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Mario Gomez (l.) weiß nicht weiter.
Mario Gomez (l.) weiß nicht weiter.(Foto: imago/Matthias Koch)

Berlin-Fluch trifft Kontrollverlust: DFB-Elf führt, England brilliert und triumphiert

Von Christoph Wolf, Berlin

Nicht schön, aber effizient agiert das DFB-Team von Joachim Löw beim Start ins EM-Jahr gegen England - bis die Gäste eine furiose Schlussoffensive starten und der Berlin-Fluch zuschlägt. Erst verliert Deutschland die Kontrolle, dann das Spiel.

Acht Spiele in Berlin gegen England, null Siege für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Mit dieser ausbaufähigen Bilanz waren Joachim Löws Weltmeister in die 34. Auflage des Fußball-Klassikers gegangen. Das Erfreuliche an dieser unerfreulichen Serie war: Sie eröffnete dem DFB-Team die große Chance, den Berlin-Fluch vor der weltmeisterlicher Kulisse von 71.413 Zuschauern zu beenden und damit zum Start ins EM-Jahr 2016 etwas von der WM-Euphorie zurückzubringen, die irgendwo zwischen Rio de Janeiro und Warschau verschütt gegangen war.

Deutschland - England 2:3 (1:0)

Tore: 1:0 Kroos (43.), 2:0 Gomez (57.), 2:1 Kane (61.), 2:2 Vardy (74.)
2:3 Dier (90+1.)
Deutschland: Neuer - Can, Rüdiger, Hummels (ab 46. Tah), Hector - Kroos, Khedira - Müller (ab 75. Podolski), Özil, Reus (ab 64. Schürrle) - Gomez (ab 80. Götze). - Trainer: Löw
England: Butland (ab 45. Forster) - Clyne, Smalling, Cahill, Rose - Henderson, Dier - Alli, Lallana (ab 71. Barkley), Welbeck (ab. 71 Vardy) - Kane. - Trainer: Hodgson
Schiedsrichter: Rocchi (Italien) - Zuschauer: 71.413

Das Fazit nach der unnötigen 2:3 (1:0)-Niederlage an diesem Ostersamstag lautet indes: Der Fluch geht weiter, die WM-Euphorie bleibt verschollen und die Jamie-Vardy-Warnungen von Bundestrainer Joachim Löw waren absolut berechtigt. Nach der scheinbar beruhigenden 2:0-Führung für Deutschland durch einen haltbaren 22-Meter-Schuss von Toni Kroos (42.) und einen unhaltbaren Kopfball von Mario Gomez (57.) drehte England die Partie in Berlin noch durchaus virtuos. Erst traf Harry Kane (61.) mit einem feinen Drehschuss. Dann ließ Leicesters Shootingstar Jamie Vardy (74.) DFB-Titan Manuel Neuer mit einem genialen Hackentor keine Chance, ehe Eric Dier das englische Comeback in der ersten Minute der Nachspielzeit gar noch mit dem Siegtor krönte.

"Fuck Isis"

Auch wenn Löw vor dem "Testspiel mit Wettkampfcharakter" betont hatte, wichtiger als das Ergebnis seien ihm Erkenntnisse für sein EM-Casting, dürfte ihm die Lehren aus dem ersten Länderspiel 2016 nicht gefallen. Als zentrale Erkenntnis aus dem bedenklichen Kontrollverlust nach 2:0-Führung dürfte er mitnehmen, dass er beim Feinschliff bis zum EM-Start am 12. Juni wohl doch noch mal den Hobel bemühen muss, und das möglichst schon vor dem Duell mit Italien. Das steht am Dienstag in München an und dürfte aus deutscher Sicht auch unter dem Motto Wiedergutmachung bestritten werden.

Erwies sich als so gefährlich wie von Löw vorhergesagt: Torschütze Jamie Vardy
Erwies sich als so gefährlich wie von Löw vorhergesagt: Torschütze Jamie Vardy(Foto: picture alliance / dpa)

Ein dezentes Pfeifkonzert hatte es in Berlin schon vor dem Anpfiff gegeben, als der Stadionsprecher die erneute Wahl von Mesut Özil zum Nationalspieler des Jahres verkündete. Die zwanzigsekündige Schweigeminute in Gedenken an die Opfer der Terroranschläge in Brüssel wurde von weniger dezenten "Fuck Isis"-, "Merkel muss weg"- und "Shut up"-Rufen unterbrochen.

Dezent war auch, was beide Teams in punkto Spieltempo und Kombinationsfreude auf den Berliner Rasen brachten. Eine frühe Chance durch Sami Khedira (3.) blieb das Highlight der Anfangsviertelstunde, in der Deutschland viel Ballbesitz, aber wenig Ideen hatte. Der je nach Sichtweise behäbige oder kontrollierte deutsche Spielaufbau ließ den DFB-Kickern samt Anhang immerhin Zeit, die stadionfüllenden Sangeskünste des englischen Anhangs am Marathontor zu genießen.

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Lediglich bei Standards in Tornähe ließen sich die deutschen Fans zu einer gewissen Begeisterung verleiten, die allerdings aufgrund der bescheidenen Qualität der deutschen Ecken und Freistößen mit ihrer Ausführung schlagartig wieder abebbte. Ausnahme war ein Freistoß von Marco Reus in der 49. Minute, der keinen Mitspieler fand - und deshalb Englands Ersatzkeeper Fraser Forster in Bedrängnis brachte.

Dezente Experimente

Der war kurz vor der Halbzeitpause für Jack Butland ins Spiel gekommen, nachdem der nicht nur den haltbaren Schuss von Toni Kroos aus 22 Metern passieren ließ, sondern sich dabei auch noch verletzt hatte. Witze über englische Torhüter funktionierten also auch an diesem Abend. Ansonsten gab es aus deutscher Sicht wenig zu lachen.

Denn auch wenn das deutsche Spiel in Berlin über weite Strecken danach aussah: Löw hatte keineswegs eine jener berüchtigten Mannschaften aufgeboten, die in dieser Form nie wieder zusammenspielen werden. Bis auf Abwehrchef Jerome Boateng und die Mittelfeld-Dauerpatienten Bastian Schweinsteiger und Ilkay Gündogan agierte Deutschland in Bestbesetzung. Einzig in der Abwehr wagte Löw dezente Experimente. In der Innenverteidigung durfte sich Antonio Rüdiger neben Mats Hummels versuchen, der in der zweiten Halbzeit für den Leverkusener Debütanten Jonathan Tah Platz machte, den 78. Debütanten der Ära Löw. Als Rechtsverteidiger spielte der Liverpooler Emre Can vor, ohne groß aufzufallen. Das allerdings galt für fast alle seine DFB-Kollegen.

Englands Nationalcoach Roy Hodgson hatte sich das Zahlenschmankerl erlaubt, die Spieler mit den Nummern 1 bis 11 für seine Startelf zu nominieren. Die brachten es aber zusammen auf gerade 161 Einsätze – vier weniger als die deutsche Offensivreihe mit Thomas Müller (68), Marco Reus (27) und Mesut Özil (70). Die agierte zudem hinter einem gewissen Mario Gomez, der trotz zwischenzeitlichen Verschwindens im Nationalmannschaft-Nirwana in Berlin sein 61. Länderspiel bestritt.

Nach einem fälschlicherweise aberkannten Tor in der ersten Halbzeit und seinem anerkannten Kopfballtor zum 2:0 sah der Stürmer von Besiktas Istanbul lange wie der große Sieger im DFB-Team aus. Am Ende jubelte in Berlin doch wieder England. Verfluchter Fußball.

Quelle: n-tv.de

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