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Mittwoch, 18. Oktober 2017

Europapokaltherapie gegen Celtic: Der Post-Ancelotti-Spaß-FC-Bayern

Von Tobias Nordmann

Vor drei Wochen liegt der FC Bayern auf der sportlichen Intensivstation. Von PSG gedemütigt, von Coach Carlo entliebt, das Team zerstritten. Doch dann kommt "Don Jupp" und therapiert die Münchener - mit der simpelsten aller Methoden.

In seinen Blicken die gewohnte Hektik, in seinen Sätzen die markante Unruhe samt den nervösen Wort-Auslassungen, in der Botschaft aber souverän-entschlossen: 1607 Tage nach dem historischen Triple am 25. Mai 2013 im Londoner Wembley-Stadion gegen Borussia Dortmund kehrt Jupp Heynckes als Trainer des deutschen Fußball-Rekordmeisters FC Bayern mit dem Spiel in der Münchner Arena gegen Celtic Glasgow in die Champions League zurück (ab 20.45 Uhr im ZDF und im Liveticker bei n-tv.de). Mit "prickelnder" Vorfreude und postpensionärer Titel-Gier, Zitat: "Der FC Bayern hat große Ambitionen in diesem Wettbewerb, meine Mannschaft und ich natürlich auch."

FC Bayern - Celtic Glasgow, 20.45 Uhr

FC Bayern: Ulreich - Kimmich, Boateng, Hummels, Alaba - Thiago, Rudy - Robben, Müller, Coman - Lewandowski; Trainer: Heynckes.
Celtic Glasgow: Gordon - Lustig, Boyata, Simunovic, Tierney - Brown, Ntcham - Forrest, Rogic, Sinclair - Griffiths; Teammanager: Rodgers
Schiedsrichter: Sergej Karassew (Russland)
Stadion: Allianz-Arena, München

Diese Ambitionen waren zuletzt ruppig zerfleddert worden von den tempowilden Millionen-Yuppies aus dem No-Limit-Kader von Paris St. Germain. Damals allerdings, es ist erst drei Wochen her, war Heynckes noch ein zufriedener und gut ausgelasteter Pensionär - und ziemlich weit weg von der Königsklasse. Doch nach den dramatischen Wochen an der Säbener Straße, als sportlich und teamgeistig alles entgleiste und Coach Carlo Ancelotti trotz fortwährender Entschuldigungen der Bayern-Bosse sowie vorproduziertem Adventskalender nicht mehr zu halten war, da hielt es Heynckes nicht mehr auf der Couch. Da gewährte er den Münchenern eine vierte Amtszeit. Einen Freundschaftsdienst als Feuerwehrmann. Und als Therapeut.

Denn nicht nur taktisch und konditionell war die Mannschaft verloddert. Auch zwischenmenschlich war es zäh, erklärte Mats Hummels nun der "Sport Bild": "Es ist definitiv so, dass wir uns teamintern in vielen Dingen zusammenreißen und verbessern müssen." Unschöne Vergangenheit? Plötzlich vergessen? In der öffentlichen Wahrnehmung schon. Nach diesem ergebnissouveränen 5:0-Erfolg beim "Juppiläum" gegen den SC Freiburg, als Heynckes als erster Trainer der Liga-Geschichte zum vierten Mal auf die Bank eines Bundesligisten zurückgekehrt war.

Gut, fünf Tore muss man auch gegen Freiburg erstmal schießen. Aber weil's doch deutlich wackeliger war, als die Zahlen hergeben, war's nicht mehr als ein ordentlicher Einstand für den neuen Alttrainer und seine millionenteure Oldie-Kombo. Eine erste gute Therapiesitzung nach der Ancelotti-Depression. "Es hat Spaß gemacht, heute zu spielen, jeder war für den anderen da", sagte Hummels und sein Abwehr-Buddy Jérôme Boateng ergänzte drei Tage später quasi inhaltsgleich: "Die Mannschaft hat wieder Spaß am Fußball."

Spaß gewinnt keine Spiele

Und dieses neue, lustige Miteinander schreiben sie mit Wucht dem Herrn Heynckes zu. Der natürlich mit väterlicher Ruhe bestätigt, wie viel Spaß die Truppe ihm macht. Doch weil die pure Freude an sich keine Fußballspiele gewinnt, mahnt der 72-Jährige weiter zu hoher Intensität und zur vollen Konzentration. So erinnerte er seine Spieler daran, dass Freiburg in der ersten Halbzeit zu zwei guten Chancen gekommen war, das "darf uns nicht passieren, da müssen wir viel sicherer und kompakter sein, dürfen nicht in der Vorwärtsbewegung Bälle verlieren." Schon gar nicht gegen Celtic. Denn auch wenn der Gegner nicht zu den größten Gefahren im europäischen Fußball gehört, ist die Gruppen-Situation nach dem PSG-Debakel vor drei Wochen leicht angespannt.

Um diese Anspannung zu lockern, stoppt der Ordnungs- und Strukturfreund Heynckes die planlose und wilde Rotationswut seines Vorgängers. "Das ist auch richtig", so Boateng: "Wir wollen uns als Mannschaft ja wieder finden." Gegen die Schotten muss der Trainer trotzdem mindestens einen Wechsel vornehmen, weil Javi Martínez sich gegen Freiburg an der Schulter verletzte. "Es ist schade, dass er ausfällt", sagte Heynckes zum Spanier, der bei ihm wieder auf seiner Paradeposition im Mittelfeld spielt. Sebastian Rudy, Arturo Vidal und Corentin Tolisso lauten die Optionen, aus denen Heynckes gegen Glasgow wählen kann.

Celtic hat an den ersten zwei Spieltagen in der Königsklasse bayrisch-identisch gelitten und gejubelt (nur nach Gegnern, nicht nach Ergebnissen) - 0:5 daheim gegen Paris, 3:0 in Brüssel gegen Anderlecht. Und nun? "Wir werden nicht ehrfürchtig sein", erklärt Trainer Brendan Rodgers vor dem "großen Test". Allerdings sieht er die Münchener unter Heynckes deutlich im Vorteil: "Der Trainerwechsel hat einen positiven Effekt auf die Mannschaft. Der FC Bayern ist eine der besten Mannschaften im modernen Fußball und einer der Favoriten in diesem Wettbewerb."

Nun, dass entspricht nicht ganz der Wahrnehmung, die sie in München aktuell über sich selbst haben. So sagt Hummels: "Es ist nicht alles schlecht, aber es ist auch nicht auf dem Niveau, auf dem es sein muss, um aktuell zu den absoluten Top-Mannschaften in Europa zu gehören." Immerhin: Den richtigen Therapeuten haben sie offenbar gefunden. Zweite Sitzung, Königsklasse.

Quelle: n-tv.de

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