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Da guckste, wa? 1991 gelang mit dem Gewinn der Ost-Meisterschaft das "Wunder von Rostock".
Da guckste, wa? 1991 gelang mit dem Gewinn der Ost-Meisterschaft das "Wunder von Rostock".(Foto: imago/Camera 4)

Hansas bewegte Klubgeschichte: Als der "Kaiser" wegen der "Kogge" grantelte

Von Tobias Nordmann

Einst wurde die "Kogge" zum "Königsmörder" von München. Einst dribbelten Florian Weichert und Michael Spies den FC Barcelona mit Pep Guardiola aus – verblassende Erinnerungen. Hansa Rostock wird heute 50, doch feiern wird niemand.

Der "Kaiser" hat genug gesehen. Franz Beckenbauer stürmt die Tribüne des Olympiastadions hinunter. Sein Weg führt ihn direkt in die Kabine des FC Bayern München. Dort erklärt er der Mannschaft, dass Trainer Otto Rehhagel ab sofort keine Weisungsbefugnisse mehr habe. Der "Kaiser" rasiert den "König" – weil die "Kogge" clever kontert. Hansa Rostock gewinnt am 30. Spieltag der Saison 1995/1996 dank eines Treffers von Torjäger Jonathan Akpoborie mit 1:0 in München. Am Ende der Saison feiern die Mecklenburger einen überragenden sechsten Platz und die Nominierung von Abwehrchef René Schneider für den EM-Kader des Deutschen Fußball-Bundes. Was für eine schöne Erinnerung. Und heute wäre ein guter Tag, sich zu erinnern. Denn auf den Tag genau besteht der Ost-Klub seit 50 Jahren.

Teile der Rostocker Fanszene sorgen immer wieder für Ärger.
Teile der Rostocker Fanszene sorgen immer wieder für Ärger.(Foto: imago sportfotodienst)

Aber heute ist kein guter Tag in Rostock. Die "Kogge", wie Hansa genannt wird, hat mächtig Schlagseite – sportlich wie finanziell. Und weil die Gegenwart so bitter ist, wurde die geplante Jubiläumsfeier unter dem Motto "Hansa forever" in der Rostocker Stadthalle verschoben – auf vorerst unbestimmte Zeit. Die großen Zeiten des Ostseeklubs sind längst vorbei, die Zukunft ungewisser denn je. Seit dem bislang letzten Abstieg aus der Bundesliga im Sommer 2008 fährt Rostock auf der Rolltreppe abwärts. Interne Querelen, finanzielle Probleme und eine zu Teilen sehr aggressive Fanszene machen dem Klub zu schaffen. Mehrmals stand Hansa vor der Insolvenz, die Personen in der Führungsetage wechselten fast so häufig wie die Trainer. Ein ganz bitterer Untergang des in den 90er-Jahren zeitweise beliebtesten Klubs in Ostdeutschland.

Staatliche Anordnung: Umzug von Lauter nach Rostock

Dabei hatte sich der am 28. Dezember 1965 durch die Herauslösung der Fußballabteilung des SC Empor Rostock gegründete Verein vor allem nach der Wende den Ruf als "Leuchtturm des Ostens" erarbeitet. Kleiner Exkurs in die Vergangenheit: Erstklassiger Fußball wurde in Rostock bereits seit 1954 gespielt. Allerdings auf staatliche Anordnung. Denn da es nördlich von Berlin keine Oberliga-Mannschaften gab, befahl die Sportführung der Staatspartei SED, dass Empor Lauter – ein kleiner Klub aus dem Erzgebirge – während der laufenden Spielzeit in das gerade fertiggestellte Ostseestadion nach Rostock umziehen und fortan unter dem Namen Empor Rostock spielen musste. Bei der Ausgliederung der Fußballabteilung wurde daraus Hansa Rostock.

Vor der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten war Hansa aber trotz Nationalspielern wie Gerd Kische und DDR-Legende Joachim Streich sportlich eher unbedeutend. Mehr "Fahrstuhlmannschaft" als Spitzenteam, wandelte sich der Klub in den 90er Jahren dann aber zur einzig stabilen Bundesliga-Größe des Ostfußballs. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenten gelang es den Rostockern, ihren Topspieler zu behalten und nicht an die deutlich potenteren Westklubs verkaufen zu müssen. Und so feierten sie bei der Hansa ihre größten Erfolge, als die DDR schon Geschichte war. Im Mai 1991 sicherte sich der Klub mit dem "Wunder von Rostock" die letzte "Ost-Meisterschaft" in der NOFV-Oberliga und wenig später mit dem Pokalsieg das erste Double der Vereinsgeschichte.

Wie Michael Spies den FC Barcelona erlegte

Michael Spies brachte das Ostseestadion zum Beben.
Michael Spies brachte das Ostseestadion zum Beben.

Durch die gewonnene Meisterschaft sicherte sich Hansa nicht nur einen Platz in der ersten gesamtdeutschen Bundesliga, sondern auch die Qualifikation für den Europapokal der Landesmeister. Und dort ließ das Team von "Wessie-Coach" Uwe Reinders aufhorchen. Gegen die von Johann Cruyff trainierte Auswahl des FC Barcelona mit Stars wie Christo Stoitschkow, Michael Laudrup, Ronald Koeman und Josep Guardiola feierte Rostock im Rückspiel einen Achtungserfolg. Nach dem 0:3 in Barcelona kämpften Jens Wahl, Stefan Böger und Co. die Katalanen leidenschaftlich nieder und siegten vor 8500 Zuschauern im Ostseestadion dank eines Treffers von Michael Spies mit 1:0! Der Erfolg war allerdings einer der wenigen Höhepunkte der ersten gesamtdeutschen Spielzeit aus Rostocker Sicht. Es gab zwar noch zwei Siege gegen den damals kriselnden FC Bayern und nach 4:0-Erfolg gegen Nürnberg am 1. Spieltag die Tabellenführung – am Ende musste Hansa allerdings den direkten Gang in die Zweitklassigkeit antreten.

Erst 1995 kehrte der Klub in die Bundesliga zurück - und sollte zehn Jahre dort bleiben. Mit Spielern wie Stefan Beinlich, Marko Rehmer, Oliver Neuville oder Sergej Barbarez behaupteten sich die Rostocker als einziger Ostklub mittelfristig in der Bundesliga; in den Jahren 1996 und 1998 fuhr die "Kogge" sogar sensationell auf Platz sechs ein. 1999 rettete sich Hansa im legendären Abstiegsfinale der Bundesliga noch durch eine 3:2 beim VfL Bochum. Mit 412 Bundesliga-Spielen haben die Rostocker mehr Begegnungen in der höchsten Spielklasse absolviert als alle anderen ostdeutschen Klubs zusammen. Es gäbe so viel zu feiern heute, zum 50. Geburtstag. Aber es ist kein guter Tag für Hansa Rostock.

Quelle: n-tv.de

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