auftritten "Berliner Bären" ins Publikum zu werfen. Normalerweise enthielten diese Bärchen Lose, die dem Gewinner einen Freiflug zu einem Hertha-Spiel in West-Berlin bescherten – ein für Dresdner recht fragwürdiges Geschenk. Deshalb hatte die Hertha-übliche "Aktion Bärenfang" die Gastgeber in helle Aufregung versetzt. Die Übergabe der Hertha-Teddys wurde im Vorfeld der Begegnung von dem Dynamo-Vorsitzenden Rohne gegenüber den Hertha-Offiziellen mit harschen Worten als "nicht wünschenswert" deklariert.

Ebenso legte man ein Veto gegen Taschenrechner als Gastgeschenke für die Dynamo-Elf ein, die beim abschließenden Bankett überreicht werden sollten. "Die haben gesagt: das nehmen wir nicht an. Das wäre nicht korrekt von uns. Taschenrechner gäbe es nicht in der DDR", erinnert sich Beer. Zunächst fanden die Herthaner dann tatsächlich keine Abnehmer, denn die Spieler von Dynamo Dresden waren dazu angehalten, keine wertvollen Gastgeschenke anzunehmen. Nur eine Schreibmappe wurde als Äquivalent für die von Dresdner Seite überreichten Bierkrüge akzeptiert.

Intensives Abgrenzungverhalten

Obwohl vorab "intensiv das Abgrenzungsverhalten" gegenüber den Herthanern durchgespielt worden war und die Dynamo-Konzeption vorsah, dass "Gespräche grundsätzlich nur von Leitung zu Leitung geführt" werden sollten, war die Stimmung beim Bankett herzlich - trotz der protokollarisch streng getrennten Sitzordnung.

Zu ihrer Überraschung kamen die Hertha-Profis mit den Dresdner Stars ins Gespräch. "In Dresden war es selbstverständlich, dass wir Spieler zusammen waren, da konnten wir Kontakt aufnehmen. Und da habe ich erfahren, dass Reinhard Häfner vier Kilometer von meinem Ort, wo ich aufgewachsen bin, in Sonneberg wohnt", erzählt Erich Beer weiter. Damit ist das Eis endgültig gebrochen.

Die Atmosphäre lockert sich im weiteren Verlauf des Abends. Nach dem offiziellen Bankett gelangten undercover sogar noch einige begehrte Taschenrechner zu den Dresdner Spielern. Viel wichtiger war, dass durch das "Kalender-Spiel" der deutsch-deutsche Kontakt wieder belebt worden war. Erich Beer und Reinhard Häfner sahen sich nach dem Mauerfall regelmäßig, egal, ob in Thüringen, Bayern oder bei Spielen der Nationalmannschaft. Sie haben sich viel über die gemeinsame Vergangenheit, insbesondere über die Begegnung in Dresden aus dem Jahr 1978 zu erzählen. Denn, so Erich Beer: "Seitdem sind wir Freunde."

Quelle: n-tv.de

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