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Gegen die starken Leipziger hatte der HSV keine Chance.
Gegen die starken Leipziger hatte der HSV keine Chance.(Foto: imago/MIS)
Samstag, 09. September 2017

Überflieger wird Top-Mannschaft: Der Reifeprozess von RB Leipzig

Von Oliver Jensen, Hamburg

Mit Geduld, taktischem Geschick und viel Qualität fährt RB Leipzig in Hamburg seinen zweiten Saisonsieg in der Fußball-Bundesliga ein. Nun möchte das Team auch in der Champions League für Furore sorgen. Die Voraussetzungen stimmen.

Heribert Bruchhagen ist tief beeindruckt. "Leipzig hat einfach eine tolle Mannschaft", sagte der Vorstandsvorsitzende des Hamburger SV an diesem Freitagabend, nachdem sein Team gerade mit 0:2 gegen RB Leipzig verloren hatte. "Wir müssen anerkennen, dass der Gegner sehr stark ist", fügte er hinzu. Dabei hatte der HSV ein ordentliches Spiel geliefert. Die Hamburger hatten gekämpft, gut verteidigt und sich in jeden Ball hinein geschmissen. Doch sie trafen am dritten Spieltag der Fußball-Bundesliga eben auf einen Gegner, der einfach mehr Qualität besitzt.

RB Leipzig ist nicht mehr der Überflieger, der mit einem schnellen Umschaltspiel die Liga verblüfft. Das Team von Trainer Ralph Hasenhüttl ist zu einer Top-Mannschaft gereift, agiert taktisch variabel. Aus Gründen, wie Linksverteidiger Marcel Halstenberg erklärt: "Viele Gegner stellen sich gegen uns nur noch hinten rein. Die Mannschaften treten gegen uns defensiver auf als letzte Saison." Kapitän Willi Orban sagt: "Die Gegner haben mittlerweile viel Respekt vor unseren schnellen Stürmern und überlassen uns den Ballbesitz." Überfallartiger Konterfußball ist kaum noch möglich. Spielerische Lösungen sind gefragt. "Daran haben wir bereits in der Saisonvorbereitung gearbeitet. Wir machen gute Fortschritte", sagt Halstenberg.

Der Mehrfachbelastung durch Liga, Pokal und Champions League begegnet RB Leipzig mit einem breiten Kader.
Der Mehrfachbelastung durch Liga, Pokal und Champions League begegnet RB Leipzig mit einem breiten Kader.(Foto: imago/Picture Point LE)

Trainer Hasenhüttl hat der Mannschaft eingetrichtert, geduldig zu spielen, den Ball zu halten und auf Chancen zu lauern. RB Leipzig dreht dann vornehmlich in der zweiten Halbzeit auf. Das war vergangene Woche gegen Freiburg genauso wie nun in Hamburg. Kein Wunder: Leipzig hat mit einem Altersschnitt von 24,3 Jahren die zweitjüngste Mannschaft der Liga - und offensichtlich auch eine der fittesten. "Wir vertrauen darauf, dass wir topfit sind und bis zum Schluss Vollgas geben können. Wir lassen den Gegner erst einmal viel laufen. Irgendwann wird er dann müde", erklärt Orban die Taktik.

Gut möglich, dass Leipzig in der Königsklasse ein anderes Gesicht zeigen wird. Am Mittwoch empfangen die Rasenballsportler den Vorjahres-Halbfinalisten AS Monaco zum ersten Champions-League-Spiel der Vereinsgeschichte. Unter den großen Klubs Europas ist RB Leipzig der Underdog - ähnlich wie vergangene Saison in der Bundesliga. Die Leipziger möchten jetzt auch auf europäischer Bühne für Furore sorgen und die Gegner überraschen. "Monaco wird sich nicht hinten reinstellen wie viele Gegner in der Bundesliga", sagt Halstenberg. "Da können wir wieder unser Pressing ausspielen, den Gegner zu Fehlern zwingen und vorne unsere Torchancen nutzen." Die Freude ist jedenfalls groß. "Das wird ein emotionales Highlight, wenn wir unten auf dem Platz stehen und die Hymne hören. Gerade zu Hause traue ich uns zu, für eine Überraschung zu sorgen", sagt Orban.

Die goldene Mischung des Timo Werner

An der Qualität mangelt es RB Leipzig sicherlich nicht. Der Auswärtssieg beim HSV war ein Paradebeispiel dafür, dass die Mannschaft mit individuellen Einzelleistungen Spiele entscheiden kann. Das 1:0 resultierte aus einem phänomenalen Distanzschuss von Naby Keita. Das 2:0 war auf einen Alleingang von Timo Werner zurückzuführen. Der 21-Jährige hat im Trikot von RB Leipzig an seine starken Auftritte im Kreise der Nationalmannschaft (Drei Tore in zwei Partien) angeknüpft. "Timo's Form ist beeindruckend", lobt Hasenhüttl. "Er hat eine Mischung aus einer unglaublichen Ruhe am Ball und einem wahnsinnigen Zug zum Tor. Wenn er erst einmal am Laufen ist, kann man ihn nicht mehr stoppen."

Trotzdem scheint RB Leipzig nicht von einzelnen Spielern abhängig zu sein. Dass in Emil Forsberg der Überflieger der vergangenen Saison krankheitsbedingt fehlte, dürften manche Fans kaum bemerkt haben. So rund lief das Spiel der Leipziger. "Zum Glück können wir solche Ausfälle kompensieren. Ob ich nun Bruma oder Kevin Kampl für Emil bringe, macht keinen Unterschied", sagt der Trainer. Die Breite im Kader soll der Schlüssel sein, um die Mehrfachbelastung mit Bundesliga, Champions-League und DFB-Pokal durchzuhalten. Aus der Ferne äußerte Bayern München Präsident Uli Hoeneß kürzlich Skepsis: " Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese junge Mannschaft die Mehrbelastung einfach so wegsteckt." Es dürfte für die jungen Leipziger eine zusätzliche Motivation sein, dem Bayern-Boss das Gegenteil zu beweisen.

Der Hamburger SV hingegen hat ganz andere Sorgen. Nach Nicolai Müller (Kreuzbandriss) und Aaron Hunt (Muskelfaserriss) musste Trainer Markus Gisdol gegen Leipzig Flügelspieler Filip Kostic und Verteidiger Rick van Drongelen verletzungsbedingt ausgewechselt werden. "Das ist wirklich nicht schön. Unsere Leistung stimmt mich dennoch optimistisch für die Zukunft", sagt Bruchhagen. Am Freitag geht's zu Hannover 96. Bruchhagen hofft, dass er wieder tief beeindruckt sein wird - dann aber möglichst von der eigenen Mannschaft.

Quelle: n-tv.de

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