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"Wenn neben mir eine Bombe einschlägt, zucke ich nicht einmal zusammen. Immerhin bin ich schon eineinhalb Jahre beim 1. FC Saarbrücken": Peter Neururer.
"Wenn neben mir eine Bombe einschlägt, zucke ich nicht einmal zusammen. Immerhin bin ich schon eineinhalb Jahre beim 1. FC Saarbrücken": Peter Neururer.

Redelings über das kurioseste Team: Als Peter Neururer Saarbrücken aufmischte

Von Ben Redelings

Welch' Mannschaft! Der 1. FC Saarbrücken der Saison 1992/1993 präsentiert sich als ein Haufen Verbalerotiker, Trainingsweltmeister in Schwitzjacken und Mathematik-Genies mit Einmachküche - mit den hässlichsten Ausgehanzügen der Bundesliga.

Wenn ich gefragt werde, welche Mannschaft für mich die kurioseste in über 50 Jahren Fußball-Bundesliga ist, antworte ich für die meisten Leute überraschend. Ehrlich gesagt, hatte ich das Team vor den Recherchen für mein Bundesliga-Jubiläumsalbum auch nicht auf dem Schirm. Danach ging sie mir allerdings nie wieder aus dem Kopf - die Elf des 1. FC Saarbrücken in der Saison 1992/1993.

(Foto: Sascha Kreklau)

Alles fing mit dem Sektempfang zum Aufstieg aus der zweiten Liga an. In geselliger Runde traf man sich beim Ministerpräsidenten des Saarlands, Oskar Lafontaine. Der Klub hatte in der Euphorie für die komplette Führungsriege einen neuen Ausgehdress springen lassen. Und so präsentierten sich die Herren einheitlich mit bunten Krawatten im Schredder-Look und einem pinkfarbenen Jacket, das Trainer Peter Neururer bis heute als "Frühstücksjacket" bezeichnet: "Damit kannst du Eier abschrecken!"

"Fußball ist nicht das Wichtigste"

Ben Redelings, Jahrgang 1975, sagt: "Ich lese eigentlich alles, was es zur Bundesliga gibt." Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und kümmert sich seit 15 Jahren hauptberuflich um alles, was mit Fußball zu tun hat. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er alle zwei Wochen mittwochs die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Ganz nach dem Motto eines seiner zahlreichen Bücher: "Fußball ist nicht das Wichtigste im Leben - es ist das Einzige."

Ja, Übungsleiter dieser Mannschaft war tatsächlich der junge Peter Neururer. Als er damals an seinem ersten Tag in Saarbrücken etwas knapp in der Zeit mit quietschenden Reifen in seinem Porsche vorfuhr, sprach ein anwesender Reporter den legendären Satz: "Peter Neururer fährt kein Auto, Peter Neururer schleudert Auto!" Diese Erkenntnis führte einige Monate später in der Tristesse des Abstiegskampfs zu einem kurzen heiteren Moment, als man dem Coach während einer Pressekonferenz einen Brief aus Flensburg hereinreichte und Neururer Sekunden später jubelnd die Arme hochriss und rief: "Yippie, endlich mal wieder zwei Punkte geholt!" Zu feiern gab es in dieser Saison so wenig, dass sich Neururer einmal während eines Jubelsprungs sogar einen Bänderriss zuzog. Sein Körper war auf ein Tor einfach nicht mehr vorbereitet. Es war aber auch ein zu verrücktes Jahr - und das lag vor allem an den unglaublichen Typen, die der "Verbalerotiker" Neururer um sich geschart hatte.

"Die hab ich mal richtig schön langgemacht"

Wolfram Wuttke, Stefan Brasas, Thomas Stickroth, Arno Glesius, Stephan Beckenbauer, Michael "Balu" Kostner und den ersten US-Amerikaner in der Bundesliga, Eric Wynalda, muss man erst einmal in einem einzigen Team unterbringen. Dazu gesellte sich noch der Co-Trainer Rüdiger "Flankengott" Abramczik, den Neururer einmal während einer Pressekonferenz mit den Worten losschickte: "Abi, geh mit der Mannschaft in den Wald, ne Runde laufen. Aber immer schön im lockeren aeroben Bereich bleiben!" Als die Truppe über eine Stunde später wieder am Vereinsheim ankam, übergaben sich einige Spieler direkt vor Neururers Füßen. Abramczik lächelte den kopfschüttelnden Chef-Trainer an und sagte zufrieden: "Die hab ich mal richtig schön langgemacht!" Anschließend sollen sich die beiden Übungsleiter kurz aber heftig über aerobes und anaerobes Training ausgetauscht haben!

Schredder-Look-Beweisfoto: Trainer Peter Neururer, sein Assistent Rüdiger Abramczik - und Oskar Lafontaine.
Schredder-Look-Beweisfoto: Trainer Peter Neururer, sein Assistent Rüdiger Abramczik - und Oskar Lafontaine.

Wuttke sorgte auch in Saarbrücken für viel Heiterkeit. Neururer erzählt mit Vergnügen von dem Trainingslager in Guatemala. Naiverweise hatte er angekündigt, wer den Fitnesstest nicht bestehe, der könne auch nicht in der Startelf beim Bundesligastart stehen. Seine Leistungsträger Kostner und Wuttke fielen aber beim ersten Versuch durch. Einige Kilos zu viel auf den Rippen wogen offensichtlich zu schwer. Und so zog Wuttke seine berühmte Schwitzjacke über und rannte sich in einer einzigen Einheit bei Temperaturen um die vierzig Grad fünf Kilo hinunter. Er bestand den Test. Beim Rückflug nach Deutschland schlief der ansonsten so quirlige Wuttke erschöpft, aber glücklich durch. Dass er dann bisweilen doch in der Startformation fehlte, lag an anderen Dingen. Neururer formulierte das damals so: "Ich muss erst abwarten, wie er drauf ist. Vielleicht hat er sich eine Gehirnzerrung zugezogen."

"Mein Übergewicht bisher immer gehalten"

Es war eine launige und vor allem sehr sprachbegabte Runde damals in Saarbrücken. Über seinen Torwart Stefan Brasas sagte der Trainer etwa: "Der ist so lang, der kann aus der Dachrinne saufen." Und auch der US-Amerikaner Eric Wynalda wusste mit dem einen oder anderen Spruch zu begeistern. Zum SPD-Landtags-Fraktionsvorsitzenden Reinhard Klimmt sagte er: "Ah, du bist also der Indianer-Häuptling. Wo ist deine Feder?" Und den Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine schlug er bei der ersten Begegnung jovial auf die Schulter und meinte: "Na, was machen Sie denn so beruflich?"

Alles übertroffen hat aber damals ein Mann: Arno Glesius. Mit Tränen in den Augen erzählt Neururer heute noch von dem Morgen, als Glesius zu ihm in die Kabine kam und meinte: "Trainer, ich muss mal eben für drei Stunden weg: Von 8 bis 10!" Kurz darauf war Neururer so sehr von seinem Team enttäuscht, dass er vor dem Auswärtsspiel in München anordnete: Jeder muss sich selbst um seine Schuhe kümmern! Das taten auch alle. Doch als der Bus vor dem Olympiastadion an einem herrlich-warmen Frühlingstag vorfuhr, erwachte Glesius gerade aus dem Schlaf, schaute aus dem Fenster und blickte auf riesige Eisberge. Sofort lief er zu Neururer nach vorne und schrie verzweifelt: "Trainer, ich Idiot habe nur Sommerschuhe eingepackt!" Neururer schaute hinaus und sah auf die Arbeiter, die gerade die Eisbahn am Olympiastadion für den Sommer abtauten. Die Partie ging übrigens 0:6 verloren.

Nur Trainer Neururer schaffte es, sich auch nach dieser Begegnung etwas von seinem Galgenhumor zu erhalten: "Ausgesehen haben wir wie die Brasilianer, gespielt haben wir wie Barfuß Kairo." Drei seiner schönsten Sprüche überhaupt hat Arno Glesius damals übrigens innerhalb einer Woche geäußert. Am Montag: "Ich habe mein Übergewicht bisher immer gehalten." Am Mittwoch: "Ich habe mir gerade eine Eigentumswohnung mit Einmachküche gekauft." Und am Freitag dann die Nummer drei: "Ey, Masseur, hast du mal was zum Infizieren für mich!?" Kurz vor Ende seiner Zeit im Saarland ließ Trainer Peter Neururer die zurückliegenden, kuriosen Ereignisse einmal sehr treffend Revue passieren: "Wenn neben mir eine Bombe einschlägt, zucke ich nicht einmal zusammen. Immerhin bin ich schon eineinhalb Jahre beim 1. FC Saarbrücken."

Quelle: n-tv.de

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