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Donnerstag, 28. September 2017

Ancelotti-Aus mit Ansage: Die Titel-Gier des FC Bayern wird bestraft

Ein Kommentar von Tobias Nordmann

Die Klatsche von Paris ist schmerzhaft für den FC Bayern. Aber rein sportlich ist die Niederlage belanglos. Trotzdem schmeißt der Klub seinen Trainer raus. Ein selbst verantwortetes Debakel.

Als Josep Guardiola am 20. Dezember 2015 verkündete, den FC Bayern München verlassen zu wollen, da begann sie, die schleichende Vergiftung des Fußball-Rekordmeisters, der nun 21 Monate später auf der sportlichen Intensivstation liegt. Zumindest wähnen sich die Vereins-Verantwortlichen nach dem ziemlich verkorksten Saisonstart offenbar dort. Denn mit seit Jahren ungekannter Voreile schmeißen sie den als Hauptschuldigen für den aktuellen Zustand ausgemachten Carlo Ancelotti aus dem Traineramt. Sie tun das nach einer Niederlage im Culture Clash, die den Klub auf schmerzhafte Weise als europäische Spitzenkraft a.D. enttarnt hatte. Sie tun das allerdings zu einem Zeitpunkt, der entweder viel zu früh in der Saison kommt, oder generell eben viel zu spät.

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Ein Jahr lang hat der FC Bayern Zeit gehabt, sich darüber klar zu werden, ob die Ancelotti-Antwort auf das Guardiola-Vakuum wirklich die richtige ist. Nach einem ersten Jahr mit deutlich mehr Kritik (Spielweise, taktische Finesse, Spielerentwicklung) als Anerkennung, entschieden sie in diesem Sommer trotzdem auf Weitermachen. Eine Entscheidung getragen von der leidenschaftlichen Gier auf den Erfolg in der Königsklasse. Denn den haben sie vom dreifachen europäischen Champion Carlo Ancelotti erwartet. Sie haben in München mit der Verpflichtung des Italieners in ihrer wilden Sehnsucht alles ausgeblendet. All das, was der FC Bayern eigentlich nach dem katalanischen Taktik-Burnout gebraucht hätte. All das, wofür Carlo Ancelotti eigentlich nicht steht: einen erfolgreichen Umbruch.

Keine Antwort auf Lahm und Alonso

Und als sie das endlich eingesehen hatten, da setzten sie ein fatales Schwungrad in Gang. Sie zwangen den Coach, dessen großer Vorzug das Moderieren von Star-Ansammlungen ist, in eine Turnübung, die der Italiener nicht kann: Sie diktierten ihm den Umbruch. Sie forderten von ihm zugleich Titel. Von ihm und einer Mannschaft, der nach den Rücktritten von Philipp Lahm und Xabi Alonso im Sommer das über Jahre stabilisierende Rückgrat weggebrochen war. Einer Mannschaft, die sich neu finden und einem Coach, der sich neu erfinden muss - eine Gleichung, die so schnell nicht aufgehen konnte. Ancelotti probierte es mit wilder Rotation. Mit wilden Systemwechseln. Eine klare Idee, wohin es mit dem Verein gehen soll, sie war schlicht nicht zu sehen.

In München schaffte das eine drückende Atmosphäre, die sich in ständigen kleinen Gewittern entlud: In Thomas Müllers Qualitätsfrage, in Robert Lewandowskis Interview, in Franck Ribérys Trikotwurf und in Arjen Robbens Unverständnis. Jedes Alphatier, das von Ancelotti nicht in Form von reichlich Spielzeit getätschelt wurde (Ausnahme Lewandowski, der spielt ja eh immer), schnappte sofort zu. So viele Bisswunden wie in den vergangenen Wochen, hatten die Klub-Verantwortlichen seit den wüsten 90er Jahren nicht mehr zu versorgen. So eine kompakte Wut war selbst für den Moderations-Maestro nicht zu händeln. Statt aber von oberster Ebene ein scharfes Wort pro Trainermacht und -vertrauen auszusprechen, das wäre auch am neuen Sportdirektor Hasan Salihamidizic gewesen, entmachtete die Klubführung Ancelotti mit ihrer Zurückhaltung radikal.

Dabei ist das Zögern und Zaudern bei der Trainerunterstützung dem Klub nur bedingt vorzuwerfen. Mit dem selbst auferlegten Mantra im irrwitzigen Millionenspiel am Transfermarkt weiter solide zu bleiben, kann er es sich nicht erlauben, seine erfolgsbesessenen Leistungsträger zugunsten eines wackeligen und zeitlich definitiv befristeten Trainerprojekts zu degradieren. Gerade nicht Lewandowski, der anders als die bald ebenfalls rentnernden Robben und Ribéry, für die mittelfristige Zukunft des FC Bayern stehen soll und muss. Als der Typ Anti-Neymar, der selbst den schmeichelndsten Scheich-Scheinen widersteht. Dafür braucht es allerdings Erfolg. Und eine Strategie. Eine clevere, eine durchdachte. Eine mit Geduld und Geschick. Keine, die von Gier getragen ist.

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Quelle: n-tv.de

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