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Seit seiner Wiederwahl 2011 versucht sich Joseph Blatter als Korruptionsbekämpfer. Diese Bemühungen sind nun hinfällig geworden, denn definitionsgemäß ist er selbst korrupt.
Seit seiner Wiederwahl 2011 versucht sich Joseph Blatter als Korruptionsbekämpfer. Diese Bemühungen sind nun hinfällig geworden, denn definitionsgemäß ist er selbst korrupt.(Foto: REUTERS)

Millionenschmiergelder an Fifa-Spitze: Blatter deckte korrupte Funktionäre

Von Christoph Wolf

Jahrelang versucht der Fußball-Weltverband Fifa, ein brisantes Papier zum größten bekannten Korruptionsfall im Weltsport unter Verschluss zu halten. Nun wird das Papier juristisch freigegeben. Es belegt nicht nur ein gigantisches Schmiergeldsystem in der Fifa, sondern vor allem: Präsident Joseph Blatter selbst ist, definitionsgemäß, korrupt.

Folgt man Fifa-Boss Joseph Blatter, war der 11. Juli 2012 ein guter Tag für seinen Fußball-Weltverband. Nach einem juristischen Marathon wurde letztinstanzlich entschieden: Die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Zug zum ISL/ISMM-Skandal muss veröffentlicht werden. Eines der brisantesten Dokumente zur Korruption im Weltsport ist damit nicht länger Geheimsache - und Präsident Blatter twitterte: "Erfreut über die Entscheidung des Schweizer Bundesgerichts. Sie bestätigt: Ich war nicht auf der Liste."

Fifa-Ehrenpräsident Joao Havelange mit seinem Nachfolger und Zögling Joseph Blatter.
Fifa-Ehrenpräsident Joao Havelange mit seinem Nachfolger und Zögling Joseph Blatter.(Foto: AP)

Es ist nur so: Würde seine Fifa nicht in der Parallelwelt des Sports mit ihren eigenen, sonderbaren Gesetzen existieren, wäre Blatter jetzt nicht mehr ihr Präsident. Denn die Liste, von der Blatter spricht, belegt nicht nur offiziell, was investigative Journalisten wie Jean-Francois Tanda, Andrew Jennings und Jens Weinreich längst aufgedeckt hatten. Nämlich: Fifa-Ehrenpräsident Joao Havelange und sein früherer Schwiegersohn Ricardo Teixeira haben dank ihrer hochrangigen Fifa-Posten jahrelang ihnen "anvertraute Vermögenswerte unrechtmäßig" zur eigenen Bereicherung genutzt und sich zwischen 1989 und 2001 mit mindestens 13,5 Millionen Schweizer Franken an Schmiergeldern vom 2001 kollabierten Sportvermarkter ISL/ISMM bestechen lassen.

Was ist Korruption?

Transparency International definiert Korruption als Missbrauch von anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil. In den 90er Jahren standen verschiedene Formen und Ausprägungen der Korruption im öffentlichen Bereich im Vordergrund der Debatte, z.B. Bestechung und Bestechlichkeit in der öffentlichen Verwaltung, bei der Vorbereitung von Gesetzen und Regulierungen oder beim Einfluss auf politische Entscheidungen. Genauso befasst sich Transparency International inzwischen mit der Korruption, bei welcher der private Sektor die Hauptrolle spielt, z.B. Korruption zwischen Firmen ("privat- zu-privat") und Geldwäsche.

Quelle: www.transparency.de

Das Dokument zeigt vor allem auf: Blatter muss von dieser Schädigung der Fifa gewusst haben – und hat nichts dagegen unternommen, sondern lieber selbst Karriere gemacht. Nach Jahren als Generalsekretär durfte er seinen Mentor Havelange 1998 nach einer skandalumtosten Wahl als Präsident beerben. Folgt man der Definition von Transparency International (siehe Infobox), wäre damit offiziell belegt: Nicht nur der Ex-Präsident der Fifa ist nachweislich korrupt, sondern auch der amtierende.

"Nicht in Frage gestellt werden kann die Feststellung, dass die Fifa Kenntnis von Schmiergeldzahlungen an Personen ihrer Organe hatte", heißt es in der 41-seitigen Einstellungsverfügung, die ein umfassendes Schmiergeldsystem im Weltsport mit Zahlungen über 160 Millionen Franken belegt. Das Dokument lässt sich auf der Homepage der Schweizer "Handelszeitung" als pdf-Datei herunterladen. Die Zeitung weist zudem daraufhin, dass Blatter schon vor seiner Wahl zum Präsidenten als Generalsekretär das Tagesgeschäft der Fifa verantwortete und damit über alle relevanten Vorgänge informiert war.

Auf einer Linie mit Blatter?

Ricardo Teixeira, ehemaliger Havelange-Schwiegersohn, Fußballboss Brasiliens und Fifa-Exekutivmitglied, hat mindestens 12 Millionen Franken an Schmiergeld erhalten.
Ricardo Teixeira, ehemaliger Havelange-Schwiegersohn, Fußballboss Brasiliens und Fifa-Exekutivmitglied, hat mindestens 12 Millionen Franken an Schmiergeld erhalten.(Foto: AP)

Insofern überrascht die Freude der Fifa über den Entscheid. "Das Bundesgerichtsurteil liegt auf der Linie, die die Fifa und der Präsident seit 2011 verfolgen, als der Weltfußballverband seinen Willen zur Veröffentlichung der Einstellungsverfügung bekanntgab." Die damalige Ankündigung hatte unter Experten nur Kopfschütteln hervorgerufen, da die Herausgabe des Dokuments der Fifa als betroffener Partei jederzeit möglich gewesen wäre. Trotz mehrerer Veröffentlichungs-Bekundungen blieb es bei Blatters Blendgranate und das brisante Papier vorerst geheim.

Die nun doch noch veröffentlichte Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Zug ist inzwischen mehr als zwei Jahre alt. Mit dem Papier war am 11. Mai 2010 ein Strafverfahren wegen Untreue gegen die Fifa selbst sowie die Fifa-Funktionäre Havelange und Teixeira abgeschlossen worden (zur Pressemitteilung als pdf). Im Gegenzug für eine Wiedergutmachungszahlung über 5,5 Millionen Schweizer Franken wurde ein sogenannter Korruptionsverdunkelungsvertrag vereinbart. Die Namen der Schmiergeldempfänger und die erhaltenen Summen, so der Deal, sollten geheim bleiben.

Mehrere Medien wie die "Handelszeitung" oder die BBC versuchten daraufhin juristisch, die Herausgabe des Papiers zu erwirken. Die Fifa und die Beklagten legten jedoch immer wieder Einspruch ein, auch noch kurz vor Blatters Wiederwahl im Juni 2011. Sie begründeten das im Wesentlichen damit, dass es sich um einen alten Hut handele und die Veröffentlichung deshalb nicht mehr von aktuellem Interesse sei.

"Gewichtiges und weltweites Interesse"

Das Schweizer Bundesgericht bestätigte in seinem Urteil hingegen ein "gewichtiges (und weltweites) Interesse an den Umständen, die zur Einstellung des Strafverfahrens im Fall Fifa führten". Daraus ergebe sich ein schutzwürdiges Informationsinteresse der Journalisten an der Kenntnis der Einstellungsverfügung, die nun erteilt wurde – und für Präsident Blatter noch unangenehm werden dürfte.

Der 76-jährige Schweizer, unter dessen Führung die Korruption in der Fifa jahrzehntelang gedeihen konnte, hat sich nach seiner umstrittenen und sogar vom Europarat angezweifelten Wiederwahl 2011 dank eines aufgerüsteten PR-Stabs als Reformer präsentieren wollen. Allerdings blieb es primär bei Worten. Ernsthafte Maßnahmen wurden trotz der Verpflichtung des renommierten Korruptionsexperten Mark Pieth bisher nicht eingeleitet. Sie sind auch bei der Neustrukturierung der Ethikkommission nicht zu erwarten, die demnächst vorangetrieben werden soll – unter Blatters Vorsitz.

Viele ungeprüfte Vorwürfe

Teixeira etwa, lange als nächster Fifa-Präsident gehandelt, durfte trotz der gerichtsfest belegten ISL-Zahlungen bis März 2012 Mitglied der Fifa-Exekutive bleiben, ehe ihm weitere strafrechtliche Verfehlungen zum Verhängnis wurden. Und Havelange? Während das Internationale Olympische Komitee (IOC) sein letztes Mitglied auf Lebenszeit wegen der ISL-Zahlungen im Dezember 2011 stillschweigend zum freiwilligen Rückzug zwang, blieb der Fifa-Ehrenpräsident vom Fußball-Weltverband bislang unbehelligt.

Das gilt auch für weitere aktuelle Mitglieder der Fifa-Exekutive, die Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge als "Korruptionsstadel" bezeichnet hatte. Schwere und konkrete Vorwürfe gibt es noch gegen Julio Grondona (Argentinien), Nicolas Leoz (Paraguay), Issa Hayatou (Kamerun), Worawi Makudi (Thailand) und Chuck Blazer (USA).

Und es gibt sie, das belegt die Einstellungsverfügung, ab sofort offiziell auch gegen Joseph Blatter.

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Quelle: n-tv.de

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