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Königsklasse in der Europaliga: Der BVB spielte gegen Tottenham groß auf.
Königsklasse in der Europaliga: Der BVB spielte gegen Tottenham groß auf.(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

Talent, Klasse, Einstellung: Der BVB zelebriert seine neue Dominanz

Von Felix Meininghaus, Dortmund

Borussia Dortmund spielt derzeit Fußball wie aus einem Guss, das bekommt Tottenhams B-Elf zu spüren. Der BVB von Thomas Tuchel lässt sich von nichts aufhalten. Auch nicht von Wechselgerüchten um zwei Topstars.

Nach dem Abpfiff hatte es Mauricio Pochettino eilig. Ein kurzes Shakehand mit dem Kollegen Thomas Tuchel, dann rauschte der argentinische Trainer in Diensten von Tottenham Hotspur im Laufschritt Richtung Katakomben. Bloß raus aus diesem Stadion, in dem seine Mannschaft gerade gedemütigt worden war. 0:3 (0:1) hatte sein Klub aus der englischen Hauptstadt das Achtelfinal-Hinspiel in der Europa League bei Borussia Dortmund verloren und war dabei über 90 Minuten bemerkenswert chancenlos geblieben. Die Tore erzielten Pierre-Emerick Aubameyang, der wettbewerbsübergreifend in dieser Saison mittlerweile sagenhafte 33 Mal getroffen hat, und Marco Reus, der mit seinen beiden Treffern in der zweiten Halbzeit sein Leistungstief der letzten Wochen beendete.

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 Für Tottenham wird aller Voraussicht nach nichts mit einem Überleben im internationalen Wettbewerb, während der BVB weiter vom Titel träumen darf. Dass die Partie dermaßen einseitig verlief, hatte in erster Linie Pochettino selbst zu verantworten. Er schickte im Ruhrgebiet eine bessere B-Elf auf den Rasen und gab seiner Mannschaft damit die Marschroute vor: Wir konzentrieren uns in erster Linie auf die Meisterschaft in England, die Europapokal läuft nebenher.

Darf man die EL herschenken?

Sicher ist es die große Sehnsucht von Tottenham, in England nach 1961 endlich mal wieder die Landesmeisterschaft zu holen. Dennoch darf darüber debattiert werden, ob es statthaft ist, die Europa League einfach herzuschenken, indem man das Team im Vergleich zum 2:2 im Spitzenspiel gegen den Stadtrivalen Arsenal gleich auf sieben Positionen verändert.

Dortmund - Tottenham 3:0 (1:0)

Tore: 1:0 Aubameyang (30.), 2:0 Reus (61.), 3:0 Reus (70.)
Borussia Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Sven Bender (58. Subotic), Hummels, Schmelzer - Weigl - Durm, Mchitarjan, Castro, Reus (82. Ramos) - Aubameyang (82. Kagawa). - Trainer: Tuchel
Tottenham Hotspur: Lloris - Trippier, Alderweireld, Wimmer, Davies - Mason, Carroll - Onomah, Eriksen (65. Lamela), Son (76. Kane) - Chadli (58. Dembele). - Trainer: Pochettino
Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)
Zuschauer: 65.848 (ausverkauft)
Torschüsse: 18:3 - Ecken: 9:4 - Ballbesitz: 62:38 Prozent

Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc wunderte sich, "dass sie so viele Stammkräfte draußen gelassen haben. Aber das ist ihre Entscheidung." Mit der die Westfalen trefflich leben können. Sie nehmen die Europa League ganz anders an, als der Gegner von der Insel: Topseriös und absolut fokussiert. Tuchel und seine Belegschaft wissen, dass sie Geschichte schreiben können: Mit Bayern München, Juventus Turin, Chelsea London und Ajax Amsterdam gibt es bislang nur vier Klubs, denen das Kunststück gelungen ist, alle drei europäischen Pokale zu gewinnen. Borussia Dortmund wäre der fünfte, und für diese historische Großtat vor Augen lohnt es sich, jedem Gegner mit der gebotenen Ernsthaftigkeit zu begegnen.

"Abstimmung stimmt"

In dieser Form und mit diesem Arbeitsethos gehört der BVB zu den Topfavoriten. Diese Mannschaft würde in ihrer derzeitigen Verfassung auch eine Etage höher weit kommen, wie Pochettino betonte: "Borussia Dortmund spielt auf Champions-League-Niveau", lobte Tottenhams Trainer. Weil sie Talent, Klasse und Einstellung vereint. "Das sah zwar ziemlich locker aus", sagte Torhüter Roman Weidenfeller, "aber es erfordert die volle Konzentration, es bis zum Ende durchzuziehen."

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Zorc hatte zusammen mit 65.848 Besuchern im ausverkauften Dortmunder Stadion einen "komplett dominanten" BVB erlebt: "Bei konsequenterem Auftreten hätten wir sogar noch ein Tor mehr erzielen können." Trainer Thomas Tuchel war "äußerst zufrieden" mit dem Auftreten seiner Belegschaft: "Sehr frisch, sehr griffig, sehr entschlossen – und das wenige Tage nach dem körperlich und mental anstrengenden Spiel gegen Bayern München."

Der BVB schwimmt weiter auf der Erfolgswelle, diese Mannschaft scheint derzeit nichts erschüttern zu können. Lediglich drei Gegentore in zwölf Rückrundenspielen sind Beleg für die Stabilität eines Ensembles, das immer besser umsetzt, was Tuchel vorgibt. Es habe "ein bisschen gedauert, bis wir das richtige Verteidigen verinnerlicht haben", sagt Mittelfeldspieler Julian Weigl, "aber jetzt stimmt die Abstimmung."

Was sollte Dortmund stoppen

Es ist derzeit kaum etwas auszumachen, was diese Dortmunder von ihrem Weg abbringen könnte. Vielleicht der Umstand, dass der Revierklub derzeit nicht nur im Drei-Tages-Rhythmus auf dem Spielfeld gefordert ist, sondern auch außerhalb in Atem gehalten wird: Die Verträge von Schlüsselspielern wie Kapitän Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henrikh Mkhitaryan laufen im Sommer 2017 aus, auch um Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang kursieren ständig neue Wechselgerüchte. Das alles beflügelt die Fantasie der Branche und erschwert es, das Tagesgeschäft in Ruhe abzuarbeiten.

Aubameyang wurde zuletzt mit Manchester United und Real Madrid in Verbindung gebracht, die Rede ist von utopischen Ablösesummen von bis zu 100 Millionen Euro. Zudem wurde Gündogans Berater und Onkel Ilhan Gündogan unlängst in Amsterdam im Gespräch mit Manchester Citys Manager Txiki Begiristain abgelichtet. Darauf angesprochen, reagierte Tuchel genervt. So etwas sei das "normale Tagesgeschäft, wir planen auch unseren Kader und sprechen mit Beratern".

"Du bist keiner von uns"

In Dortmund versuchen sie weiter, den Vertrag des Nationalspielers zu verlängern. Das dürfte schwer genug werden, denn gelebte Vereinstreue gehört nicht zu den größten Tugenden des Hochveranlagten. Vor Saisonbeginn zog sich Gündogan den Unmut der Dortmunder Anhänger zu, als er sich ins Schaufenster stellte und seinen Vertrag erst dann um ein Jahr verlängerte, als klar wurde, dass er sich verzockt hatte. Die Reaktion waren Pfiffe bei der Saison-Eröffnungsfeier. Als sich Gündogan auf der Asientour des BVB wie die anderen Profis mit den mitgereisten Fans ablichten lassen wollte, bekam er als Rückmeldung zu hören: "Du nicht, Du bist keiner von uns."

Im Ruhrgebiet reagieren die Menschen ungeschminkt, und das könnte im Saison-Endspurt bei neuen Gerüchten noch für atmosphärische Verwerfungen sorgen. Im Bemühen, seine Vertragsangelegenheiten abzuarbeiten und dabei ein positives Betriebsklima zu bewahren, bewegt sich der BVB auf dünnem Eis. Doch solange die Mannschaft Sieg an Sieg reiht, sollte dieser Spagat gelingen. Sportdirektor Zorc sieht die Dinge gelassen. Seit dem Doublegewinn 2012 werde in Dortmund ein Endzeitszenario gezeichnet, "und wir stehen immer noch sehr stabil auf dem Platz. Einen Ausverkauf wird es hier nicht geben".

Quelle: n-tv.de

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