Sport
Im dritten Anlauf in dieser Saison gelang Hertha der erste Sieg gegen den BVB.
Im dritten Anlauf in dieser Saison gelang Hertha der erste Sieg gegen den BVB.(Foto: imago/Camera 4)

"Die Lunte war gelegt": BVB zündet nicht, Hertha siegt am Limit

Von Stefan Giannakoulis, Berlin

Nach der Fußball-Gala im Europapokal verliert der BVB sein Bundesligaspiel in Berlin. Warum nur? Trainer Thomas Tuchel kennt den Grund, mäßigt sich aber in seinem Ärger. Die Herthaner hingegen staunen - und siegen.

Die Antwort lautete: nein. Wieder hat der BVB nach einem Spiel in der Champions League in der Bundesliga verloren. Und warum die Fußballer aus Dortmund es nicht geschafft haben, nach der 4:0-Gala gegen Benfica Lissabon und dem Einzug ins Viertelfinale nun an diesem sonnigen Samstagnachmittag auch bei der Berliner Hertha zu reüssieren, beantwortete ihr Trainer Thomas Tuchel in der gebotenen Klarheit: "So ist es halt." Wobei das nicht alles war, was er dazu zu sagen hatte. Und so erklärte er, warum seine Gruppe hochtalentierter Techniker gegen eine Mannschaft verlor, der zwar weniger Finesse innewohnt, die dafür aber ihre Möglichkeiten voll ausschöpfte. Er wusste ganz genau, warum in dieser Liga das bessere Team durchaus ein Spiel verlieren kann, wenn es den Gegner, der am Optimum agiert, in den entscheidenden Momenten gewähren lässt.

Des einen Freud, des anderen Leid: Bedröppelte Dortmunder schleichen vom Platz.
Des einen Freud, des anderen Leid: Bedröppelte Dortmunder schleichen vom Platz.(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

Seinen Dortmundern habe es, konstatierte Tuchel, wenn's drauf ankam, an Präzision gefehlt, an Effektivität, an Durchsetzungsvermögen und an der Entschlossenheit vor dem Tor. "Das hat uns begleitet und wahrscheinlich um drei Punkte gebracht." Das Ergebnis sei ärgerlich, ja. Die Leistung nicht. In der Tat war es so, dass die Borussia beim 1:2 (0:1) am 24. Spieltag vor 74.667 Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion im Grunde nicht schlecht spielte. Woran sich wiederum die Stärke der Berliner bemaß. Das musste auch Tuchel anerkennen: "Es ist superschwer, bei der Hertha zu gewinnen." Ein Fan des BVB fasste das Dilemma nach der Partie vor dem Stadion so zusammen: "Die Lunte war gelegt - es fehlte nur das Feuer."

Was die Dortmunder auch wussten: Dieses Spiel zu verlieren war insofern doppelt blöd, als dass zur gleichen Zeit RB Leipzig gegen Wolfsburg verlor, mithin die Chance bestanden hätte, bis auf drei Punkte an den Tabellenzweiten heranzurücken. Davon allerdings wollte Tuchel nichts wissen. Zumindest beteuerte er: "Der Fokus liegt immer komplett auf uns. Ich wusste heute gar nicht, wer gegen wen spielt." Nun gut. Jetzt weiß er es. Die Hertha aber hat nun zehn ihrer zwölf Spiele vor eigenem Publikum gewonnen, bleibt auf Platz fünf, verkürzte den Abstand auf die Hoffenheimer um zwei Zähler und liegt jetzt auch nur noch drei Punkte hinter dem BVB. Da ist also glatt noch die Champions League drin. Seine Mannschaft habe aus dem unglücklichen Remis gegen die Bayern gelernt, als den Münchnern vor drei Wochen in der siebten Minute der Nachspielzeit der Ausgleich gelang, behauptete Trainer Pal Dardai: "Wir haben uns danach gesagt: Alle Spiele dieses Jahr spielen wir auf Sieg."

Tuchel: "Das ist ein großes Problem"

Dieses Mal ging alles gut. Die Berliner machten das prima, verteidigten konzentriert, sehr aggressiv und erfolgreich, ließen den Dortmundern wenig Raum und versuchten sich ab und an auch gefährlich in der Offensive. Es war ein Sieg, den sie redlich verdient hatten. Trainer Pal Dardai war dementsprechend voller Lob für seine Mannschaft, der es im dritten Anlauf in dieser Spielzeit nun endlich gelungen war, den BVB zu besiegen. In der Hinrunde hatte es ein 1:1 gegeben, im Achtelfinale des DFB-Pokals stand es nach 90 und 120 Minuten ebenfalls 1:1, die Berliner verloren erst im Elfmeterschießen. "Die Jungs haben systematisch gut gearbeitet. Deshalb bin ich sehr zufrieden. Wir sind ein unangenehmer Gegner. Das ist nicht immer schön, aber oft erfolgreich." Der Ungar fügte hinzu, er lasse seine Mannschaft halt das spielen, was sie kann.

Und das ist gar nicht mal so wenig. Es war eine stimmungsvolle, rasante und unterhaltsame Partie. Auf dem Rasen spielten zwei bestens organisierte Teams von Beginn an schnell, und in beiden Kurven sangen sie, die Herthaner im Osten und die Fans des BVB im Westen des Stadions. Als Matthias Ginter nach zehn Minuten fahrlässigerweise Vedad Ibisevic den Ball überließ, setzte der sich auf der rechten Seite durch, passte flach in die Mitte, wo Salomon Kalou an der linken Ecke des Fünfmeterraums den Ball in aller gebotenen Ruhe ins Tor schieben konnte (11.). Das war insofern ein gutes Omen, als dass die Berliner in dieser Saison nach einer Führung noch nie ein Spiel verloren, nun zwölfmal gesiegt und dreimal remisiert haben. Danach entwickelte der BVB zwar mehr Druck, aber es war so, wie Tuchel es sagte: "Wir hatten in der ersten Halbzeit null Schüsse aufs Tor, also alles vorbeigeschossen, jede Chance im Grunde selber noch verhindert. Das ist ein großes Problem."

Kleiner Aufreger mit Mitchell Weiser

Aber nachdem Pierre-Emerick Aubameyang zehn Minuten nach der Pause dann doch einmal den Ball ins Tor hineingeschossen und mit seinem 22. Saisontreffer ausgeglichen hatte, war die Partie davor, zu kippen. Auch Dardai schwärmte, wie spielfreudig, kombinationssicher und elegant die Dortmunder auftraten. "Das kannst du nicht verteidigen, wenn der Gegner so schnell und schön spielt. So ein Tor würde ich auch gerne mal schießen." Doch just als der BVB die Kontrolle komplett übernommen hatte, just, als Dardai seinen Angreifer Ibisevic gegen den defensiveren Weiser ausgetauscht hatte, schlug die Hertha wieder zu: Verteidiger Marvin Plattenhardt wuchtete den Ball per Freistoß aus 17 Metern ins Tor. Sieben Treffer sind ihm in seinen 132 Erstligaspielen gelungen, alle erzielte er, indem er einen Freistoß direktemang hineinschoss. Roman Bürki, Dortmunds Torwart, dürfte zwar registriert haben, dass der Ball in seine Ecke flog, aber das ging wohl ein wenig zu schnell für ihn.

Was Dardai gefallen haben dürfte: Vor dem Freistoß hatte Ginter eben jenen Weiser gefoult, der nach drei Monaten Verletzungspause sein Comeback feierte und noch einmal Schwung in das Spiel seiner Mannschaft brachte. "Er ist unser einziger Umschaltspieler. Man hat gesehen, wie er uns helfen kann." Es passte viel für die Hertha an diesem Tag - auch wenn Weiser kurz vor Schluss für ein wenig Aufregung sorgte. Nach einem Foul wollte er ein wenig Zeit schinden und den Ball wegschießen - was Ousmane Dembelé zu verhindern suchte und dabei Weiser mit den Stollen seines Schuhs traf. Der wälzte sich über den Rasen, als hätte der Dortmunder ihm den Fuß abgehackt - klarer Fall für die beliebte Rubrik: "Darüber lacht das Netz". Schiedsrichter Robert Hartmann zeigte beiden die Gelbe Karte.

Tuchel und seinen Dortmundern blieb nur der Trost, dass Hoffenheim in Freiburg nur ein Unentschieden erreichte und damit in der Tabelle nicht vorbeizog - aber das ist ihnen ja egal. Der Trainer jedenfalls fand ein gnädiges Schlusswort: Das seine Spieler ständig den Ball neben das Tor geschossen hätten, sei "ein wesentlicher Grund für das Ergebnis - aber daraus ist kein Vorwurf abzuleiten." Richtig gezündet hat der BVB in Berlin nicht.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen