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Nach seinem Suizid waren viele Menschen betroffen, schockiert: Robert Enke.
Nach seinem Suizid waren viele Menschen betroffen, schockiert: Robert Enke.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Fußball nach dem Tod von Robert Enke: Erst Schock, dann Trauer - und jetzt?

Von Stefan Giannakoulis

Als der Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke sich vor drei Jahren selbst tötete, war vielen klar, dass sich im Spitzensport etwas ändern muss. Und es hat sich tatsächlich etwas geändert, sagen einige Spieler. Doch die meisten haben immer noch Angst davor, über psychische Probleme zu reden. Aber ein Anfang ist gemacht.

Die Antwort ist ein klares Jein. Wenn die Menschen heute an Robert Enke denken, drängt sich die Frage unweigerlich auf: Hat sich irgendetwas geändert? Vor drei Jahren hat sich der Torhüter des Bundesligisten Hannover 96 umgebracht. Mit 32 Jahren. Dabei schien es, als sei er, der Nationalspieler, einer, der sein Leben auch außerhalb des Fußballplatzes im Griff hat. Dachten alle, ein fataler Irrtum. Robert Enke litt an Depressionen, er war innerlich zerrissen, er hatte Angst. Und hat das Leben am Ende nicht mehr ausgehalten.

Letztlich bleibt die Frage offen, ob Robert Enke die Depression nicht besiegen konnte, weil er als Profi im Licht der Öffentlichkeit stand und zu sehr unter der harten Männerwelt des Fußballs gelitten hat. Und sich deswegen nicht getraut hat, sich behandeln zu lassen. Oder ob sein Beruf für den Krankheitsverlauf eine eher untergeordnete Rolle spielte, weil die Krankheit jeden treffen kann, ob einer nun Gärtner, Arzt oder eben Fußballspieler ist.

Nach seinem Tod waren viele Menschen betroffen, schockiert. Und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie es ernst meinten. Theo Zwanziger, damals Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, hielt bei der öffentlichen Trauerfeier im Hannoveraner Stadion eine zu Recht viel beachtete Rede. Der Grundgedanke stammte zwar von Margot Käßmann, seinerzeit Bischöfin der evangelischen Kirche. Aber Zwanziger hat ihn zitiert: "Fußball darf nicht alles sein." Aber was hat sich geändert? Ist dieser bemerkenswerte Appell bei denen angekommen, für die Fußball eben doch sehr viel bedeutet, weil es ihr Beruf ist?

Spieler suchen sich häufiger Hilfe

Der Wille war da. Der Mikrokosmos Profi-Fußball wollte sich öffnen. Keine Tabus mehr, wenn einer psychisch krank ist. Einhellig forderten Spitzenfunktionäre, Trainer und Spieler ein rasches Umdenken, sie wollten Lehren aus dem tragischen Fall ziehen. Was ist davon geblieben, jetzt, drei Jahre danach? Die gute Nachricht ist: Es gibt erste Ansätze. Spieler suchen sich häufiger Hilfe, wenn sie Probleme haben. Experten wie der Psychiater Frank Schneider sprechen davon, dass die Hemmschwelle gesunken sei.

"Nicht schwermütig, sondern wir werden sprechen und Robert gedenken": Teresa Enke.
"Nicht schwermütig, sondern wir werden sprechen und Robert gedenken": Teresa Enke.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Professor aus Aachen koordiniert ein Netzwerk für psychisch kranke Spitzensportler. "Mental gestärkt" heißt die im September vergangenen Jahres gegründete Initiative, an der auch die Robert-Enke-Stiftung beteiligt ist, deren Vorsitzende seine Frau Teresa ist. "Wir haben ganz viele Anfragen von Leistungssportlern, die sich vor Enke nicht gemeldet hätten", sagt Frank Schneider. Aber: "Viele sind weiterhin scheu. Scheu in dem Sinne, wie es jeder Oberbürgermeister wäre, jeder Medienstar oder Fernsehansager."

Scheu, aber sie melden sich. Zumindest einige, 25 bis 30 sollen es in gut einem Jahr gewesen sein. Darunter mehr als ein Dutzend Fußballer der ersten und zweiten Bundesliga. Ein Anfang ist also gemacht, auch wenn Marion Sulprizio, Psychologin und Geschäftsführerin der Einrichtung sagt: "Die Dunkelziffer ist sicher hoch. Auf jeden, der sich an uns wendet, kommen mindestens zehn weitere, die Hilfe nötig hätten."Andreas Miller, Hannovers Ersatztorhüter, hat seine Probleme vor einem Jahr öffentlich gemacht. Er sprach von "mentaler Erschöpfung" und davon, dass er sich psychotherapeutisch behandeln lässt. Im September 2011 war das. Drei Monate später stand er wieder im Tor. Hinterher wurde er gefragt, ob er das im Zweifelsfall noch einmal so machen würde. "Ja, denn das war eine der wichtigsten und besten Entscheidungen meines Lebens", sagte er im Sommer der "Bild"-Zeitung. Und er sagte, dass er sich das ohne den Tod von Robert Enke nicht getraut hätte. 

Andreas Biermann erzählt das etwas anders. Zehn Tage nach Robert Enkes Tod und nachdem Teresa Enke bei einer Pressekonferenz über das Leiden ihres Mannes gesprochen hatte, hatte auch der ehemalige Profi des FC St. Pauli es gewagt, der Öffentlichkeit zu erzählen, dass er depressiv ist. Und versucht hat, sich umzubringen. "In der Beschreibung, wie sie ihren Mann gesehen hat, habe ich mich zu 100 Prozent wiedergefunden", erzählte er im November 2010 dem "Stern". Damals hoffte er, dass alles gut wird. Aber als sein Vertrag in Hamburg auslief, bekam er keinen neuen. Heute ist er, 32 Jahre alt, Spielertrainer in der Berliner Landesliga. Sein Fazit: "Die Befürchtungen, die ich hatte, bevor ich meine Krankheit öffentlich gemacht habe, haben sich bestätigt. Ich würde keinem depressiven Profi empfehlen, seine Krankheit öffentlich zu machen." Also alles beim Alten?

"Den Eindruck erwecken, dass sie die Fittesten sind"

Frank Schneider, der Psychiater, will das so nicht stehenlassen. "Wir haben den Eindruck, dass die Akzeptanz und die Aufmerksamkeit in den letzten zwei, drei Jahren höher geworden sind. Das betrifft die Spieler, die Angehörigen - manchmal ruft die Ehefrau oder die Freundin zuerst an. Das betrifft nicht nur Fußball, auch Sportarten wie Schwimmen und Basketball." Und haben die Betroffenen Angst, dass ihre Krankheit öffentlich wird? "Ich glaube, das wird überschätzt. Jemand der bekannt ist, der kommt manchmal lieber in der Dunkelheit. Wenn die dann mal eine Weile da sind, vielleicht auch stationär, ist das für sie so selbstverständlich und sie sehen andere, die das gleiche Probleme haben, die auch in der Öffentlichkeit stehen."

Aber auch Frank Schneider weiß, dass das nicht so einfach ist für Spitzensportler. "Die haben ein ganz kleines Zeitfenster, wo sie ganz viel Geld verdienen können. Die wollen in den paar Jahren den Eindruck erwecken, dass sie die Fittesten sind und dass sie am meisten Geld verdienen können." Und wenn sie eine psychische Krankheit haben, denken viele und auch die Berater: Jeder Makel ist schlecht. "Das ist schade."

"Fußball ist und bleibt eine Leistungsgesellschaft"

Das System Profifußball mit seinem Erfolgsdruck hat sich nicht verändert. Das war auch nicht zu erwarten. Aber es hat sich etwas getan. Hannovers Abwehrspieler Mario Eggimann, der mit Robert Enke in einer Mannschaft spielte, hat es auf den Punkt gebracht: "Fußball ist und bleibt eine Leistungsgesellschaft. Und in der Beziehung hat sich nichts geändert. Ich glaube aber, dass man seither offener mit dem Thema umgeht, und das ist gut so."

Teresa Enke jedenfalls will weiterkämpfen, auch wenn sie kritisiert, dass es immer noch nicht genügend Anlaufstellen für depressive Profis gibt. Vor allem nicht in den Vereinen, wie sie es im Interview mit der "Sport Bild" sagte. "Ein Sport-Psychologe ist in erster Linie dafür da, die Leistung der Spieler zu steigern, das Maximale herauszuholen. Es gibt eine enge Vernetzung mit dem Trainer-Team." Deswegen halten sich die Spieler zurück. Das ist ein Problem. Für Depression und Burn-out braucht man unabhängige Experten, ausgebildete Therapeuten. "Ein Psychiater kann nicht als Mitglied des Trainerteams arbeiten. Viele Vereine haben das noch nicht verstanden."

Dennoch ist sie überzeugt, dass die Arbeit ihrer Stiftung nun Früchte trägt: "Da bin ich sicher! Es gibt auch Vereine, die sich an uns wenden und Hilfe suchen. Mit denen arbeiten wir zusammen. Sie müssen sich vorstellen, dass wir damals selbst gar nicht wussten, wo wir mit Roberts Depressionen überhaupt hin sollten. Wir waren totale Autodidakten ohne irgendeine Anlaufstelle. Niemand sollte etwas mitbekommen, alles war geheim." Auch im Denken der Vereine habe sich da viel getan. Kein Verantwortlicher würde einem Spieler mit Problemen heute sagen: "Arschbacken zusammen und weitermachen!"

Am Todestag ihres Mannes trifft sich Teresa Enke mit Freunden in Hannover. "Jeder wird individuell für sich trauern. Danach werden wir zusammensitzen. Nicht schwermütig, sondern wir werden sprechen und Robert gedenken. Ich werde es nie verarbeiten, sondern lerne lediglich, damit zu leben."

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Quelle: n-tv.de

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