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Erfolglos in Sinsheim: Mats Hummels, Javier Martínez und Corentin Tolisso.
Erfolglos in Sinsheim: Mats Hummels, Javier Martínez und Corentin Tolisso.(Foto: imago/ActionPictures)
Dienstag, 12. September 2017

Stärker als vergangene Saison?: Ancelottis FC Bayern ringt ums Top-Niveau

Von Constantin Eckner

Die Vorbereitung läuft katastrophal, in der Fußball-Bundesliga setzt es die erste Niederlage, nun startet FC Bayern in die Champions League. Und Trainer Carlo Ancelotti muss sich an der Aussage messen lassen, der Kader sei besser als im Vorjahr.

Carlo Ancelotti ist ein Veteran im Fußballtrainergeschäft. Der 58 Jahre alte Italiener hat schon alles gesehen, Titel gewonnen, dramatische Niederlagen eingesteckt. Und doch kann Carletto, wie er bisweilen liebevoll genannt wird, im Moment nicht unbesorgt auf das schauen, was ihn in dieser Saison erwartet. Die Vorbereitung mit dem FC Bayern verlief katastrophal. Es hagelte Niederlagen. Der Saisonstart war im Vergleich schon um einiges besser, aber kann auch bedenkenlos mit "holprig" umschrieben werden.

FC Bayern - Anderlecht, 20.45 Uhr

FC Bayern München: Neuer - Kimmich, Martínez, Hummels, Rafinha - Rudy - Tolisso, Thiago - Robben, Lewandowski, Ribéry.- Trainer: Ancelotti.
Royal Sporting Club Anderlecht: Sels - Najar, Deschacht, Spajic, Obradovic - Trebel, Dendoncker - Chipciu, Hanni, Onyekuru - Teodorczyk. - Trainer: Weiler.
Schiedsrichter: Tagliavento (Italien)

Die Pleite in der Bundesliga bei der TSG Hoffenheim am Samstag sorgte dann für große Ernüchterung. Und heute (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) steht das erste Saisonspiel in der Champions League an, zu Gast im Stadion zu Fröttmaning ist der belgische Meister RSC Anderlecht. Es deutete sich bereits an, dass ein steiniger Weg vor den Münchnern liegt, bis sie wieder auf absolutem Top-Niveau spielen könnten. Trotzdem ließ sich Ancelotti zu einer gewagten Aussage hinreißen. "Meine Mannschaft in dieser Saison ist besser als letzte Saison, wenn alle fit sind", behauptete er und legte einen interessanten Nachsatz hinterher: "Die neuen Spieler bringen mehr Qualität." Die neuen Spieler, das sind Niklas Süle, Sebastian Rudy, Corentin Tolisso und James Rodríguez. Alle vier kamen im Sommer nach München. Der Ex-Hoffenheimer Rudy sowie das französische Top-Talent Tolisso sollten die Lücke füllen, die Xabi Alonso hinterließ. Der spanische Sechser beendete wie auch der langjährige Bayern-Kapitän Philipp Lahm seine Karriere. Alonso und Lahm, beide waren zuletzt noch feste Stützen in München. Nun sollen aber die Nachfolger "mehr Qualität" bringen, behauptet Ancelotti.

Die Formation des FC Bayern im Spiel bei der TSG Hoffenheim am Samstag.
Die Formation des FC Bayern im Spiel bei der TSG Hoffenheim am Samstag.

Kontra gibt es umgehend von einem Ex-Bayern. Zé Roberto sagte gegenüber t-online.de, der FCB habe einen "Kader mit vielen jungen Spielern." Dem Brasilianer fehlt im Kader "die Erfahrung, die für die Königsklasse nötig ist." Das Durchschnittsalter der Mannschaft ist keineswegs niedrig. An den ersten drei Bundesliga-Spieltagen lag es bei 27,4 Jahren. Und auch international gehören die Münchener eher zu den alten Hasen. Mit 845 Champions-League-Einsätzen ist der Kader hinter den spanischen Giganten aus Madrid und Barcelona der dritterfahrenste.

Neuzugänge haben durchaus Potenzial

Die Probleme könnten beim deutschen Rekordmeister eher im Detail liegen. Mit Lahm ist auf der Rechtsverteidigerposition nicht nur der Kapitän sondern auch ein wichtiger Stratege weggebrochen. Lahm war mehr als nur ein stupider Linienläufer. Seine Gefährlichkeit kam zum Tragen, wenn er sich ins Mittelfeld einschaltete, wenn er auf den Ball trat und mit Übersicht den Diagonalpass suchte. Nachfolger Joshua Kimmich kann diese Attribute gewiss auch offerieren, nur nimmt der 22-Jährige im Moment sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft meist eine simplere Rolle ein. Auf lange Sicht sollte er zumindest sportlich in die großen Fußstapfen eines Lahm treten können. Allerdings sind auf kurze Sicht hin Wellenbewegungen in den Leistungen Kimmichs zu erwarten, was der Aussage von Ancelotti widerspricht, die Bayern hätten sich im Vergleich zum vergangenen Jahr unmittelbar verbessert.

Aktuell rückt Tolisso oftmals auf die rechte Seite und sichert dort die Vorstöße von Kimmich ab. Der Franzose ist damit seltener im Zentrum anzutreffen.
Aktuell rückt Tolisso oftmals auf die rechte Seite und sichert dort die Vorstöße von Kimmich ab. Der Franzose ist damit seltener im Zentrum anzutreffen.

Diese These trifft eher auf die Position im zentralen Mittelfeld zu. Wenngleich Xabi Alonso stets auf seine Erfahrung vertrauen konnte, ging dem Spanier zuletzt eindeutig die Geschwindigkeit ab. Bei seiner recht aggressiven Spielweise ein klarer Nachteil. Nachfolger Rudy hat da athletische Vorteile. Und nicht nur das: Der deutsche Nationalspieler ist ein ausgezeichneter Spielmacher, der in den vergangenen Jahren in der Hoffenheimer Idylle heranreifte und im Alter von 27 Jahren nun bereit scheint für die große Herausforderung in München. Es sind Rudys Pässe, sein intelligentes Verhalten im Pressing, seine klugen Bewegungen im Spielaufbau, die ihn vielleicht nicht zum auffälligsten Bayern-Akteur aber zu einem ganz wertvollen machen könnten.

Währenddessen ist Tolisso ein Versprechen an die Zukunft. Dem physisch imposanten Mittelfeldakteur wird allerdings in diesen Tagen die wichtige Rolle auf der Sechserposition noch nicht anvertraut, weshalb er häufiger auf der rechten Halbposition zu finden ist oder sogar phasenweise als verkappter Rechtsaußen agiert. Ähnlich wie im Fall von Kimmich sind von Tolisso in der Zukunft noch große Dinge zu erwarten. Und der Franzose spiegelt zudem die kluge Transferpolitik auf einem ansonsten enorm aufgeheizten Markt wieder. Für 42 Millionen war Tolisso vergleichsweise ein Schnäppchen - und doch der teuerste Transfer der Vereinsgeschichte. Mittelstürmer Robert Lewandowski brachte es kürzlich auf den Punkt: "Bayern muss sich etwas einfallen lassen und kreativ sein, wenn der Verein weiter Weltklassespieler nach München lotsen will."

Geduld ist gefragt - aber haben sie die?

Im Wettbieten der Mäzenatenklubs aus Paris oder Manchester können oder wollen die Münchener nicht mitmachen. Stattdessen suchen die Verantwortlichen an der Säbener Straße die Juwelen, die andere Top-Klubs womöglich übersehen oder von einem Wechsel nicht überzeugen können. Insofern erscheint es unklug zu viel Druck auf die Schultern der Neuankömmlinge zu legen, was Ancelotti mit seiner Aussage, die Mannschaft sei "besser als letzte Saison" aber vielleicht unbewusst getan hat.

Die Realität beim FC Bayern ist jedoch auch: Mit Samthandschuhen werden selbst jüngere oder unerfahrenere Kicker intern wie auch medial nur für kurze Zeit angepackt. Der frühere Bayern-Kapitän Lothar Matthäus sprach am Samstag beim Bezahlsender Sky von "Mitläufern" und behauptete, dass manche "noch nicht mit dem Bayern-Gen" ausgestattet seien. Daran müssen sich Tolisso, Rudy und Co. gewöhnen.

Direkt nach der Niederlage gegen Hoffenheim wurde beispielsweise Tolisso für seine Leistung kritisiert. Dabei war der französische Mittelfeldspieler keineswegs der Hauptgrund, dass die bayerische Offensive zu ineffektiv mit dem eigenen Ballbesitz umging. Tolisso funktionierte als Rädchen im Getriebe. Er erfüllte die von Ancelotti angedachten Aufgaben. Nicht mehr und nicht weniger. Auch Zugang Rodríguez braucht noch Zeit, bis er voll einschlagen kann. Ancelotti integriert ihn langsam in die Offensivabteilung der Bayern. Doch beide werden – anders als der oftmals unterschätzte Rudy – mit der Erwartungshaltung konfrontiert, dass sie absolute Granaten auf dem Rasen seien. Nun ist eine für die Bayern eher ungewöhnliche Tugend gefragt: Geduld.

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Quelle: n-tv.de

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