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Hans-Joachim Watzke arbeitete ab 2001 als Schatzmeister beim BVB, seit 2005 ist er Geschäftsführer.
Hans-Joachim Watzke arbeitete ab 2001 als Schatzmeister beim BVB, seit 2005 ist er Geschäftsführer.(Foto: picture alliance / dpa)

BVB-Boss Watzke im n-tv.de-Interview: "Ausstiegsklauseln gibt es nicht mehr"

Hans-Joachim Watzke ist der Architekt des Aufschwungs beim BVB. Im Interview mit n-tv.de erklärt er, warum Borussia Dortmund weiter Titel gewinnen wird, was der BVB Marco Reus bieten kann - und warum ihn niemand mehr auf Karl-Heinz Rummenigge ansprechen muss.

n-tv.de: Sie haben sich zuletzt beklagt, dass im Zusammenhang mit dem BVB zu viel über Geld und zu wenig über den Sport gesprochen wurde. Rein sportlich betrachtet: Wie bewerten Sie den neuen BVB-Kader?

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Hans-Joachim Watzke: Das ist aufgrund der zerstückelten Saisonvorbereitung extrem schwer zu sagen. Bestes Beispiel: Dieses 0:4 in Liverpool fühlt sich auf den ersten Blick nicht so großartig an. Aber wir haben eben auch acht Topspieler nicht dabei gehabt. Das relativiert viel. Wir glauben, dass wir unsere Hausaufgaben gut gemacht haben und gerüstet sind. Natürlich müssen wir mit Robert Lewandowski einen der besten Stürmer der Welt ersetzen. Aber wir haben eine sehr ambitionierte Mannschaft.

Ist es eine neue Qualität, dass jede Position jetzt doppelt besetzt ist?

Wir waren auch letztes Jahr quantitativ nicht schlecht besetzt. Nach elf Spieltagen hatten wir einen Punkt Rückstand auf die Spitze. Dann brach bei uns eine Verletzungsmisere aus, wie ich sie noch nie erlebt hab. Innerhalb von einer Woche sind vier von sechs Defensivkräften über Monate ausgefallen.  Daraufhin haben wir bis zur Winterpause zehn oder zwölf Punkte auf Platz eins verloren. Wir müssen gucken, dass uns so etwas nicht noch einmal passiert.

Das klingt, als könnten Sie das beeinflussen?

Nein, man muss einfach Glück haben. Wenn ich nur sehe, wie die Saison von außen bewertet wird: Der BVB hat keinen Titel geholt. Was insofern nicht stimmt, als dass der Supercup in anderen Ländern höher bewertet wird als hier. Und – vorsichtig formuliert – gewinnen wir mit etwas Glück den DFB-Pokal. Dann wäre die ganze Saison von allen komplett neu bewertet worden, auch für die Bayern. Zum Ende entscheiden auch Zufälligkeiten, das sollte man nicht außer Acht lassen. Fakt ist: Wir haben all unsere Saisonziele erreicht. Im Falle der Champions League sogar mehr als das.

Träumen Sie manchmal noch von dem nicht gegebenen 1:0 im Pokalfinale?

Das hat mich ein paar Tage schon extrem verfolgt, weil es doch sehr ärgerlich war.

Sie haben die Sturmbaustelle angesprochen, die Lewandowski hinterlassen hat. Wie schnell wird ihn 18-Millionen-Einkauf Ciro Immobile ersetzen können?

Da steckt schon der erste Gedankenfehler in der Frage. Ciro Immobile muss ihn nicht ersetzen. Das haben wir hundertmal betont. Er kann auch nichts für die Ablösesumme. Wir haben eine ganze Reihe von sehr guten Stürmern, die Lewandowski im Verbund ersetzen müssen: Aubameyang, Immobile, Ramos, dahinter noch Ji.

Aber Sie können nicht plötzlich mit dreizehn Spielern auflaufen, um Lewandowski mit drei Stürmern zu ersetzen.

Nein. Aber aus diesen Möglichkeiten wird der Trainer etwas bauen, das uns in die Lage versetzt, wieder ambitioniert Fußball zu spielen. Alles auf Immobile zu konzentrieren, wäre völlig falsch. Wir müssen ihm ein Übergangsjahr zugestehen, wie es Lewandowski auch hatte.

Mit welchen Zielen gehen Sie in die neue Saison?

"Aki" Watzke bei den Feierlichkeiten zum Double 2012.
"Aki" Watzke bei den Feierlichkeiten zum Double 2012.(Foto: imago sportfotodienst)

Wir haben uns realistische Ziele gesetzt - so wie immer. Keine weichen, wie im Kommunismus früher, aber auch keine, die nicht umsetzbar wären. Zu sagen, wir wollen Meister werden, wäre unrealistisch. Jeder weiß, dass es in Deutschland einen Klub gibt, der viel mehr Geld in seine Mannschaft stecken kann. Also ist der auch der Favorit. Es nützt dir nichts, wenn du hohe Ziele vorgibst. Du musst hart dran arbeiten, etwas zu erreichen. Wir sind zweimal Meister geworden - ohne das vorher anzukündigen. In der neuen Saison wollen wir wieder direkt in die Champions League, dort die Gruppenphase überstehen und nach Berlin.

In Berlin findet 2015 auch das Champions-League-Finale statt.

Wir reden vom Pokalendspiel.

Wie wichtig wäre ein Titel abseits des Supercups?

Der FC Arsenal hat, glaube ich, zehn Jahre keinen Titel geholt. Jetzt haben sie mal den Cup gewonnen. Gegen Hull City, das hätten wir vielleicht auch geschafft. Ein Titel ist immer schön. Aber viel entscheidender ist, dass du dich in der Spitze etablierst. Diese Nachhaltigkeit, dass Borussia Dortmund vier Jahre hintereinander Erster oder Zweiter war und dazu dreimal in Serie am Saisonende in einem Finale stand, das hat‘s in 105 Jahren BVB-Geschichte noch nie gegeben.

Der BVB war in den letzten zwei Jahren oft nah dran, hat aber nichts gewonnen. Last-Minute-K.o. in Wembley, vergebliche Gala gegen Real Madrid, Pokalfinalpech: Fürchten Sie den Ruf, nur noch Maßstäbe im schönen Scheitern zu setzen?

Überhaupt nicht. Ein Finale hat die unangenehme Eigenschaft, dass du halt auch mal verlieren kannst. Aber Jürgen Klopp hat es auch schon gesagt: Wir werden auch mal wieder eins gewinnen. Borussia Dortmund hat das Titel-Gen. Und wie Sie wissen, haben wir in der jüngeren Vergangenheit ja auch mehrere Titel gewonnen.

Heute bietet sich die Chance, wieder gegen den FC Bayern. Welche Bedeutung hätte ein Sieg in diesem ersten Pflichtspiel der Saison?

Ich glaube, dass beide Mannschaften das Spiel sehr wichtig nehmen, obwohl viele Topspieler noch nicht dabei sein können. Der FC Bayern und Borussia Dortmund sind internationale Marken. Da achtet nicht nur in Deutschland jeder auf das Spiel, sondern in ganz Europa, weltweit.

Trotz Ihrer Vorbehalte gegen RB Leipzig haben Sie die Stadt als festen Supercup-Spielort ins Gespräch gebracht. Wieso?

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Ich habe gar nichts gegen RB Leipzig. Der Standort Leipzig war von Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz eine grandiose Idee. Der beste, den man für so ein Projekt wählen kann. Weil die Leute im Osten einfach fußballhungrig sind. Insofern ist das sicherlich ein Ort, der dauerhaft ein ausverkauftes Supercup-Stadion garantieren würde und eine Institution für den Wettbewerb werden könnte. Aber das war nur ein Gedankenspiel meinerseits.

Vor vier Jahren haben Sie noch gewarnt, dass mit den Red-Bull-Millionen in Leipzig die Fußballkultur zu Grabe getragen wird und gesagt, das sei eine echte Bedrohung für den BVB.

Nein, ich habe gesagt, es ist wichtig, dass in den Klub demokratische Strukturen einziehen - das war damals noch nicht so. Inzwischen wurde nachgebessert, die DFL hat ihr Okay gegeben. Leipzig wird fußballerisch definitiv eine Erfolgsgeschichte, der Klub wird in der Bundesliga kein Stiefmütterchendasein fristen. Dort werden Pay-TV-Abos verkauft, die werden mit mehreren tausend Gästefans durch die Republik reisen. Da entsteht keine aufgepfropfte Fußballbegeisterung wie an anderen Standorten, sondern die ist wirklich da. Die musste nur erstmal einer wecken. Anders hat es im Osten ja leider Gottes nicht funktioniert.

Eine andere fußballerische Erfolgsgeschichte war der deutsche WM-Titel. Wie froh sind Sie, dass Joachim Löw trotzdem Bundestrainer bleibt und Ihnen die Diskussion um einen möglichen Nachfolger Jürgen Klopp erspart bleibt?

Es war für mich schon im Vorfeld klar, dass Löw Bundestrainer bleibt. Die Diskussion um Jürgen Klopp hätte es ohnehin nicht gegeben. Borussia Dortmund hat einen Vertrag mit ihm bis 2018. Und ich glaube auch nicht, dass der DFB im Fall der Fälle bei uns initiativ geworden wäre. Die wissen, dass Verträge zu respektieren sind.

In Sympathieumfragen liegt Ihr Klub immer sehr weit vorne. Glauben Sie, dass Jürgen Klopp manchmal zu krawallig ist für den netten BVB?

Nein, überhaupt nicht. Wir wollen auch nicht nett sein, sondern echt. Und wir möchten nicht die besseren Menschen sein, sondern authentisch. Jürgen ist authentisch. So wie er ist, ist er erfolgreich. Wir sind keine Chorknaben. Jeder von uns hat auch Eigenschaften, die andere vielleicht als störend empfinden. Aber wenn Jürgen diese komplette Leidenschaft, Erfolg haben zu wollen, an der Garderobe abgibt, um mehr auf Staatsmann zu machen, dann wird der Erfolg von Borussia Dortmund darunter leiden.

Zum Supercup kehrt Bayern-Sportdirektor Matthias Sammer nach Dortmund zurück. Er ist als Spieler und Trainer mit dem BVB dreimal Meister sowie Champions-League-Sieger geworden. Wieso ist er trotzdem keine Vereinsikone für die Fans?

Sollte der von Ihnen geschilderte Eindruck wirklich entstehen, läge das nicht an uns. Ich kann und will das nicht bewerten. Matthias Sammer war ein sehr wichtiger Spieler von Borussia Dortmund, er war selbstverständlich auch Gast beim 100-jährigen BVB-Jubiläum. Aber ich glaube, dass er da, wo er jetzt ist, sehr gut aufgehoben ist. Das ist wirklich nicht mein Thema.

Der BVB sieht sich als Nr. 2 in Fußball-Deutschland ...

Das sind die sportlichen und ökonomischen Realitäten.

Wie groß ist der Abstand zur Nr. 1 FC Bayern - und wie groß nach hinten?

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Bayerns Vorsprung auf uns ist schon wirtschaftlich sicher größer als unser Vorsprung auf die anderen Klubs, die vorne mitmischen wollen. Fakt ist aber auch: Vor zehn Jahren hätten wir solche Diskussionen gar nicht führen müssen. Wir haben uns Rang zwei hart erarbeitet. Aber wir wissen auch, wer hinter uns ist. Wolfsburg hat fantastische Möglichkeiten, Schalke immer eine gute Mannschaft, Gladbach macht es super. Und wenn, wie jetzt bei Bayer Leverkusen, der Konzern sagt, wir ziehen mal eine Zahlung vor, hier habt ihr etliche Millionen Euro, dann müssen wir das zur Kenntnis nehmen und sagen: Okay, unsere Konkurrenz macht Druck.

Blick nach vorn: Wann wirbt der BVB den ersten Bayern-Spieler ab?

Darum geht es gar nicht. So würden wir nie denken. Wir ziehen unser Ding durch. Borussia Dortmund hat allerdings keine Denklimits oder eine Gehaltsdeckelung. Bei uns wächst der Umsatz seit Jahren in allen Bereichen, deshalb konnte auch unser Budget immer mitwachsen. Aber wenn Bayern 450 Millionen Umsatz macht und wir ohne Transfers 250 Millionen, dann ist das noch ein riesiger Unterschied. Möglicherweise ein Weg, den du nie komplett aufholen kannst.

Aber Sie holen jetzt auch durch Ihre Kapitalerhöhung auf. Wenn es wie gewünscht läuft, steht ein dreistelliger Millionenbetrag zur Verfügung. Was machen Sie mit dem Geld?

Das ist einmaliges Geld, da gibt es keine Initialzündung ins Sportliche. Erstmal haben wir den Wunsch, unsere Restverbindlichkeiten zu tilgen. Wenn die Kapitalerhöhung vollumfänglich funktioniert, und sofern wir uns mit den Banken auf einige vorzeitige Tilgung einigen könnten, dann hätte Borussia Dortmund keinen Euro Finanzverbindlichkeiten mehr.

Zwischenmenschlich war es zwischen BVB und Bayern zuletzt sehr unharmonisch. Was hat Sie an den Äußerungen von Bayern-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge zu Marco Reus so empört?

Ich finde es nicht stilvoll, wenn man sich über interne Vertragsinhalte eines Spielers äußert, der nicht dem eigenen Klub angehört. Egal, ob sie jetzt stimmen oder nicht. Das macht man nicht! Das war eine neue Qualität. Aber auf das Thema braucht mich keiner mehr anzusprechen. Das Verhältnis ist geklärt. Wir brauchen keine Harmonie mit dem FC Bayern, sondern ein Verhältnis des gegenseitigen Respekts. Wir für unseren Teil haben ihn und verhalten uns entsprechend.

Der BVB war in den vergangenen Jahren sportlich nahezu auf Augenhöhe mit dem FC Bayern. Warum gehen dann Stars wie Götze und Lewandowski  trotzdem nach München?

Gegenfrage: Was vermuten Sie?

Wir vermuten, dass es am Gehalt liegt.

Das vermute ich auch. Aber auch wenn immer so getan wird, als ob jeder Spieler von Borussia Dortmund sofort den Verlockungen des FC Bayern erlegen wäre: Es gibt auch BVB-Spieler, die Anfragen europäischer Topklubs noch und nöcher hatten und nicht gegangen sind.

Der neue BVB-Kapitän Mats Hummels hat kürzlich sinngemäß gesagt, er gewinnt lieber eine Meisterschaft als Führungsspieler statt vier als Mitläufer.

Es gibt eben Spieler mit unterschiedlichen Prioritäten. Wir können damit umgehen. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass wir in Schutt und Asche gehen, nur weil jetzt Robert Lewandowski weg ist. Vorher ist Mario Götze gegangen, davor mal Shinji Kagawa oder Nuri Sahin. Unabhängig davon, ob es den Spielern immer gut getan hat: Der BVB hat dadurch keinen großen Schaden genommen.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass Marco Reus bleibt?

Ich brauche keine Wasserstandsmeldung abzugeben. Wir möchten, dass Marco lange bei uns bleibt. Wir werden versuchen ihn zu überzeugen, dass wir ihm nachhaltig ein Top-Gesamtpaket bieten. Als Ur-Dortmunder, der nach einem Umweg wieder hier gelandet ist, kann er eine ganze Epoche begründen. Wir machen keinen Druck. Wir wünschen uns nur, dass er diese Möglichkeit sieht und sie ergreift.

Sie haben am Montag Ihren Vertrag bis 2019 verlängert. Haben Sie eine Ausstiegsklausel?

Ich? (lacht) Bei Borussia Dortmund soll künftig niemand mehr eine Ausstiegsklausel haben. Aber diesen Status musst du dir erst erarbeiten, vor zwei, drei Jahren hatten wir ihn noch nicht. Wenn du damals einen Spieler haben wolltest, der eine solche Klausel wollte, hättest du es hingenommen. Heute würdest du zu dem Spieler wahrscheinlich sagen: Entweder du verzichtest darauf, oder wir kommen nicht zusammen. Und dann würde er vermutlich trotzdem zu uns kommen.

Mit Hans-Joachim Watzke sprachen Christian Rothenberg und Christoph Wolf.

Quelle: n-tv.de

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