Sport
Ein Moment zum Niederknien: Das Bernabeu verneigt sich vor Xabi Alonso.
Ein Moment zum Niederknien: Das Bernabeu verneigt sich vor Xabi Alonso.(Foto: imago/VI Images)

Eine Legende sagt Servus: Das Metronom Alonso stellt den Dienst ein

Von Christian Bartlau

Ein Abgang als Meister, das passt zu Xabi Alonso. Der Spanier ist einer der erfolgreichsten Spieler seiner Generation und einer der größten. Jedes seiner Teams hat der Stratege besser gemacht. Ihn selbst machte ein Spiel früh unsterblich.

Da stand er nun mit dem Ball in der Hand, einige Schritte vom Punkt entfernt, und es schien, als sei nicht nur sein Trikot zu groß für ihn, sondern auch der Moment selbst. Xabi Alonso, 23 Jahre alt, in seiner ersten Saison beim ruhmreichen Liverpool FC, ohne seinen markanten Fünftagebart noch ein Milchgesicht, dem die Ärmel des Trikots von seinen schmächtigen Armen schlabberten, sollte eines der größten Comebacks der Sportgeschichte vollenden.

Eine steile Karriere nimmt ihren Lauf: Alonso holt 2005 den Champions-League-Titel mit Liverpool.
Eine steile Karriere nimmt ihren Lauf: Alonso holt 2005 den Champions-League-Titel mit Liverpool.(Foto: imago/Buzzi)

25. Mai 2005, Atatürk Stadion in Istanbul, 23.04 Uhr Ortszeit, die 60. Minute im Champions-League-Finale zwischen Liverpool und dem AC Milan. Zur Halbzeit hatten die Italiener 3:0 geführt, der überragende Steven Gerrard und Vladimír Šmicer verkürzten, dann berührte Gennaro Gattuso Gerrard im Strafraum: Elfmeter. Einige Wochen zuvor hatte Liverpools Kapitän Gerrard in der Liga vergeben, deshalb legte sich Trainer Rafael Benítez auf Harry Kewell oder Alonso als Schützen fest. Kewell stand nicht mehr auf dem Feld. Also schoss Alonso den ersten Elfmeter seiner Profikarriere ausgerechnet jetzt, gegen Dida, diesen 1,96-Meter-Koloss im Mailänder Tor. Und Dida hielt, doch Alonso präsentierte eine Fähigkeit, die ihn Zeit seiner Karriere auszeichnen würde: Er war schneller im Kopf als alle anderen. Den Abpraller drosch er mit links ins obere Kreuzeck. Liverpool holte sich den Titel im Elfmeterschießen, Alonso war schon mit 23 Jahren unsterblich. Und das war nur der erste Höhepunkt einer großen Karriere, die am Samstag gegen Freiburg ihr Ende findet.

Oldschool bis zum Abschied

Xabi Alonso genoss nie den Status eines Talents, er war ein Frühreifer, der immer besser wurde und schließlich so gut alterte, wie es nur wenigen vergönnt ist. Es mag bessere Mittelfeldspieler gegeben haben in der Goldenen Generation, die Spanien beschert war – sicher Xavi Hernandez und vielleicht Sergio Busquets – aber Alonso prägte alle seine Teams und mit der spanischen Nationelf eine beispiellose Ära. Weltmeister, zweifacher Europameister, zweimaliger Champions-League-Sieger, je vierfacher Meister und Pokalsieger, so seine beeindruckende Bilanz. Ein "Metronom" sei er gewesen, sagte sein Ex-Coach José Mourinho einmal, und das trifft es: Er spielte zwar nie die erste Geige, sorgte aber dafür, dass das Orchester um ihn herum im richtigen Takt blieb.

Seinen Rücktritt hat Alonso ganz unaufgeregt kommuniziert, so wie er sich auch immer auf dem Feld gegeben hat. Immer mit Überblick, zuletzt manchmal arg gemächlich. Einer, der auch gut in die Zeit gepasst hätte, als Fußball noch in Schwarz-Weiß über die Bildschirme flimmerte, so gern wie er auf den Ball trat, sich kurz drehte und einen unangestrengten Kurzpass dahinstreichelte. In Schwarz-Weiß verbreitete er im März auch seinen Abschied, mit einem unscharfen Bild, Alonso auf dem Rasen, im langen Mantel, die linke Hand beiläufig zum Gruß gehoben, in der rechten ein Paar Fußballschuhe, Oldschool-Treter, natürlich. "Lived it, loved it. Farewell beautiful game", schrieb er dazu.

"Jeder spielt besser, wenn er auf dem Platz ist"

Eher zu früh als zu spät habe er immer aufhören wollen, sagte er nach der Rücktrittsankündigung. Erlebt hat er in seiner Karriere ohnehin alles, sehr früh hatte er schon Verantwortung übernommen. Mit 18 debütierte Xabier Alonso Olano im Profiteam von Real Sociedad San Sebastián. Sein Name weckte Erwartungen. Vater Miguel Ángel "Periko" Alonso, selbst Nationalspieler, gewann zwei Meisterschaften mit Real Sociedad und eine für den FC Barcelona. Nach einer Leihe an den SD Eibar startete Alonso junior unter seinem dortigen Trainer John Toshack durch. Der hatte Real Sociedad im Januar 2001 auf dem letzten Platz übernommen und machte den erst 20-Jährigen zum Kapitän. Eine goldrichtige Entscheidung, sagte Toshack später: "Ich habe noch nie gesehen, dass ein Jugendspieler so eine Wirkung hat. Jeder spielt besser, wenn Alonso auf dem Feld steht." Sociedad rettete sich und schaffte zwei Saisons später eine Sensation: Die Basken wurden 2003 Vizemeister. Journalisten wählten Alonso zum spanischen Spieler des Jahres, Nationaltrainer Iñaki Sáez berief ihn zum Debüt. Seinem Klub war der Spanier derweil entwachsen, einer enttäuschenden Saison folgte eine enttäuschende Euro 2004, bei der Spanien schon nach der Vorrunde die Koffer packen musste.

Weil Real Madrid die gewünschte Ablöse nicht zahlen wollte, schloss sich Alonso im Sommer dem Projekt eines Landsmannes in Liverpool an: Rafael Benítez wollte weg vom englischen "Kick and Rush", dem stumpfen langen Ball in die Spitze. Der technisch hoch veranlagte Alonso und Landsmann Luis García waren Benítez Königstransfers. "Bei seinem Debüt an der Anfield Road hat es 39 Minuten gedauert bis zu seinem ersten Fehlpass. Ein unglaublicher Spieler", sagte sein Teamkamerad John Arne Riise einmal über Alonsos Anfangszeit. In diesen Jahren dominierte der Spanier auch körperlich das defensive Mittelfeld, er wurde zum elegantesten Staubsauger der Premier League - und zum Publikumsliebling in Liverpool. Die "Rafalution" erlebte ihren Höhepunkt schon in der ersten Saison, an jenem legendären Abend im Atatürk-Stadion, als Liverpool ein 0:3 gegen den AC Mailand drehte. Danach landete nur noch ein FA Cup im Trophäenschrank.

Ein Gentleman, aber kein Unschuldslamm

Drei Dinge schmerzten ihn, sagte Xabi Alonso vor einigen Tagen dem Vereinssender des FC Bayern: keine Meisterschaft mit Liverpool und San Sebastián und keinen Champions-League-Titel mit den Bayern gewonnen zu haben. Am Titel mit Liverpool scheiterte er 2009 nur knapp, danach machte er den nächsten Karriereschritt: Real Madrid ließ sich Alonso 35 Millionen Euro kosten. Es dauerte drei Saisons, bis er endlich seinen ersten Ligatitel holen sollte, und es wurde eine ganz besondere Spielzeit, die Alonso im Zenit sah. Gewählt zum besten Mittelfeldspieler der Saison in Spanien, verteidigte er im Sommer mit der "Furia Roja" den EM-Titel. In seinem 100. Länderspiel schlug er im Viertelfinale die Franzosen im Alleingang - mit beiden Toren zum 2:0. Beim ersten EM-Titel 2008 hatte er noch eine Nebenrolle gespielt, im Finale gegen Deutschland kam er erst in der 63. Minute für Cesc Fabregas aufs Feld. Zwei Jahre später bei der WM in Südafrika war er schon unverzichtbar und stand in jedem Match in der Startformation. Unfreiwillig sorgte er im Finale für eines der ikonischen Bilder des Turniers: Die spielerisch limitierten Niederländer begegneten den eleganten Spaniern mit brutaler Härte, Nigel de Jong trat Alonso in der 28. Minute mit voller Wucht in den Brustkorb. Es war ein Akt der Niedertracht, als hätte ein betrunkener Mixed-Martial-Arts-Kämpfer einen Schweigemönch niedergestreckt. "Eines der härtesten Tackles, das ich je einstecken musste", sagte Alonso nach dem Spiel, da schon als Weltmeister. "Ich habe bestimmt eine gebrochene Rippe, aber das kümmert mich nicht."

Alonso gilt als "Gentleman". Abseits des Platzes hat er sich sein Image mit Model-Jobs, seiner skandalfreien Ehe mit Nagore Aramburu und einer Vorliebe für Kunst und The Velvet Underground erarbeitet - auch wenn er bei den Kollegen in Madrid unter Verdacht stand, sein Anderssein allzu offensiv zu inszenieren und sich für etwas Besseres zu halten. Auf dem Rasen aber war er alles andere als ein Unschuldslamm, was er vor allem in den hitzigen "Clásicos" unter José Mourinho bewies. Dem damaligen Trainer von Real Madrid folgte er bereitwillig auf seinem Kriegspfad gegen Josep Guardiola und Barcelona. Doch erst später unter Carlo Ancelotti holten Real und Alonso endlich die langersehnte "Décima", den zehnten Titel in der Champions League.

In der darauffolgenden Saison fand sich Alonso dann auf der Bank wieder, abfinden wollte er sich damit nicht. Noch im August wechselte er zum FC Bayern München, zum ehemaligen Erzfeind Guardiola. "Er war ein Grund für mein Kommen", sagte Alonso, "ich wollte von ihm lernen." Gleich in seinem ersten Spiel gegen Schalke organisierte der damals 32-Jährige ganz selbstverständlich die Aktionen der Bayern, doch dem Altstar schlug auch Skepsis entgegen.

Alle Qualitäten für eine Trainerkarriere

"Der Überschätzte", schlagzeilte Zeit Online und schrieb: "Sogar die Konkurrenz schwärmt vom eleganten Spanier. Doch so gut ist er gar nicht." Das war zu diesem Zeitpunkt keine Außenseitermeinung. Bei aller Begeisterung über die majestätischen Pässe und die Spielintelligenz Alonsos stellten viele die naheliegenden Fragen: Ist dieser Mann nicht der Falsche für Guardiolas dichtgetaktete Passorgien? Ist er nicht unter Druck zu anfällig? Kann er nicht zu einfach überlaufen werden? Doch Guardiola hatte das Risiko einkalkuliert: "Wir haben ihn geholt, um das Spiel zu dominieren. Wenn er den Ball hat, ist er der Beste."

Er hatte den Ball sehr oft. Im September 2014 stellte er einen neuen Rekord in der Bundesliga auf, 206 Ballkontakte hatte er gegen den 1. FC Köln, alle 26 Sekunden war er am Ball und schlug 175 Pässe, mehr als der FC insgesamt. Das waren Werte, die in der Liga der Weltmeister bis dato noch nie in dieser Regelmäßigkeit gesehen hatte. Im Hochgeschwindigkeitsrausch, den Jürgen Klopps BVB ausgelöst hatte, zählte nur die Hatz auf den Ball, nicht das, was man mit der daraus resultierenden Ballbesitz-Dominanz anfangen konnte. Xabi Alonso fiel meistens etwas ein, in 95 Prozent der Fälle passte er das Spielgerät einfach weiter, was in 95 Prozent der Fälle eine gute Idee war. Auch Zeit Online erkannte das schlussendlich an und schrieb nach seiner Rücktrittsankündigung vom "besseren Schweinsteiger": "Er kann das Spiel ordnen, es mit millimetergenauen Diagonalpässen verlagern. Vor allem ist er immer an der richtigen Stelle. Er ist der Beleg, dass Fußball auch Kopfsache ist." Eigenschaften, die ihn für eine zweite Karriere als Trainer prädestinieren. "Wenn er das will, hat er dazu alle Qualitäten", sagte Carlo Ancelotti vor einigen Wochen. José Mourinho erinnert er ausgerechnet an seinen Erzfeind: "Er denkt schon als Spieler wie ein Trainer, wie Pep Guardiola."

Die allerletzte Krönung blieb Alonso bei den Bayern versagt. Er hätte der zweite Spieler nach Clarence Seedorf werden können, der mit drei Teams die Champions League gewinnt. Der Traum platzte ausgerechnet gegen Real Madrid. Im Viertelfinalrückspiel holte Ancelotti Alonso in Minute 75 vom Platz, das Santiago Bernabeu erhob sich. Sie wussten, wer da geht: ein ganz Großer.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen