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Zweitformationen & Ballbesitzphobie: Bundesliga kontert den Pressingwahn aus

Von Constantin Eckner

Sportlich bietet die Bundesliga zurzeit Zweiklassen-Fußball: Hier Abo-Meister FC Bayern, dort der Rest. Taktisch zeigt die Liga jedoch aufregende Trends: wirksame Pressingresistenz, extrem flexible Formationen und effektiven Konterfußball.

1. Pressing funktioniert nicht immer

Der Gegner wechselt die Seiten. Leverkusen verschiebt komplett auf den Flügel, lässt sich aber von einem weiteren langen Ball, dieses Mal nach vorn, überrumpeln. Die Räume um die tiefer stehenden Innenverteidiger sind geöffnet.
Der Gegner wechselt die Seiten. Leverkusen verschiebt komplett auf den Flügel, lässt sich aber von einem weiteren langen Ball, dieses Mal nach vorn, überrumpeln. Die Räume um die tiefer stehenden Innenverteidiger sind geöffnet.

Der Saisonstart hätte für Bayer Leverkusen nicht besser laufen können. Man besiegte Borussia Dortmund am ersten Spieltag und thronte anschließend drei Wochen an der Tabellenspitze. Das aggressive, ballorientierte Pressingsystem von Roger Schmidt ist bereits aus seiner Zeit bei Red Bull Salzburg bekannt. Doch während die Gegner in der österreichischen Liga sowie zum Teil auch in der Europa League komplett überfordert waren und den Salzburgern Ruhepausen ermöglichten, läuft der schmale Leverkusener Kader seit August im roten Bereich. Bayer ließ nach München die zweitwenigsten gegnerischen Torschüsse (143) zu, kassierte aber auch in fünf Partien zwei oder mehr Gegentreffer. Schmidts Mannschaft presst vorn sehr aggressiv und verschiebt viele Spieler in Richtung des Ballführenden. Die zwangsläufige Folge: Die Räume um die eigenen Verteidiger werden entblößt, Bayer nicht selten ausgekontert. In der Bundesliga ist man zunehmend resistent gegen eine Mannschaft, die immer wieder in gleicher Form attackiert und Druck ausüben möchte. Selbst lange, gebolzte Bälle ins verwaiste Restfeld werden für Leverkusen zur Gefahr.

2. Phänomen Dortmund

Fast jeder fünfte Schuss aufs BVB-Tor ist drin, zeigen die Zahlen von wahretabelle.de.
Fast jeder fünfte Schuss aufs BVB-Tor ist drin, zeigen die Zahlen von wahretabelle.de.

Pressing war auch der Markenkern des BVB in den letzten Jahren, eine "Pressing-Maschine" kündigte Coach Jürgen Klopp auch vor der Saison an. In der Hinrunde agierte seine Mannschaft aber nicht mehr gewohnt intensiv und variabel. Ein aufsehenerregender Absturz war die Folge und ein Erstarren in der taktischen Formation. Nachdem die Dortmunder in den ersten Saisonspielen mit einer Mittelfeldraute hinter zwei Stürmern oder einer 4-1-4-1-Formation experimentiert hatten, kehrten sie aufgrund von Verletzungen und frühen Misserfolgen letztlich zu ihrem mittlerweile abgestumpften 4-2-3-1-Standardsystem zurück. Flexible Pressingfallen, die den BVB vor einiger Zeit noch auszeichneten, gibt es fast nicht mehr. Im Moment prägt Gleichförmigkeit das Bild. Die Schwarzgelben versuchen weiterhin in der gegnerischen Hälfte die Kugel zu gewinnen, werden aber immer häufiger von langen Bällen überrascht und quasi ausgekontert. Hinzu kommen Slapstick-Fehler in der BVB-Abwehr, die zu Toren einladen. Die Gegner sind sich deshalb nicht zu schade, auf einen geordneten Spielaufbau zu verzichten und genau wie gegen Leverkusen, häufig das Spielgerät wegzubolzen. Fast jeder fünfte Torschuss des Gegners landet im Gehäuse von Roman Weidenfeller und Mitch Langerak. Bei Rückständen werden dann die Schwächen der Borussen im Ballbesitzspiel noch stärker offenbart. In der Hinrunde hatte nur der FC Bayern (70,5 Prozent) einen höheren Ballbesitzwert als der BVB (57 Prozent). Anders als Josep Guardiolas Münchner wussten Klopps Dortmunder damit aber nicht viel anzufangen.

3. Bundesliga ist eine Konterliga

Umschaltkönige: Dank schneller Flügelspieler wie André Hahn und Patrick Herrmann (l.) zählt Borussia Mönchengladbach zu den besten Konterteams der Liga.
Umschaltkönige: Dank schneller Flügelspieler wie André Hahn und Patrick Herrmann (l.) zählt Borussia Mönchengladbach zu den besten Konterteams der Liga.(Foto: dpa)

Ein Indiz für die Dortmunder Ideenlosigkeit: Von den wenigen eigenen Toren (nur 18 in 17 Partien, drittschlechtester Ligawert) erzielte der BVB noch rund 45 Prozent über Konter oder unmittelbar nach Balleroberungen im Mittelfeld. Diese Quote ist für die früheren Dortmunder Umschaltkönige in der Bundesliga ein ordentlicher, aber kein herausragender Wert. Andere Mannschaften, die von vornherein als Außenseiter in die Begegnungen gehen, bringen ihre Konterfähigkeiten in der Bundesliga noch stärker zur Geltung. Bestes Beispiel ist André Breitenreiters SC Paderborn. Die Ostwestfalen führten ihre Strategie aus der 2. Bundesliga fort und überraschten viele Gegner mit schnörkellosen Schnellangriffen. 54 Prozent der Paderborner Tore fielen nach Kontern oder Ballgewinnen. Doch selbst Top-Teams wie Borussia Mönchengladbach überließen gerne dem Gegner den Ball und kontern mit Vorliebe. Nicht ohne Grund verpflichtete Sportdirektor Max Eberl mit André Hahn, Ibrahima Traoré und Fabian Johnson zusätzliche Flügelsprinter im letzten Sommer. Der Anteil von Kontertoren/Toren nach Ballgewinnen liegt in Gladbach sogar bei 63 Prozent. Neben Bayern München gibt es in der Bundesliga praktisch keine weitere Mannschaft, die ambitionierten Ballbesitzfußball spielt. Der VfL Wolfsburg und der FC Augsburg sind ansatzweise Ausnahmen.

4. Weniger Gleichmäßigkeit, mehr Flexibilität

Im Gegensatz zum 4-2-3-1 sind die Flügelräume bei einer Mittelfeldraute, ähnlich wie bei einer Dreierkette, schwächer besetzt. Dafür werden sie dynamischer und flexibler angelaufen. Das wichtigere Spielfeldzentrum wird kompakter bespielt.
Im Gegensatz zum 4-2-3-1 sind die Flügelräume bei einer Mittelfeldraute, ähnlich wie bei einer Dreierkette, schwächer besetzt. Dafür werden sie dynamischer und flexibler angelaufen. Das wichtigere Spielfeldzentrum wird kompakter bespielt.

Derweil setzt sich ein Trend fort, der bereits bei der Fußball-Weltmeisterschaft zu beobachten war: Die meisten Teams sind nicht mehr auf eine bestimmte Grundformation beschränkt. Der 4-2-3-1-Standard wird zunehmend abgelöst. Besonders Dreierabwehrreihen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Die Gründe für eine solche Abwehrformation sind aber höchst unterschiedlich. Einige Trainer benutzen tiefe Flügelläufer, um eine Fünferkette als defensives Werkzeug zu verwenden. Im Gegensatz dazu besteht der offensivere Ansatz darin, dass man zwei Außenstürmer aufstellt und die komplette Breite des Feldes mit drei Abwehrspielern abdeckt.

Einige Mannschaften entfernen sich von der Idee, die abzuschirmenden Räume auf dem Feld gleichmäßig aufzuteilen. Das war mit dem 4-2-3-1-System am besten möglich. Mit ungleicher Spielerverteilung durch Dreierketten und Mittelfeldrauten entstehen absichtlich Lücken, in die man im Verlauf einer Partie hineinstoßen kann. Das Spiel wird dadurch dynamischer.

Was für die taktischen Grundformationen gilt, hat sich mittlerweile auch im Pressing bewährt. Noch vor einiger Zeit verteidigten viele Teams im 4-4-2 gegen den Ball und liefen vorn mit einem Mittelstürmer und dem aufgerückten Zehner an. Doch aktuell sprinten immer häufiger die beiden Flügelstürmer nach innen und im Bogen auf die Gegner zu. Oder man steht defensiv im 4-3-3 mit einer vorderen Dreierreihe, die mann- statt raumorientiert verteidigt. In jedem Fall wollen gerade die jungen, gut ausgebildeten Bundesliga-Trainer, die Weinzierls und Gisdols, das Spiel weiterentwickeln und nicht nur verwalten.

Quelle: n-tv.de

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