Sport
Auswärtssieg? Na klar!
Auswärtssieg? Na klar!(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wenn der Fußballgott Humor beweist: Ein Heimspiel ist kein Vorteil mehr

von Christoph Wolf

"Der Heimvorteil gibt Dir einen Vorteil", hat der Engländer Sir Bobby Robson einst festgestellt. Doch was im vergangenen Fußball-Jahrtausend noch richtig war, hat sich gewandelt: Der Heimvorteil ist gar keiner mehr.

Es passt ins Bild dieser bislang so unberechenbaren Saison, dass ausgerechnet der Aufwärtstrend der Auswärtsteams eine Konstante ist. Nicht die heimstärkste Mannschaft, die selbsternannten Aufholjäger vom FC Bayern führen die Bundesliga-Tabelle an, sondern die Auswärts-Überflieger von Borussia Dortmund dank ihrer sieben Siege in bislang sieben Gastspielen. Ligaschlusslicht Borussia Mönchengladbach hingegen hat bisher zwar schon zweimal in der Fremde gewonnen, daheim in sieben Spielen aber erst drei Remis und keinen Sieg geschafft.

Darum gehts: Nämlich im fremden Stadiom meht Tore zu schießen als der Gastgeber.
Darum gehts: Nämlich im fremden Stadiom meht Tore zu schießen als der Gastgeber.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der Heimvorteil, den Englands Fußballweiser Sir Bobby Robson einst unerreicht präzise ("Der Heimvorteil gibt Dir einen Vorteil") beschrieb, verliert in der Realität der Bundesliga kontinuierlich an Bedeutung. Das wurde 2008 bereits statistisch belegt und in der Vorsaison noch einmal praktisch auf dem Platz bewiesen. Als Avantgarde der Liga taten sich in realistischer Einschätzung des eigenen fußballerischen Leistungsvermögens Hertha BSC und der VfL Bochum hervor. Dass der Dank für deren Fortschrittlichkeit im Abstieg aus der 1. Bundesliga gipfelte, liegt in der Natur der Sache begründet, dem fast vollständigen Verzicht auf attraktiven und erfolgreichen Fußball im eigenen Stadion.

Bochum am Boden: Die Avantgardisten des VfL verabschiedeten sich in der Vorsaison mit der zweitschlechtesten Heimbilanz in die 2. Liga.
Bochum am Boden: Die Avantgardisten des VfL verabschiedeten sich in der Vorsaison mit der zweitschlechtesten Heimbilanz in die 2. Liga.(Foto: picture alliance / dpa)

Denn was läge bei der Beweisführung einer Negativ-Entwicklung näher, als den erodierenden Vorteil gleich zum Nachteil zu verkehren? Also begnügte sich Hertha BSC mit einem einzigen Heimsieg, eleganterweise schon am 1. Spieltag. Der VfL brachte es bis zum 33. Spieltag auf zwei Heimerfolge und hielt sich damit die Möglichkeit offen, erst am letzten Spieltag im eigenen Stadion stilecht den Klassenerhalt zu verspielen. Weil ein Heimsieg gegen Hannover 96 mindestens für die Relegation gereicht hätte, ging der VfL sicherheitshalber mit einem 0:3 in die Pause.

Lohn der Leidensfähigkeit, die Berliner und Bochumer ihren mitunter marodierenden Heimfans abverlangten: Die Quote der Heimsiege erreichte am Saisonende mit 40,85 Prozent einen historischen Tiefststand. Bis zur Saison 1987/88 hatten die deutschen Erstligisten noch durchschnittlich 55,8 Prozent ihrer Heimspiele gewonnen, die Gästeteams nur um die 20 Prozent. In vier von fünf Spielen verhalf der Heimvorteil den Gastgebern mindestens zu einem Punkt, meist sogar zu einem Sieg. Seitdem geht es nur noch auswärts aufwärts. Schlimmer noch: Inzwischen gewinnen die Heimteams der Bundesliga nicht nur immer öfter nicht, sie verlieren auch noch häufiger. In 31,05 Prozent aller Spiele, also fast jeder dritten Partie, punkteten die Gästeteams in der vergangenen Saison dreifach. Häufiger als je zuvor.

Entwicklung des Heimvorteils seit 2000/01

In dieser Spielzeit sieht es bisher sogar noch schlechter aus für die Heimteams. Nach 13 Spieltagen mit 117 Spielen stehen insgesamt 44 Auswärtssiege (37,6 Prozent) bei nur 51 Heimerfolgen (43,5 Prozent) zu Buche, nur Stuttgart gelang noch kein Auswärtsdreier. Zwischenzeitlich war der Heimvorteil sogar schon ganz dahin, weil der 2. Spieltag mit einem Liga-Novum aufwartete: Gleich in sieben Partien triumphierten die Gästeteams. Dass ausgerechnet der große FC Bayern bei Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern unterlag, belegt nur: Dem Fußballgott ist Humor nicht fremd.

Auswärtssiegtechnisch bemerkenswert war neben Gladbachs 6:3 in Leverkusen vor allem das 4:3 von Mainz in Wolfsburg, die Heimmannschaft hatte schließlich schon 3:0 geführt. Die "Wölfe" waren eine von gleich drei Mannschaften, die am 2. Spieltag im eigenen Stadion in Führung ging und trotzdem punktlos blieb. Das verweist galant auf ein weiteres Indiz dafür, dass der Heimvorteil nicht mehr ist, was er mal war. Immer weniger Spiele werden zu Hause in einen Sieg umgebogen, aber mehr Führungen werden noch verspielt (siehe Tabelle).

Tabelle 1: Heimvorteil nach Führung und Rückstand

      seit 1963     seit 2000aktuelle Saison
  in % abs.  in % abs.   in % abs.
Sieg nach Führung 76,717455 76,081441  70,83   51
Remis nach Führung 17,151667 16,74  317  12,50     9
Niederlage trotz Führung   6,14  597   7,18  136  16,67   12
Niederlage nach Rückstand 54,403240 62,33  862  68,75   44
Remis nach Rückstand 25,621526 21,55  298  15,63   10
Sieg trotz Rückstands 19,981190 16,12  223  15,63   10
Quelle: Fußballstudio

 

Bleibt, abseits der ganzen Zahlenhuberei, die Frage: Warum ist das so? Eva Heinrichs, die das Phänomen 2008 in ihrer Diplomarbeit an der TU Dortmund mit der Analyse von über 71.000 Fußballspielen in deutschen und anderen Topligen statistisch belegte, führte als Grund die sinkende Zahl von Toren pro Spiel an. Dies kann getrost verworfen werden. Mit 3,18 Treffern pro Spiel verbuchen die Statistikfreunde aktuell den höchsten Torschnitt seit der Saison 1987/88 (3,14), als sich das Blatt bekanntlich wendete.

Auswärtsspiele im eigenen Stadion

Das 3:1 auf Schalke war einer von bereits sieben Dortmunder Auswärtssiegen in dieser Saison.
Das 3:1 auf Schalke war einer von bereits sieben Dortmunder Auswärtssiegen in dieser Saison.(Foto: picture alliance / dpa)

Erteilen wir deshalb Holger Stanislawski vom FC St. Pauli das Wort. Er sagte der "Bild"-Zeitung: "Generell lastet der Druck auf der Heim-Mannschaft. Die Zuschauer werden schnell unruhig, wenn du nicht zig Aktionen vor dem Tor des Gegners hast. Die Heim-Spieler werden nervös, verlieren die Ordnung." Stanislawski weiß, wovon er spricht, er hat mit seiner Mannschaft den Beweis seiner Worte angetreten. Als am 8. Spieltag endlich der erste und bisher einzige Heimsieg am Millerntor gelang, hatten die Paulianer auswärts schon dreimal dreifach zugeschlagen. In Mainz führte der früh und lautstark geäußerte Frust der Heim-Fans gar zum Eklat, als FSV-Keeper Christian Wetklo dem eigenen Anhang nach dem 0:1 gegen Hannover einen Vogel zeigte und klagte: "Nach zehn Minuten hatten wir doch ein Auswärtsspiel im eigenen Stadion. In zehneinhalb Jahren in Mainz habe ich so etwas noch nie erlebt."

Das Spiel offensiv gestalten können nur wenige Mannschaften, nicht einmal der FC Bayern kann es an allen Tagen, schon gar nicht ohne Franck Ribery und Arjen Robben. Und auch das Lauf-, Kombinations- und Pressing-Wunder Borussia Dortmund hat zu Hause bisher nur dann gewonnen, wenn dem Gegner kein Tor gelang. Auswärtsmannschaften haben es leichter. Sie können abwarten, defensiv sicher stehen, Konter setzen. Wenn es nach 70 Minuten 0:0 steht und die Fans pfeifen, gelten die Pfiffe nicht ihnen. Gleichzeitig treten sie selbstbewusster in der Fremde auf. Ziel ist immer häufiger ein Sieg, nicht nur keine Niederlage.

Konzept schlägt Krösus

Zu Gute kommt den Gästeteams, dass die Liga ausgeglichener geworden ist. Zwar wächst rein statistisch der Abstand zwischen Spitze und Abstiegsplätzen. Dafür wird das Mittelfeld immer breiter und damit die Chance, Überraschungen zu schaffen. Die finanzielle Zementierung der Tabelle, die Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen immer wieder beklagt, wird in dieser Saison bisher konsequent aufgebrochen. Einerseits von den vermeintlichen Spitzenklubs Schalke, Bremen und Stuttgart, die die untere Tabellenhälfte bevölkern. Vor allem aber von echten Kleinklubs (Mainz, Freiburg, Hannover) und geschrumpften Traditionsvereinen (Dortmund, Frankfurt), die sich mit kleinen Etats, aber kluger Personalpolitik und mutigen Konzepten bisher im und am oberen Tabellendrittel festsetzen.

"Ein gutes Konzept auf dem Platz kann die Etatunterschiede zumindest verkleinern", davon zeigt sich auch der Spielanalytiker Patrick Dippel von der Firma Mastercoach in der "taz" überzeugt. Dippels Begründung: Fitnesswerte und körperliche Voraussetzungen seien in der Liga mittlerweile fast identisch. Geschickte Transfers, das Vertrauen auf talentierte Nachwuchskräfte oder ein perfekt auf den Gegner zugeschnittener Matchplan - all dies kann allein oder in der Kombination schon reichen, um finanzielle Nachteile in der Bundesliga wettzumachen.

Weitere Nebenwirkung abseits der Nivellierung des Heimvorteils: Die Leistungsdichte steigt auf immer höherem Niveau, international hat die Bundesliga zumindest Italien schon wieder abgehängt und von der "Süddeutschen Zeitung" gar das Prädikat "Beste Liga der Welt" verliehen bekommen. Nicht nur auswärts geht es aufwärts.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen