Sport
Mehr los auf den Rängen als auf dem Rasen: Der FC Bayern quälte sich in Darmstadt.
Mehr los auf den Rängen als auf dem Rasen: Der FC Bayern quälte sich in Darmstadt.(Foto: imago/Jan Huebner)

Sechs Lehren des 15. Spieltags: Bayern quälen sich, RB kompromisslos gierig

Von Stefan Giannakoulis

Nach dem Arbeitssieg ist vor dem Topspiel: Beim FC Bayern rüsten sie sich für die Partie gegen Leipzig und registrieren, dass die Rasenballsportler weiter auf einer Euphoriewelle reiten. Der BVB spezialisiert sich derweil auf Spektakel.

1. Der FC Bayern bekundet ernsthaft Respekt

Mats Hummels weiß genau, dass die Euphoriewelle am Mittwoch nach München rollt, und so sagte er flugs nach dem Abpfiff in die Mikrofone des Bezahlfernsehens: "Unser Respekt ist riesig, alles andere wäre vermessen." Mit 1:0 hat sich der FC Bayern am Sonntagnachmittag beim SV Darmstadt 96 zu einem Sieg gequält und damit an diesem 15. Spieltag erfolgreich die Tabellenführung in der Fußball-Bundesliga verteidigt. Bis auf den Treffer des Brasilianers Douglas Costa aber, dessen Schuss aus 25 Metern in den Winkel des gegnerischen Tores außerordentlich gelungen war, geschah am Böllenfalltor wenig Berichtenswertes.

Bilderserie

Und deshalb orientierte sich Hummels lieber auf das, was kommen wird und sprach: "Es wird eine verdammt harte Aufgabe und ein verdammt hartes Spiel." Am Mittwoch, um 20 Uhr (im Liveticker bei n-tv.de) treffen sich im mit seinen 75.000 Plätzen ausverkauften Stadion zu Fröttmaning die derzeit besten deutschen Fußballmannschaften, will heißen: Der FC Bayern empfängt RB Leipzig, den punktgleichen Verfolger. Wobei der Münchner Torhüter Manuel Neuer entschieden dafür plädierte, dass es dann schon der echte FC Bayern sein sollte, der sich dem ebenso neureichen wie gierigen Emporkömmling stellt. In Darmstadt sei das anders gewesen: "Wie wir hier aufgetreten sind - das war nicht der FC Bayern."

Nun gehört es zur liebsten Beschäftigung des geneigten Zuschauers, sich vor einem Spiel zu überlegen, wie es wohl ausgehen möge. Wenn also die Münchner arg viel Mühe haben, eine Blamage beim Tabellenletzten in Darmstadt zu vermeiden, während die Leipziger die Hertha abfertigen, als handele es sich um Laufkundschaft und nicht um den Tabellendritten - dann sind sie doch klar im Vorteil, oder? Allerdings ist es ja der FC Bayern, der es gewohnt ist, zweimal in der Woche zu spielen und sich die Kräfte aufzuteilen; die besseren Spieler hat er ohnehin. Und hat nicht RB jüngst beim damaligen Tabellenletzten in Ingolstadt verloren? Spräche dann ja eher für die Bayern. Aber was soll's, sparen wir uns diese wenig aussagekräftigen Quervergleiche, fokussieren uns auf die Besorgung der Weihnachtsgeschenke, bevor dann drei Tage vor Heiligabend beide Mannschaften direkt und sehr vergleichbar gegeneinander spielen.

2. RB Leipzig lässt partout nicht locker

Falls sich überhaupt irgendjemand gefragt haben sollte, ob die Rasenballsportler aus Leipzig sehr daran zu knabbern hatten, dass sie am 14. Spieltag in Ingolstadt ihre erste Niederlage in dieser Saison hinnehmen mussten, der weiß jetzt, nachdem sie am 15. Spieltag die Hertha mit 2:0 besiegt haben: Nö. Und wenn, haben sie sich partout nichts anmerken lassen. "Flink schlägt Pink" titelte der Berliner "Tagesspiegel", wobei es weniger an den ungeliebten rosa Auswärtstrikots lag, dass die Herthaner dem kompromisslosen Spiel der Gastgeber wenig bis nichts entgegenzusetzen hatten. "Heute war nicht mehr drin, Leipzig war immer einen Tick zu schnell", bilanzierte Pal Dardai, der grundsätzlich eine sehr unangenehm zu bespielende Mannschaft trainiert und immerhin als Tabellendritter angetreten war.

Video

Die Leipziger aber machten einfach dort weiter, wo sie vor der Pleite in Ingolstadt aufgehört hatten und feierten ihren elften Sieg in dieser Saison. Trainer Ralph Hasenhüttl gefiel das sehr: "Wir haben keine Minute zweifeln lassen, dass wir vom Glauben nicht ablassen." Und nun freuen sie sich auf einen unterhaltsamen Mittwochabend in München: "Wir haben uns das hart erarbeitet. Und wir haben jetzt ein Spiel, das ganz Deutschland elektrisiert." Der Blick der Leipziger geht nach vorne und bis auf weiteres nach oben, dabei hätte sich auch der nach unten gelohnt: Hoffenheim und die Hertha auf den Plätzen drei und vier sind nun neun Punkte entfernt, Dortmund und Frankfurt gar zehn. Falls sich überhaupt noch irgendjemand gefragt haben sollte, ob die Rasenballsportler ein Kandidat für die Champions League sind, der dürfte ahnen: durchaus. Über die Meisterschaft sprechen wir dann am Donnerstag.

3. Borussia Dortmund - spezialisiert auf Spektakel

Zehn Punkte hinter dem FC Bayern und RB Leipzig, das ist nicht das, was sie sich beim BVB erhofft hatten. Immerhin aber dürfen sie Dortmunder sich zugute schreiben, dass sie gleich zum Auftakt einen guten Teil zur spektakulärsten Partie dieses Spieltags beigetragen haben. Denn Spektakel, das können die Dortmunder mit einer Mannschaft, die in der Abwehr stets für eine Unachtsamkeit gut ist, während der Offensive nicht zu Unrecht nahezu unlimitiertes Potential zugeschrieben wird.

Auf Augenhöhe: Dortmund und Hoffenheim
Auf Augenhöhe: Dortmund und Hoffenheim(Foto: imago/Jan Huebner)

Das Remis bei der TSG Hoffenheim jedenfalls war äußerst unterhaltsam, zumal vier Tore fielen. Vor dem zweiten Treffer für Hoffenheim allerdings hatte Sandro Wagner seinen Gegenspieler Sven Bender geschubst, was die Dortmunder als äußerst gemein empfanden. Und dann hatte Marco Reus noch die Gelb-Rote Karte gesehen, womit die Dortmunder ebenfalls nicht einverstanden waren. In beiden Fällen lagen sie mit ihren Einwänden richtig, was aber nichts half, weil Schiedsrichter Benjamin Brand das anders oder womöglich gar nicht sah.

Abgesehen von diesem Unbill war es ein gar fantastisches Hochgeschwindigkeitsfußballspiel, mit dem beide Mannschaften im Grunde zufrieden sein konnten; die Hoffenheimer und ihr Trainer Julian Nagelsmann, weil sie immer noch ohne eine einzige Niederlage sind; und die Dortmunder, weil ihnen mit einem Akteur weniger ein enormer Kraftakt gelang, ohne die spielerische Klasse vermissen zu lassen. Das Problem ist nur, dass München und Leipzig sich langsam, aber sicher davonschleichen.

4. Der VfL Wolfsburg will wissen, wer Bock hat

In Wolfsburg betonen sie gerade sehr, dass sie unbedingt wollen. Auch der Sieg gegen die aufstrebende Frankfurter Eintracht sei ein Akt des Willens gewesen, da waren sie sich einig. Am Ende haben sie allerdings auch deswegen gegen die Eintracht gewonnen, weil der Frankfurter Fußballgott es versäumte, einen Elfmeter zu verwandeln. Aber gut, der VfL hat mal wieder gewonnen, und das ist für den Klub mutmaßlich das Beste, was ihm derzeit widerfahren kann. Zumal zu vermuten ist, dass das mit dem Wollen am Mittellandkanal in jüngster Zeit nicht so weit her war.

An dieser Stelle passt sehr gut ein Zitat: "Kann-nicht", sagt Stromberg in der gleichnamigen und sehr lustigen Fernsehserie, als er über die mangelnde Motivation seiner Mitarbeiter räsoniert, "kann-nicht wohnt ja nun meistens in der Will-nicht-Straße". Mario Gomez ist aber einer, der will. Zumindest hat er das der "Bild am Sonntag" gesagt. Er ist sogar der Meinung, dass das Wollen das Wichtigste ist. Der Nationalspieler hat beobachtet: "Die letzten Wochen in der Bundesliga haben gezeigt, dass die Mannschaften oben stehen, die Bock haben. Wir müssen im Winter klar sagen, wer Bock hat."

Mario Gomez redet Klartext.
Mario Gomez redet Klartext.(Foto: imago/Hübner)

Das ist ein prima Plan, womit wir bei Julian Draxler sind. Dem ehemaligen Schalker wird ja Bocklosigkeit größeren Ausmaßes nachgesagt, nachdem er im Sommer hatte durchblicken lassen, dass Wolfsburg nun doch nicht die Erfüllung seiner fußballerischen Träume sei. Im Winter sei er dann weg, heißt es, und beim 0:5-Debakel in München war er nicht im Kader. Nun gegen Frankfurt aber stand er in der Startelf und machte seine Sache gut. DFB-Elf-Kollege Gomez ist aber dennoch nicht zufrieden. Beim FC Bayern "oder einer Supermannschaft mit 20 Topspielern kann man Spieler haben, die unzufrieden sind und weg wollen - weil die dann einfach auf der Bank landen", sagte Gomez. In Wolfsburg hingegen sei es so: "Wenn fünf, sechs, sieben, acht, zehn Spieler weg wollen, spielen fünf von Anfang an. Wenn du mit dem Kopf sowieso ganz woanders bist, eh weg willst, dich das Ganze nicht interessiert, dann verlierst du 50:50-Situationen. Dadurch haben wir ganz viele Spiele verloren." Aber nun wollen sie ja wieder.

5. Mönchengladbach fällt nicht mehr viel ein

Apropos Wollen: Es gibt keinerlei seriösen Hinweis darauf, dass die Mönchengladbacher Borussia ihre Auswärtsspiele nicht gewinnen will. Aber sie tun es einfach nicht. Dieses Phänomen ist so neu nicht, birgt aber mehr und mehr Brisanz, je öfter es auftritt. Nach dem 0:1 in Augsburg am Samstag sagte Trainer André Schubert: "Manchmal ist das Leben bitter und der Fußball hart." Wohl wahr. Die "Süddeutsche Zeitung" zitierte Manager Max Eberl: "Es ist beschissen, was wir auswärts spielen. Wir sind genauso angepisst wie die Fans."

18 Mal haben die Mönchengladbacher in diesem Jahr versucht, ein Spiel in der Fremde zu gewinnen - nur einmal ist es ihnen gelungen. Die Misere begann also schon in der vergangenen Saison, nur da fiel das nicht ganz so ins Gewicht, weil die Borussia 13 von 17 Heimspielen gewann. Am Ende reichte das für Platz vier und die Champions League. In dieser Saison aber hat sie nun sechs von sieben Auswärtspartien verloren, erstaunlicherweise reichte es am vierten Spieltag in Leipzig zu einem Remis. Insgesamt weist die Bilanz nach 15 Spieltagen 16 Punkte und damit Platz 13 in der Tabelle auf. Nun soll wenigstens am Dienstag im letzten Spiel des Jahres ein Sieg gegen die wieder wollenden Wolfsburger her. Nicht nur für Schubert ein wichtiges Spiel. Aber der weiß ja, wie der Fußball und das Leben sein können.

6. Wollen die Leverkusener noch?

Jonathan Tah hatte eine gute Idee: "Wir müssen mal Eier zeigen", sagte der Innenverteidiger und Nationalspieler. Allerdings sagte er das nach dem Spiel. Und das hieß am Sonntagabend: nach der 1:2-Niederlage seines TSV Bayer 04 Leverkusen gegen den FC Ingolstadt. Ein bisschen spät also, und so räumte Tah auch ein: "Das war ein brutal schlechtes Spiel." Das hat zur Folge, dass die Leverkusener und ihr Trainer Roger Schmidt zwar im Achtelfinale der Champions League stehen und sich dort im neuen Jahr mit Atlético Madrid messen dürfen, in der Liga als Tabellenneunte den eigenen Ansprüchen aber arg hinterherhinken.

Die Kundschaft im Leverkusener Stadion reagierte dementsprechend ungehalten, sie pfiff und forderte die Spieler auf, sich doch bitteschön etwas mehr anzustrengen. Ein Appell, der letztlich ungehört verhallte. Das wird wohl auch bis auf Weiteres für die Forderung der Fans gelten, den Trainer rauszuschmeißen. Also gehört hatte das Rudi Völler, der Sportchef, schon. Die Pfiffe und die Rufe. "Das muss man akzeptieren, da muss man durch. Er versicherte aber, dass Schmidt nicht zur Disposition stehe. Der Plan dürfte nun sein, am Mittwoch das rheinische Derby beim 1. FC Köln einigermaßen erfolgreich zu gestalten. Wie das klappen könte, dafür hätte der Kollege Tah eine Idee.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen