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Donnerstag, 14. September 2017

Dortmund schwach bei Tottenham: BVB verliert sich in Harakiri und Naivität

Von Felix Meininghaus, London

Die Dortmunder Borussia erlebt in London einen klassischen Fehlstart in die Champions-League-Saison: Die Marschroute von Trainer Peter Bosz, die Viererkette extrem hoch zu positionieren, wird von den Spurs eiskalt ausgehebelt.

Harry Kane ist für einen jungen Mann ziemlich selbstbewusst. Der 24-Jährige weiß genau, wo er hin will: An die Spitze des europäischen Fußballadels, wo sich Koryphäen wie Cristiano Ronaldo, Lionel Messi und Neymar tummeln. Die Champions League, sagt der Stürmer von den Tottenham Hotspurs, sei genau die Bühne, um sich für diese Liga zu qualifizieren. Beim ersten Auftritt der neuen Kampagne gegen Borussia Dortmund hat der 24-jährige Engländer einen großen Schritt gemacht, um sich für die Riege der Erlauchten zu etablieren.

Tottenhams Harry Kane - in der Form seines Lebens und von der BVB-Abwehr nicht zu stoppen.
Tottenhams Harry Kane - in der Form seines Lebens und von der BVB-Abwehr nicht zu stoppen.(Foto: imago/ZUMA Press)

Zwei Tore schoss der Mittelstürmer am Mittwochabend beim 3:1-(2:1)-Heimsieg des Klubs aus London gegen den BVB, nach dem Spiel lobte ihn sein Trainer Mauricio Pochettino überschwänglich: "Er war fantastisch, im wichtigsten Klubwettbewerb der Welt so aufzutreten, ist ein echtes Statement." Was der Argentinier auf der Bank der Spurs galant verschwieg, war der Umstand, wie leicht es dem aufkommenden Superstar von seinen Widersachern gemacht worden war, seine Attacken ins Ziel zu bringen.

Beim ersten Wirkungstreffer von Kane schüttelte der bullige Stürmer Sokratis und Nuri Sahin wie lästige Fliegen ab, um danach auch von Ömer Toprak nicht am Torschuss gehindert zu werden. Und in der zweiten Halbzeit konnte ihn Lukasz Piszczek nicht davon abhalten, den Ball zum entscheidenden Treffer im langen Eck zu versenken. Wahnsinn, wie sich der BVB von einem Gegner überrumpeln ließ, der nach der Auslosung der Gruppenphase von sämtlichen Experten als der Kontrahent ausgemacht worden war, den es zu schlagen gilt, um hinter dem turmhohen Favoriten Real Madrid den zweiten Platz in der Gruppe H der Champions League zu erstreiten.

Tottenham ist nicht Rielasingen-Arlen

Das wird richtig schwer nach einer Leistung, die keinen gehobenen internationalen Ansprüchen genügte. Was Borussia Dortmund in der Rückwärtsbewegung anbot, glich einer fatalen Melange aus Harakiri und Naivität. Die mutige von Peter Bosz praktizierte Marschroute wurde von Tottenham im Londoner Wembley Stadion gnadenlos ausgehebelt. Dortmunds holländischer Trainer lässt sein Ensemble in der Verteidigung mit einer hoch stehenden Viererkette agieren. Gegen harmlose Gegner hat das bislang hervorragend funktioniert, in vier Pflichtspielen gab es nicht einen Gegentreffer. Doch in der Champions League weht ein anderer Wind.

Die zwischenzeitliche Freude nach dem Ausgleich durch Andrey Yarmolenko hielt nur kurz an.
Die zwischenzeitliche Freude nach dem Ausgleich durch Andrey Yarmolenko hielt nur kurz an.(Foto: imago/AFLOSPORT)

Auf dem Topniveau zeigt sich, dass es einen gravierenden Unterschied gibt, ob man gegen ein englisches Spitzenteam oder gegen die Nobodys vom 1. FC Rielasingen-Arlen im DFB-Pokal oder in der Liga gegen weitgehend harmlose Kontrahenten aus Wolfsburg, Berlin und den SC Freiburg antritt. Gegner wie Tottenham, so die nicht völlig überraschende Erkenntnis, agieren auf einem anderen Level: "Wir waren in den entscheidenden Momenten nicht gut organisiert", räumte Bosz ein. Der Trainer des BVB wird eine taktische Marschroute im Wembley-Stadion nachhaltig hinterfragen müssen. "Wenn du mit deiner Viererkette so hoch stehst wie wir, sind die Räume hinter der Verteidigung groß", dozierte der 53-Jährige: "Diese Räume musst du verteidigen, und das haben wir heute nicht getan."

De facto waren die Lücken gewaltig, und deshalb hätte sich die Borussia nicht beklagen dürfen, wären mehr als drei Gegentreffer gefallen. Das war die eine Hälfte der Wahrheit eines äußerst kurzweiligen Schlagabtauschs vor 67.343 Besuchern im legendärsten Stadion der Welt. Die andere war, dass die Dortmunder das Spielgeschehen über weite Strecken bestimmten, jedoch aus ihren üppigen Möglichkeiten nicht mehr machten als den einen Treffer durch den auffallend starken Neuzugang Andrey Jarmolenko. Dem Ukrainer gelang mit seinem sehenswerten Schlenzer in den Winkel nicht nur ein kleines Kunstwerk, er war auch sonst der größte Dortmunder Lichtblick an einem missratenen Abend.

Fehlentscheidungen bringen Zorc auf die Palme

Hernach haderten die Dortmunder nicht nur mit ihren Fehlleistungen in der Abwehr, sondern auch mit Schiedsrichter Gianluca Rocchi, der ebenfalls einen gebrauchten Abend erwischt hatte. Der Italiener verweigerte den Deutschen in der zweiten Halbzeit einen Treffer von Pierre-Emerick Aubameyang, obwohl der Torjäger für alle erkennbar nicht im Abseits gestanden hatte. Es war eine krasse Fehlentscheidung, die Sportdirektor Michael Zorc die Zornesröte ins Gesicht trieb: "Wenn du auf diesem Niveau solch eine Fehlentscheidung bekommst, ist es schwer, das Spiel zu gewinnen." Und weiter: "Ich hätte gern gesehen, wie das Spiel läuft, wenn der Schiedsrichter unser Tor zum 2:2 anerkennt."

Eben das tat Rocchi nicht - und das passte zu einem Abend, an dem alles gegen den BVB lief. Auch für Mario Götze lief es nicht rund. Der Mann, der die DFB-Elf 2014 in Brasilien zum Weltmeistertitel schoss, kam in der zweiten Halbzeit ins Spiel und bekam kurz darauf den Ellbogen von Tottenhams Jan Vertonghen ins Gesicht gerammt. Während der Verteidiger Gelb-Rot sah, wurde Götze minutenlang behandelt.

"Er geht heute noch zum Arzt, weil er nicht mehr alle Zähne an der richtigen Stelle hat", berichtete Bosz: "Das tut schon weh, wenn man nur darüber redet." Das alles passte zu einem Gastspiel auf der Insel, das Borussia Dortmund hart traf. Ob es den Champions-League-Sieger von 1997 nachhaltig erschüttert, muss sich weisen. "Es ist nur ein Spiel", betonte Bosz und verschwand in die Nacht. "Aber noch ist alles offen. Wir sehen uns noch einmal. Zum Rückspiel in Dortmund."

Quelle: n-tv.de

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