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Öffentliche Fifa-Farce in Zürich: Blatter erleidet Realitätsverlust

von Christoph Wolf

Fifa-Präsident Joseph Blatter denkt nicht daran, sein Amt freiwillig aufzugeben. Auf einer Pressekonferenz verneint der 75-Jährige vielmehr eine Krise der korrupten Fifa und bekräftigt, dass er sich am Mittwoch wiederwählen lassen will. Als die kritischen Nachfragen nicht abreißen, geht er einfach. Diagnose: kompletter Realitätsverlust.

"My Game is Fair Play": Fifa-Präsident Joseph Blatter stellt sich in Zürich der Presse, sagt aber nichts.
"My Game is Fair Play": Fifa-Präsident Joseph Blatter stellt sich in Zürich der Presse, sagt aber nichts.(Foto: dpa)

Fifa-Präsident Joseph Blatter sah aus, als würde er einer Beerdigung beiwohnen. Dabei stand nur die von ihm angesetzte Pressekonferenz an, zu der er ins Fifa-Hauptquartier in Zürich geladen hatte. Erwartet worden war, dass der 75-jährige Schweizer zu den massiven Korruptionsvorwürfen Stellung nehmen würde, die im Zuge der beispiellosen Schlammschlacht um die Fifa-Präsidentschaft zwischen Blatter und seinem Ex-Herausforderer Mohamed Bin Hammam inzwischen öffentlich diskutiert werden.

Und wer Blatter sah, wie er mit mehr als halbstündiger Verspätung aschfahl vor die wartende Presse trat, der dachte vielleicht sogar daran, dass Blatter das Unmögliche tun würde: Rückgrat beweisen und ebenfalls auf seine Kandidatur verzichten.

Dieser Schritt scheint – zumindest außerhalb des Fußball-Weltverbandes Fifa - inzwischen die einzig logische Konsequenz aus dem Korruptionsstrudel zu sein, in dem die Fifa seit den Bestechungsvorwürfen rund um die skandalösen WM-Vergaben an Russland und Katar jegliche Glaubwürdigkeit verloren hat. Nicht nur in den Augen weniger Kritiker, wie Blatter gern behauptet, sondern in den Augen der breiten Öffentlichkeit.

Journalisten platzt der Kragen

Doch was der aschfahle Blatter dann mit stockender Stimme in Zürich verkündete, trieb den versammelten Journalisten letztlich die Zornesröte ins Gesicht. Denn Blatter war gekommen, um zu plaudern. Etwas Substanzielles mitzuteilen hatte er nicht.

Was er sagte, offenbarte vielmehr den totalen Realitätsverlust des Fifa-Präsidenten. So behauptete Blatter mit Blick auf seinen Verband unter anderem: "Wir sind nicht in einer Krise, wir haben nur einige Schwierigkeiten. Und diese Schwierigkeiten werden innerhalb der Familie gelöst." Das heißt: Die Fifa will sich am eigenen Schopf aus dem Korruptionssumpf ziehen, in dem sie – laut Eigenwahrnehmung – ja eigentlich gar nicht steckt.

Für sich selbst nahm Blatter dabei in Anspruch, in seinen Jahren als Präsident stets um die Reputation der Fifa gekämpft zu haben. Eine durchaus bizarre Interpretation seines eigenen, mittlerweilen 13-jährigen Wirkens als Fifa-Präsident, das mit einem Korruptionsskandal begann, zahlreiche Affären folgen ließ und nun zum größten Skandal in der 107-jährigen Geschichte der Fifa geführt hat.

Kritische Fragen zu den immer neuen Details und Vorwürfen mochte Blatter in Zürich nicht beantworten. Alle Vorwürfe und Anschuldigungen gegen sich und die Fifa wies er zurück. Einige Kostproben:

  • Sollte die zur Farce verkommene Präsidentenwahl am Mittwoch verschoben werden? "Das muss der Kongress mit einer Dreiviertelmehrheit entscheiden." Er freue sich jedenfalls auf vier weitere Jahre als Präsident.
  • Gab es Korruption bei der Vergabe der WM 2022 an Katar, was aus England verlautet war? Das Exekutivkomitee, mit dem Blatter zuvor beraten und das ihm ganz offensichtlich die Treue gehalten hatte, habe keine Probleme gesehen: "Es gibt keinen Grund, dass die Wahl zur WM 2022 wiederholt werden muss."
  • Wie denn die E-Mail seines Generalsekretärs Jerome Valcke an den mittlerweile suspendierten Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner zu bewerten sei, in der Valcke selbst behauptet, Katar habe die WM 2022 gekauft? "Diese Frage beantworte ich nicht."
  • Was er davon halte, dass Warner gegenüber Journalisten gefordert habe, Blatter müsse gestoppt werden? Kein Kommentar.
Abgang im Stechschritt: Als die kritischen Fragen nicht enden wollten, ging Blatter einfach.
Abgang im Stechschritt: Als die kritischen Fragen nicht enden wollten, ging Blatter einfach.(Foto: dpa)

So ging das bei allen Fragen an den Fifa-Präsidenten. Als die Journalisten unverdrossen weiterbohrten und sich der Unmut über die nichtssagenden Antworten zu einem handfesten Tumult auszuwachsen drohte, verließ Blatter die Pressekonferenz kurzerhand.

Er ging im Stechschritt, aber er will wiederkommen, weshalb diese Pressekonferenz in Zürich vielleicht doch eine Beerdigung war. Auf dem Grabstein müsste stehen: "In Gedenken an die Integrität des Weltfußballs".

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Quelle: n-tv.de

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