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"Ich möchte ein Botschafter auf dem Spielfeld sein": Chong Tese.
"Ich möchte ein Botschafter auf dem Spielfeld sein": Chong Tese.(Foto: picture alliance / dpa)

Nordkoreas Volksheld will in den Süden: Chong Tese kickt im Feindesland

Von Stefan Giannakoulis

Er ist der erste Nordkoreaner im deutschen Profifußball, nun hat Chong Tese wieder etwas Besonderes vor: Der Stürmer will den Zweitligisten 1. FC Köln verlassen und bei den Suwon Bluewings anheuern. In Südkorea, dem verfeindeten Bruderstaat. Klingt kompliziert. Und das ist es auch.

Schon die Begrüßung war alles andere als herzlich. "Ich kenne den Spieler nicht wirklich", hatte Stale Solbakken gesagt, als er im Januar vergangenen Jahres gefragt wurde, was er von Chong Tese halte, dem neuen Stürmer des 1. FC Köln. "Er besitzt internationale Routine, einen starken Körper und Kopfballstärke - wurde mir erzählt." Eine durchaus pikante Aussage, schließlich war Solbakken beim Fußball-Bundesligisten angestellt - als Trainer. Aber Sportdirektor Volker Finke hatte den Spieler im Alleingang vom VfL Bochum an den Rhein geholt.

Solbakken ist längst weg, Finke auch, und die Kölner kicken mittlerweile in der zweiten Liga. Nur Chong Tese ist noch da. Und hat immer noch kein Tor für seinen Klub erzielt. Nun will er weg, und ein Interessent hat sich auch schon gefunden: Der südkoreanische Erstligist Suwon Samsung Bluewings ist bereit, 300.000 Euro für ihn zu bezahlen. Und das ist spannend. Denn der Mann, der als erster Nordkoreaner im deutschen Fußball Geschichte geschrieben hat, hat sich wieder einmal viel vorgenommen. "Ich möchte ein Botschafter auf dem Spielfeld sein, es wäre mir eine Ehre, ein Vermittler zwischen dem Süden und dem Norden zu werden." Und schon sind wir bei der Politik. Auch wenn er einst dem Magazin "11 Freunde" gesagt hatte, das seien "zwei unterschiedliche Dinge".

Die Lage ist, kurz gesagt, etwas kompliziert. Deshalb ist der Wechsel noch nicht perfekt, auch wenn Chong Tese zu Beginn dieser Woche am Flughafen im südkoranischen Inchon gelandet ist. Und die Liga flugs benannt gab, Chong Tese sei der vierte Profi aus dem verfeindeten Bruderstaat, der im Süden des Landes spiele. In der K-League zu spielen, versicherte er pflichtbewusst, bedeute ihm "genauso viel, wie für Nordkorea aufzulaufen". Der Volksheld aus dem Diktatorenstaat will trotz des Wechsels weiter in der nordkoreanischen Nationalmannschaft spielen.

Unvergessen bleibt, wie er bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika bei der Hymne vor dem Gruppenspiel gegen Brasilien in Tränen ausbrach. Doch Spieler hier und Nationalelf dort, geht das? Dem Kölner "Express" schilderte er das Problem so: "Ich brauche eigentlich einen südkoreanischen Pass, doch dann dürfte ich nicht mehr für Nordkorea spielen. Deswegen versuchen wir jetzt eine einmalige Einreisegenehmigung zu bekommen. Damit dürfte ich dann aber während meiner Zeit in Südkorea nicht mehr ausreisen."

Publikumsliebling beim VfL Bochum

Einst besaß Chong Tese, oder Jong Tae-Se, wie er sich 2010 noch nennen ließ, sogar einen südkoreanischen Pass. Er wuchs als Sohn einer südkoreanischen Mutter und eines nordkoreanischen Vaters im japanischen Nagoya auf - daher die japanische Version seines Namens. Mit Unterstützung der pro-nordkoreanischen Chongryon-Schule, die er besuchte, vollzog er 2006 den im Süden eigentlich verbotenen Nationalitätenwechsel. 2007 spielte er erstmals für Nordkorea, bei der Ostasienmeisterschaft 2008 erzielte er jeweils die Tore beim 1:1 gegen Südkorea und Japan. In beiden Ländern hätte er ebenfalls Nationalspieler werden können. Doch er entschied sich für den international geächteten Norden Koreas.

Sein Ziel hatte er so formuliert: "Ich weiß, dass Nordkoreas Image sehr schlecht ist. Vielleicht kann ich es durch meinen Sport verbessern." In Japan bei Kawasaki Frontale gelang ihm das glänzend, sie nannten ihn "Wayne Rooney von Asien". Beim VfL Bochum zeigte er einige gute Ansätze, stieg zum Liebling des Publikums auf, traf in 24 Partien immerhin zehn Mal. Die Sache mit dem 1. FC Köln war ein Missverständnis. Doch wenn er schon keine Tore schießt: Als Botschafter ist Chong Tese der richtige Mann. Er spricht Japanisch, Koreanisch, Portugiesisch, Englisch und auch ein wenig Deutsch. Und das nordkoreanische Staatsfernsehen soll sogar Live-Übertragungen von Bundesliga-Spielen erwogen haben. Chong Tese ist stets mehr als ein Fußballer gewesen, er wurde beäugt, als käme er von einem anderen Stern.

Das wird in Südkorea sicher nicht anders sein. "Ich will den Titel holen, weil ich noch nie einen gewonnen habe", sagte Chong Tese. Abseits des Platzes wird viel mehr von ihm erwartet. Schließlich hält er es mit Konfuzius: "Der größte Ruhm im Leben liegt nicht darin, nie zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen." Und das mit der Begrüßung hat auch besser geklappt als einst in Köln. Wie die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" zu berichten wusste, wurde Chong Tese, gekleidet im dunklen Anzug, wie ein hochrangiger Politiker "im Blitzlichtgewitter am südkoreanischen Flughafen empfangen".

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Quelle: n-tv.de

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