Sport
Der Lehrmeister und sein Musterschüler: Unter dem langjährigen Fifa-Präsidenten Joao Havelange wurde die Fifa zum Korruptionsstadel. Ein System, das Joseph Blatter (r.) nach seiner Amtsübernahme 1998 weiter gedeihen ließ.
Der Lehrmeister und sein Musterschüler: Unter dem langjährigen Fifa-Präsidenten Joao Havelange wurde die Fifa zum Korruptionsstadel. Ein System, das Joseph Blatter (r.) nach seiner Amtsübernahme 1998 weiter gedeihen ließ.(Foto: dpa)

Absolution im weltgrößten Korruptionsskandal: Fifa wäscht ihren Boss Blatter rein

Von Christoph Wolf

Wie groß der Skandal auch ist, Joseph Blatter kommt ungeschoren davon. Auch in der Schmiergeldaffäre um den Sportrechtevermarkter ISL. Dem Präsidenten der Fifa stellt die verbandseigene Ethik-Kommission einen Persilschein aus. Obwohl er die Korruption über Jahre duldet und deckt.

Der Pate des Korruptionsstadels Fifa ist zurückgetreten, sein Musterschüler bleibt im Amt: Mit dem erzwungenen Rücktritt von Ehrenpräsident Joao Havelange hat der Fußball-Weltverband den größten bekannten Korruptionsfall im Sport, die ISL-Affäre, für beendet erklärt. Aufgeklärt hat er ihn nicht. Im neunseitigen Abschlussbericht des Münchner Richters Hans-Joachim Eckert als Vorsitzendem der Fifa-Ethikkommission wird Havelange eine "moralisch und ethisch verwerfliche Handlungsweise" bescheinigt, weil er sich jahrelang mit Millionenbeträgen vom früheren Sportrechtevermarkter ISL bestechen ließ.

Bereits am 18. April habe Havelange deshalb seinen Titel als Ehrenpräsident zurückgegeben, was die Fifa bislang verheimlichte. Mit seiner Demission kam Havelange seinem Rauswurf zuvor, der beim Fifa-Kongress Ende Mai angestanden hätte. Da auch der ebenfalls bestochene Paraguayer Nicolas Leoz das Fifa-Exekutivkomitee verlassen habe, seien keine weiteren Maßnahmen erforderlich oder weitere Verfahren gegen Fifa-Offizielle angezeigt.

Was ist der ISL-Skandal?

Im ISMM/ISL-Skandal geht es darum, dass der frühere Rechtehändler ISMM/ISL jahrelang hochrangige Sportfunktionäre bestochen hatte, um lukrative Marketingverträge zu erhalten. Dokumentiert sind Zahlungen von 142 Millionen Schweizer Franken von 1989 bis zum ISL-Konkurs im Jahr 2001. Die Dunkelziffer wird von Experten weitaus höher angesetzt.

Zu den bekannten Empfängern der Gelder gehörten mehrere hochrangige Fifa-Funktionäre, auch Blatters Vorgänger als Fifa-Präsident, Joao Havelange. Belegt sind Zahlungen von 21,9 Mio. Franken an Havelange und Ricardo Teixeira, rund 1,1 Mio. Franken an Nicolas Leoz und 24.700 Franken an Issa Hayatou.

Seinem skandalumtosten Präsidenten Joseph Blatter, als Generalsekretär jahrelang rechte Hand von Havelange, stellt Fifa-Chefethiker Eckert hingegen einen Persilschein aus. Die Befürchtungen von Fifa-Kritikern werden dabei sogar noch übertroffen. Trotz eingestandener Kenntnisse der Vorgänge, die unter anderem in der ISL-Einstellungsverfügung aus dem Jahr 2010 dokumentiert sind, kommt Blatter ohne persönliche Konsequenzen davon. Als Begründung führt Eckert fehlende Strafgesetze und Ethik-Normen in der Fifa an. Zudem habe Blatter nie selbst Schmiergelder angenommen. Dieser Fakt war aber ohnehin unstrittig. Vielmehr ging es darum, dass Blatter die Selbstbereicherung hochrangiger Fifa-Funktionäre über Jahre geduldet und gedeckt hat.

Absolution auf neun Seiten

In der Erklärung von Eckert zum Abschlussbericht des Chefermittlers Michael J. Garcia, der die ISL-Affäre für die Fifa federführend untersucht hatte, wird Blatter damit de facto reingewaschen. Gerichtsfeste Beweise für eine aktive Komplizenschaft des Schweizers werden ignoriert, die geforderte Demission Blatters abgebügelt, lediglich eine Rüge wird dem 77-jährigen Schweizer erteilt - in einer Art und Weise, die selbst auf hartgesottene Fifa-Insider befremdlich wirkt. Das erklärte der Schweizer Journalist Jean-Francois Tanda von der "Handelszeitung" gegenüber n-tv.de.

Der Abschlussbericht zeige laut Tanda, "dass Eckert sein Amt als Fifa-Richter nur als Nebenjob macht". Der Bericht sei, "man muss es so sagen, einfach runtergerotzt". Der Kameruner Issa Hayatou etwa, der gerichtsfest belegt 24.700 Franken an ISL-Schmiergeld erhalten hat und als Fifa-Vizepräsident weiter Mitglied der Exekutive ist, wird von Eckert nicht einmal erwähnt. Auch Blatter selbst kommt für Tanda "zu gut davon, wenn er als ungeschickt, mitunter als naiv oder ähnlich bezeichnet wird". Genau dies tut Eckert auf Seite 5 seines Berichts, dort stellt er die Frage: "Kritisch hinterfragt werden muss jedoch, ob Präsident Blatter in den Jahren vor dem Konkurs der ISL wusste oder hätte wissen müssen, dass die ISL an andere Fifa-Offizielle Zahlungen (Schmiergeld) getätigt hat."

Für Tanda stellt sich die Frage gar nicht: "Blatter wusste immer - das jedenfalls sagen ehemalige Führungskräfte bei der ISL - dass Schmiergelder bezahlt wurden. Blatter selbst nannte diese Gelder spöttisch 'oxygen', also Sauerstoff. 'Aha, der Präsident (Havelange) braucht wieder Sauerstoff', pflegte Blatter laut Ex-ISL-Chefs zu sagen."

TI ist empört

Auch für die Anti-Korruptions-Expertin Sylvia Schenk (Transparency International) ist die  vordergründig erteilte Absolution für Blatter ein Unding: "Der Bericht ist sehr unbefriedigend und  drückt sich um die eigentlichen Fragen. Ethisches Verhalten und  Integrität beginnen nicht erst an der Strafrechtsgrenze. Auch wenn es damals noch keinen Ethik-Code bei der Fifa gab, so gab  es schon eine Olympische Charta, die die damaligen Vorgänge auch  seinerzeit schon verboten hätte. Wäre das alles bekannt geworden,  hätte es auch damals einen Aufschrei gegeben."

Blatter selbst, der gegenüber Fifa-Ermittler Michael J. Garcia  (USA) anders als noch 2011 bei Aufdeckung des Skandals Insiderwissen  über ISL-Zahlungen an Havelange bestritt, sieht seine Weste endgültig reingewaschen. "Ich stelle insbesondere fest, dass 'der  Fall ISL für die Ethikkommission abgeschlossen ist'. Ich stelle mit Zufriedenheit  fest, dass in diesem Bericht bestätigt wird, dass 'das Verhalten von  Präsident Blatter unter keinerlei Fehlverhalten von Ethikregeln  fallen konnte'", ließ der Fifa-Boss gewohnt selbstgefällig wissen.

Auf die zahlreichen Hinweise im Eckert-Report, dass in der Fifa bis 2004 keine Ethik-Regeln galten und nur deswegen in den 1990er Jahren Verstöße gegen Ethik-Regeln nicht möglich waren, ging Blatter in seiner Stellungnahme nicht ein. "Es ist nicht vorstellbar, dass er in seiner damaligen Funktion das System nicht  gekannt hat", meinte Schenk dazu.

Skandal nur für die Fifa ausgestanden

Jean-Francois Tanda erwartet nicht, dass der ISL-Skandal für die Fifa ausgestanden ist. "Der Fall ISL ist für die Fifa nun beendet. Aber für Journalisten nicht. In Liechtenstein lagern noch zahlreiche Akten, die Aufschluss über die Empfänger der ISL-Schmiergelder geben könnten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese öffentlich werden", sagte er n-tv.de.

Der Fifa-Reformprozess, an dessen Spitze sich Blatter nach der Veröffentlichung des Eckert-Reports noch einmal stellte, ist für Tanda eine "totale Farce, daran besteht kein Zweifel". Die Rücktritte von Havelange und Leoz seien begrüßenswert. Dass aber Blatter, der das Havelange-System des Geben und Nehmens weitergeführt hat, immer noch im Amt ist, befremdet". Eine echte Reform der Fifa, davon ist Tanda überzeugt, "ist nicht möglich, solange Blatter im Amt bleibt".

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen