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(Foto: imago/DeFodi)

Gladbach in der Krise: Favre hat keine Zeit - und braucht sie doch

Von Constantin Eckner

Drei Spiele. Null Punkte. Letzter Platz. Die Champions League vor der Brust, legt Borussia Mönchengladbach in der Fußball-Bundesliga einen veritablen Fehlstart hin. Dabei sind die Ansprüche unter Trainer Lucien Favre gestiegen. Gibt es Hoffnung?

Drei Pleiten zum Saisonstart der Bundesliga setzten auch Lucien Favre zu. "Es fehlen ein paar Prozent", analysierte der Schweizer, der häufig als eine Art Fußballprofessor auftritt, nach der jüngsten Niederlage seiner Mönchengladbacher Borussia bei Werder Bremen. Der Trainer weiß, 95 oder 96 Prozent sind zu wenig. Dabei sind ihm derartige Schwächephasen nicht neu.

Bei Hertha BSC, seiner ersten Station in Deutschland, wurde er nach einer überragenden Spielzeit 2008/2009 in der darauffolgenden Hinrunde entlassen, weil die Berliner, von Abgängen geschwächt, sechs Spiele in Folge verloren. Mit Gladbach erlebte er vor drei Jahren einen ähnlichen Saisonstart mit sieben sieglosen Partien an den ersten acht Spieltagen. Auch damals musste Favre schwere Verluste in seinem Kader kompensieren. Dante, Roman Neustädter und Marco Reus heuerten bei finanzstärkeren Bundesligisten an. In diesem Sommer waren es Christoph Kramer und Max Kruse, die die Fohlen verließen.

Nie auf Ballbesitzspiel ausgelegt

Und erneut hakt es im Getriebe der Gladbacher. Favres spielerischer und taktischer Ansatz lebt von enormer Präzision und Disziplin. Er, der früher selbst ein spielintelligenter Mittelfeldakteur war, vertraut bedingungslos auf eine 4-4-2-Grundordnung. Auf den Sechserpositionen stehen die Strategen, auf den Außen jagen schnelle Sprinter a la Ibrahima Traoré, Patrick Herrmann oder André Hahn die Linie entlang. Im Optimalfall werden sie am Ende eines Konters auf der ballfernen, offenen Seite angespielt und vollenden den Spielzug.

Beim Bundesligaauftakt gegen Borussia Dortmund rückten Xhaka und Stindl in einigen Situationen heraus, um die BVB-Sechser Gündogan und Weigl zu bewachen. Allerdings wurde so der Zwischenlinienraum offen gelassen. Das sollte im System Favre nie passieren.
Beim Bundesligaauftakt gegen Borussia Dortmund rückten Xhaka und Stindl in einigen Situationen heraus, um die BVB-Sechser Gündogan und Weigl zu bewachen. Allerdings wurde so der Zwischenlinienraum offen gelassen. Das sollte im System Favre nie passieren.

Konter sind eine Waffe im System Favre, das nie auf dominantes Ballbesitzspiel ausgelegt war. Vielmehr versuchen die Fohlen zunächst die eigene Defensive so kompakt wie möglich zu gestalten. Es wird nur sehr selten hoch gepresst. In der vergangenen Saison hatte Gladbach neben dem 1. FC Köln die niedrigste Aktionsrate im gegnerischen Defensivdrittel. Die zwei Viererketten sollen eng aneinander stehen. So ließen die Gladbacher in der Vergangenheit ihre Gegner häufig in die eigene Spielhälfte eindringen, aber der Weg zum Tor von Yann Sommer war weitestgehend versperrt. 2014/15 kamen gegnerische Schüsse zu 51 Prozent von außerhalb des Strafraums. Die Gladbacher waren damit Bundesliga-Spitze, obwohl sie 15,4 gegnerische Schüsse zuließen, was wiederum einer der schlechtesten Werte war. Doch die Fohlen verhinderten überdurchschnittlich oft den Abschluss aus wirklich guter Position. Nur viereinhalb Schüsse des Gegner kamen im Schnittauf das eigene Tor.

Nun ist dieses stabile Gebilde auseinandergebrochen. Woran liegt's? Gerade im ersten Spiel, beim 0:4 bei Borussia Dortmund, wurde die junge und unerfahrene Innenverteidigung mit Marvin Schulz und Andreas Christensen für eine Begründung herangezogen. Sicherlich hat ein Ausfall der etatmäßigen Abwehrzentrale immer Probleme zur Folge, wobei auch zum Beispiel Routinier Roel Brouwers keine Verbesserung bewirkte. Aber die Innenverteidigung war bis jetzt lediglich das letzte Glied in der Kette.

Kramer stopfte Xhakas Lücken

Ein entscheidender Faktor ist der Verlust von Christoph Kramer, der zu Bayer Leverkusen zurückkehrte. Im zentralen Mittelfeld spielte Weltmeister Kramer in der Regel an der Seite von Granit Xhaka. Jener wurde nach der letzten Spielzeit für seine Leistungen von vielen Seiten gelobt. Allerdings liegt in der Betrachtung von Xhaka ein ähnlicher Trugschluss wie im Fall des Neu-Schalkers Johannes Geis vor. Xhaka und Geis wirken auf dem Spielfeld sehr dominant, weil sie viele Ballkontakte im Spielaufbau haben, die ersten eröffnenden Pässe oder auch lange Diagonalbälle spielen können. Diese Stärken wird Xhaka niemand absprechen. Aber wenn es um die passende Besetzung von Räumen geht, schwächelt der Schweizer. Oftmals rückt er im falschen Moment heraus oder lässt sich zu einem ungünstigen Zeitpunkt zurückfallen.

Eine beispielhafte Szene aus dem Heimspiel gegen Mainz. Xhaka sicherte zunächst an der linken Seite den Außenverteidiger ab, der etwas verspätet zurückkam. Anschließend bewegte sich Xhaka allerdings nicht sofort wieder zurück ins Zentrum. Dort wiederum versuchte Stindl direkt den ballführenden Mainzer Baumgartlinger zu attackieren, was misslang, während der Raum vor der Abwehr einmal mehr entblößt wurde.
Eine beispielhafte Szene aus dem Heimspiel gegen Mainz. Xhaka sicherte zunächst an der linken Seite den Außenverteidiger ab, der etwas verspätet zurückkam. Anschließend bewegte sich Xhaka allerdings nicht sofort wieder zurück ins Zentrum. Dort wiederum versuchte Stindl direkt den ballführenden Mainzer Baumgartlinger zu attackieren, was misslang, während der Raum vor der Abwehr einmal mehr entblößt wurde.

Sein Nebenmann Kramer konnte das zuletzt noch ausbügeln, weil dieser eine herausragende Laufstärke und Übersicht mitbringt. Sein designierter Nachfolger Lars Stindl, der von Hannover nach Mönchengladbach wechselte, konnte diese anspruchsvolle Aufgabe nicht stemmen. Ähnlich wie Xhaka bevorzugt auch Stindl eher herausrückende Bewegungen im Mittelfeld und ist nicht der absichernde Part. Der 27-Jährige müsste theoretisch häufiger in die Nähe der Stürmer vorrücken und aus engen Situationen heraus Torchancen kreieren. Allerdings fehlt dafür wiederum der passende Nebenmann, der im Rückraum Sicherheit bietet. Erneut kommt der Name Kramer in den Sinn.

Beim 1:2 in Bremen wurde Stindl bereits nicht mehr als Sechser sondern im Angriff eingesetzt. Denn dort besteht eine zweite Baustelle für Lucien Favre. Nationalstürmer Max Kruse war von seinen fußballerischen Anlagen her wie dafür geschaffen, in Favres 4-4-2 zu spielen. Der Gladbacher Trainer erwartet von seinen beiden Angreifern vor allem intelligente Bewegungen und präzise Pässe auf die heranstürmenden Flügelakteure. Kruse war der etwas offensivere Angreifer, hinter dem der kreative Brasilianer Raffael spielte.

Als Ersatz verpflichten die Fohlen mit Josip Drmić einen auf den ersten Blick ähnlich veranlagten Spielertypen. Auch er ist eine Mischung aus Mittelstürmer und "schwimmendem" Neuner, verfügt aber nicht über das hohe Maß an Spielintelligenz eines Kruse. So wird Drmić im Moment von der anspruchsvollen Aufgabe überfordert. Favre versuchte es gegen Mainz 05 mit Thorgan Hazard in der Spitze. Am Sonntag beim SV Werder durfte es Stindl neben Raffael probieren.

Es war eine merkliche Verbesserung zu beobachten, aber anders als noch vor einigen Monaten gerät Gladbach häufiger in Rückstand. Neben taktischen Gründen spielen auch individuelle Aussetzer eine Rolle. Einmal in Rückstand müssen die Fohlen gegen tiefstehende Gegner anrennen, was noch nie ihre Stärke war. Favres taktisches Gefüge ist nicht beständig gegen Widrigkeiten, wie es vielleicht bei anderen Top-Teams der Fall ist. Kleine Veränderungen haben den Schweizer einmal mehr zurückgeworfen und er muss einen Neuaufbau starten, hat aber eigentlich nicht die notwendige Zeit dafür. Denn in Mönchengladbach ist die Erwartungshaltung gewachsen. Auch dafür hat Favre in der jüngeren Vergangenheit gesorgt.

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Quelle: n-tv.de

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