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Bajuwarischer Jubel in Gelsenkirchen: die Herren Robben, Lahm, Ribéry, Boateng, Kroos, Mandzukic und Alaba.
Bajuwarischer Jubel in Gelsenkirchen: die Herren Robben, Lahm, Ribéry, Boateng, Kroos, Mandzukic und Alaba.(Foto: REUTERS)

Schalkes staunende Statisten verkörpern das Dilemma: FC Bayern treibt die Liga in den Wahnsinn

Von Stefan Giannakoulis, Gelsenkirchen

Die Schalker haben das Problem, dass sie gegen den FC Bayern keine Chance haben. Doch sie sind auf gutem Weg, sich das Debakel schönzureden. Das Problem der Fußball-Bundesliga aber ist, dass sie wohl nie mehr so spannend sein wird, wie sie einst war. Die Münchener sind einfach zu dominant.

Was hätte er auch sagen sollen? Wir sind zu schlecht und melden uns vom Spielbetrieb ab? Wir können froh sein, dass wir nur vier Stück bekommen haben? Gegen die Bayern hast du eh keine Chance, die spielen in einer anderen Welt? Nein, natürlich nicht. Und so sagte Jens Keller, Trainer des Bundesligisten FC Schalke 04, am Ende eines für ihn arg unerfreulichen Abends im Gelsenkirchener Fußballstadion: "Wir werden diesen Rückschlag wegstecken."

Schalke - Bayern 0:4 (0:2)

Tore: 0:1 Schweinsteiger (21.), 0:2 Mandzukic (22.), 0:3 Ribéry (75.), 0:4 Pizarro (84.)

FC Schalke 04: Hildebrand - Uchida, Höwedes, Matip, Aogo - Jones, Neustädter (46. Höger) - Farfan, Boateng (81. Clemens), Draxler - Szalai. - Trainer: Keller

FC Bayern München: Neuer - Rafinha, Boateng, Dante, Alaba - Lahm - Robben (73. Thomas Müller), Schweinsteiger (78. Kirchhoff), Toni Kroos, Ribery - Mandzukic (81. Pizarro). - Trainer: Guardiola

Schiedsrichter: Gräfe (Berlin)
Zuschauer: 61.973 (ausverkauft)

Seine Mannschaft war gerade mit 0:4 (0:2) gegen den deutschen Meister, Pokalsieger, Gewinner der Champions League und Supercupsieger untergegangen, hatte also gegen den FC Bayern München verloren. Und auch Jens Keller dürfte aufgefallen sein, dass seine Spieler nach durchaus ordentlichen ersten 20 Minuten am Ende die mit 61.973 Zuschauern ausverkaufte Arena als staunende Statisten verließen. Ein Heimspiel mit vier Toren oder mehr hatten sie in Gelsenkirchen zuletzt vor mehr als 32 Jahren verloren - mit 0:6 gegen den VfL Bochum im Mai 1981. Die Bayern hingegen durften sich darüber freuen, mit der mutmaßlich stärksten Saisonleistung einen Gegner deklassiert zu haben, der von sich glaubt, in der Spitzengruppe der Liga mithalten zu können.

Josep Guardiola nahm das nach der Partie gerne auf und sprach davon, dass sein FC Bayern gegen "eine der besten Mannschaften der Bundesliga" gewonnen habe. "Am Ende haben wir dominiert und das Spiel sehr gut kontrolliert." Fast 70 Prozent Ballbesitz sprechen für sich. Münchens Trainer war sichtbar zufrieden, dass sein Team wieder "einen Schritt nach vorne" gemacht habe. Er wisse nur nicht, ob einen großen oder einen kleinen. Die Richtung jedenfalls stimmt. Von einem perfekten Spiel seiner Bayern wollte er allerdings nichts wissen. "Das hat es in der Geschichte des Fußballs noch nicht gegeben." Der inneren Logik seiner Argumentation folgend lautete sein Fazit: "Wir müssen uns noch verbessern."

Nur eine Spur von Kritik

Das dürfte nicht nur in den Ohren der bemitleidenswerten Schalker wie eine Drohung klingen. Die trösteten sich damit, gegen "eine der besten Mannschaften der Welt" verloren zu haben, wie Jens Keller sagte, der sich immerhin noch zu einer Spur von Kritik an seinen Schalkern durchringen konnte, die nach dem Doppelschlag der Bayern durch Bastian Schweinsteiger und Mario Mandzukic binnen 99 Sekunden Mitte der ersten Halbzeit mit der Begegnung abgeschlossen zu haben schienen. "Die Gegenwehr war nicht mehr so da, ich es mir gewünscht hätte." Die fidelen Fans der Schalker erkannten das schnell, feierten statt der Mannschaft lieber sich selbst und ignorierten weitgehend Frank Ribérys 0:3 (75.) und Claudio Pizarros 0:4 sechs Minuten vor Spielschluss.

Wenig Begeisterung über Schweinsteigers Jubel bei Schalke.
Wenig Begeisterung über Schweinsteigers Jubel bei Schalke.(Foto: AP)

Eine kluge Reaktion im Sinne des Selbstschutzes, die auch des Gegners Trainer imponierte. "Unglaublich", befand Josep Guardiola. Überhaupt sei er beeindruckt von der Stimmung in den Stadien. "Die german Leute müssen sehr stolz sein auf ihre Bundesliga." Ansonsten fand sich hinterher kaum ein Schalker, der nicht darauf verwies, zu Beginn des Spiels sei's doch ganz gut gewesen. Auch eine Art, sich selbst zu schützen. Kapitän Benedikt Höwedes räumte immerhin ein: "Wir haben es probiert - und sind dann an unsere Grenzen gestoßen."

Das ist allerdings kein Problem, dass nur den FC Schalke 04 betrifft. Sondern eines der gesamten Liga. International ist der FC Bayern das Aushängeschild, doch national gibt es nur eine Mannschaft, die mit den nun seit 31 Partien ungeschlagenen Münchnern ansatzweise mithalten kann. Ein Dilemma. Die Borussia aus Dortmund steht zwar, weil sie mehr Tore geschossen hat, punktgleich mit den Bayern an der Tabellenspitze, quälte sich aber an diesem sechsten Spieltag zu einem mageren 1:1 beim immer noch sieglosen 1. FC Nürnberg.

Schon verdammt nah am Ideal

Es spricht alles dafür, dass es auch in dieser Spielzeit so kommt wie in der vergangenen Saison: In den direkten Duellen begegnen sich Deutschlands Spitzenteams zwar auf Augenhöhe, die größere Siegeskonstanz in den Spielen gegen kleinere Mannschaften aber haben die Bayern. Das ist langweilig; und das Geschwätz von einer Liga, in der jeder jeden schlagen kann, nicht erst seit gestern nur noch Wunschdenken. Die Schalker jedenfalls waren am Samstag gegen die Münchner ohne Chance.

Dabei befindet sich die Mannschaft in der Findungsphase. Trainer Josep Guardiola ist seit dem Sommer im Dienst. Er arbeitet hartnäckig daran, seine Spieler zur totalen Flexibilität zu erziehen - mit dem Außenverteidiger Philipp Lahm als Sechser vor der Viererabwehrkette zum Beispiel. Und einem Schweinsteiger, der nach überstandener Verletzung nicht nur Thomas Müller aus der Startelf verdrängte, sondern mit Toni Kroos, Ribéry und Arjen Robben eine rastlose Viererbande im Mittelfeld bildete, die dem Ideal von der permanenten Rochade schon sehr nahe kam. In Gelsenkirchen trieben die Bayern mit ihrem Ballbesitzfußball den Gegner, wenn nicht in den Wahnsinn, so doch in die Enge. Am Ende war es wie in der Geschichte mit dem Hasen und dem Igel: Wo auch immer ein Schalker auftauchte, war ein Bajuware schon da.

Für Lahm und Schweinsteiger hatte ihr Trainer dann noch ein Extra-Lob parat: "Wir brauchen diese intelligenten Spieler im Mittelfeld. Spieler, die hundertprozentig wissen, was sie mit den Ball machen müssen." Was Josep Guardiola nicht sagte: Das mit der Langeweile ist mir völlig egal. Gegen meine Bayern habt ihr keine Chance.

Quelle: n-tv.de

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