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Ein Unentschieden gegen den Weltmeister: Die Fans der irischen Mannschaft feiern in der Arena auf Schalke den Ausgleich.
Ein Unentschieden gegen den Weltmeister: Die Fans der irischen Mannschaft feiern in der Arena auf Schalke den Ausgleich.(Foto: picture alliance / dpa)

Durm jammert, Hummels schmollt: Gierige Iren rauben DFB-Elf letzten Nerv

Von Stefan Giannakoulis, Gelsenkirchen

Die Weltmeister leiden. Woran es liegt? Die DFB-Elf schießt neuerdings nicht mehr Tore als der Gegner - auch nicht gegen Irland. Die feiern, während die Deutschen das "höchst unverdient" finden. Löw spricht von Naivität.

Sie hatten den Papp auf, was genug ist, ist schließlich genug. "Die Iren hatten 90 Minuten keine Torchance, nicht dass ich mich erinnern kann", klagte Erik Durm stellvertretend für seine Kollegen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. "Und dann machen sie in der 94. Minute das Tor. Das ist natürlich höchst unverdient." Wie gemein. Was er nicht sagte: Es war auch höchst dumm, dass sie dieses Tor zugelassen hatten.

So aber war alles, was blieb von diesem Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft, ein 1:1 am Ende eines für die DFB-Elf recht freudlosen Dienstagabends in Gelsenkirchen. Dabei hatte es, nachdem Toni Kroos in der 71. Minute die grüne Abwehrwand überwunden hatte, vor 51.204 Zuschauern im nicht ausverkauften Stadion nach einem mühsamen, aber eben verdienten Sieg des Weltmeisters ausgesehen. Doch dann kam John O’Shea - und traf. Die irischen Fans konnten nicht genug bekommen und bemühten den Depeche-Mode-Klassiker: "I just can‘t get enough!" Sie feierten das Unentschieden wie einen Sieg.

Deutschland - Irland 1:1 (0:0)

Tore: 1:0 Kroos (71.), 1:1 O'Shea (90.+4)

Deutschland: Neuer - Rüdiger, Boateng, Hummels, Durm - Ginter (46. Podolski), Kroos - Bellarabi (87. Rudy), Götze, Draxler (70. Kruse) - Thomas Müller

Irland: Forde - Meyler, O'Shea, Wilson, Ward - McGeady, Whelan (54. Hendrick), Quinn (76. Hoolahan), McClean - Walters - Keane (63. Gibson)

Referee: Skomina Zus: 51.204
Schüsse: 23:4 Ecken: 9:1 Ballbes: 63:37

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Noch in der Straßenbahn sangen sie zur Melodie von "Yellow Submarine": "We all dream of a team of John O’Shea." Müssen wir nicht übersetzen, oder? Bundestrainer Joachim Löw jedenfalls dürfte von einer Mannschaft geträumt haben, die zumindest in der Lage ist, einen knappen Vorsprung gegen, wenn auch nicht gesanglich, so doch fußballerisch limitierte Iren über die Zeit zu bringen. "In den letzten paar Minuten waren wir einfach zu naiv." Die deutschen Spieler in der Einzelkritik.

Manuel Neuer: Der 28 Jahre alte Torhüter des FC Bayern war in seinem 56. Länderspiel in der alten Gelsenkirchener Heimat nahezu arbeitslos. War beim Gegentor, anders als beim ersten Treffer am Samstag in Warschau, ohne jede Schuld. Rang hinterher erst um Fassung. "Wir haben doch alles im Griff gehabt." Legte dann den Finger in die Wunde: "Das war kein Pech, das haben wir uns selbst eingebrockt." Und doch wollte er nach diesem 1:1 und dem 0:2 gegen Polen "daran erinnern, dass wir in beiden Spielen guten Fußball gespielt haben".

Antonio Rüdiger: Der 21 Jahre alte Aushilfsaußenverteidiger des VfB Stuttgart führte sich gut in sein viertes Länderspiel ein, indem er in der ersten halben Stunde einmal den Ball aufs irische Tor schoss und zweimal köpfte. Allerdings sah er auf der rechten Seite gegen James McClean nicht immer gut aus, besonders schlecht nach 34 Minuten, als der Ire ihn sauber austanzte. Es gilt das, was auch schon nach dem Spiel in Polen galt: Rüdiger ist als gelernter Innenverteidiger keiner, der sich mit Nachdruck für den Job empfahl, den einst Philipp Lahm ein Jahrzehnt in Weltklassemanier erledigte. Andererseits: Er ist ja noch jung. Also Rüdiger, nicht Lahm. Der will ja nicht mehr.

Jérôme Boateng: Hatte den Iren, der noch beim 7:0 gegen, nun ja, Gibraltar, mit drei Toren geglänzt hatte, jeder Zeit im Griff. Kapitän Robbie Keane sah kein Land, der 26 Jahre alte Innenverteidiger des FC Bayern lieferte auch in seinem 49. Länderspiel eine souveräne Partie, wehrte ab, was abzuwehren war, zweikampfstark und stets richtig postiert. Er ist und bleibt die Coolness in Person, beteiligte sich mit klugen Pässen am Aufbauspiel und hat neuerdings sogar den Hackentrick in seinem Repertoire. Wobei - zufrieden war er natürlich nicht. Schon nach er Niederlage in Warschau hatte er zur Selbstkritik gemahnt, auf Schalke knüpfte er dort an: "So ein Spiel müssen wir über die Zeit bringen, da darf man nicht einfach ein Tor kassieren. Wir haben um den Ausgleich gebettelt." Seine Forderung: "Jetzt muss jeder Verantwortung übernehmen." Wird sich bestimmt jemand finden im nächsten Qualifikationsspiel Mitte November - gegen Gibraltar.

Mats Hummels: Wir legen uns mal fest: Der Ausgleich geht nicht auf seine Kappe. Vielleicht hätte er den Zweikampf gegen O’Shea gewinnen können. Vielleicht hätte aber auch einer seiner Kollegen Wesley Hoolahan daran hindern können, den Ball in den Strafraum zu flanken. Das klingt zwar ein bisschen nach der berühmten Fehlerkette, an deren Ende der schuldlose Innenverteidiger steht. Aber wir legen uns fest. Und auch sonst kann der 25 Jahre alte Dortmunder behaupten, dass sein 38. Länderspiel ein gutes war. Mit Boateng ist und bleibt er gesetzt. Was ihm aber offenkundig wenig Freude bereitete: "Man wird mir wieder die Schuld geben, aber meiner Meinung nach kann ich nur noch versuchen zu retten."

Erik Durm: Der 22 Jahre alte Dortmunder war, wie eingangs zitiert, nach seinem fünften Länderspiel höchst unzufrieden mit dem Ausgang des Spiels. Dabei hatte er gleich nach fünf Minuten eine starke Szene, als er den Ball aus 25 Metern an die Latte des von David Forde gehüteten Tores der Iren schoss. Apropos Forde: Der war in den 94 Minuten 66 Mal am Ball - öfter als jeder seiner Mitspieler. Aber das nur am Rande. Es geht ja um Durm. Der hatte in der 85. Minute eine zweite sehr starke Szene, als per Grätsche den Ausgleich der Gäste verhinderte. Der dann allerdings neun Minuten später fiel. Ansonsten verhielt er sich nahezu tadellos. Und empfahl sich als einer, der den Job als linker Außenverteidiger des DFB-Teams durchaus noch häufiger machen könnte.

Matthias Ginter: Der 20 Jahre alte Verteidiger des BVB kam zu seinem fünften Länderspiel, weil ihn der Bundestrainer nach dem krankheitsbedingtem Ausfall des Mönchengladbachers Christoph Kramer auf die Position neben Toni Kroos im defensiven Mittelfeld beordert hatte. Was Ginter in Ordnung fand: "Im Verein habe ich das auch schon das eine oder andere Mal gespielt." Er bemühte sich stets - und wurde zur Halbzeit ausgewechselt. Was er nicht sonderlich schlimm fand: "Das war der Situation geschuldet, kein Problem." Für ihn kam Lukas Podolski, 29 Jahre alt. Und die Situation war die, dass er in seinem 120. Länderspiel für mehr Schwung im Angriff sorgen sollte - was ihm zunächst auch gelang. Vier Minuten später schoss er den Ball auf des Gegners Tor, allerdings bekam Forde noch die Finger dazwischen. Danach aber verfing auch er sich in der grünen Wand und beteiligte sich nur sporadisch am Rochadespiel seiner Kollegen. "Die Enttäuschung ist groß, das ist bitter", sagte er hinterher. Sein Fazit der Spiele gegen Polen und Irland: "Was am Ende nicht stimmt, ist die Punktezahl. Und das zählt im Fußball."

Toni Kroos: Dass der 24 Jahre alt Mecklenburger in Diensten von Real Madrid auch in seinem 55. Länderspiel die meisten Ballkontakte hatte, dürfte niemanden überraschen. Auch nicht, dass die allermeisten seiner Pässe dort ankamen, wo sie ankommen sollten - beim Mitspieler nämlich. Was das betrifft, spielt er auf konstant hohem Niveau. Und er hat, auch nicht unwichtig, mit einem sehr präzisen Schuss nach 71 Minuten die Führung erzielt. Es war sein achtes Tor im Dress des DFB. Alles in allem reicht das, um ihm die inoffizielle Auszeichnung des besten deutschen Spielers zu verleihen. Nach der Partie war er derjenige, der die klarsten Worte fand: "In den letzten fünf Minuten spielen wir 20 lange Bälle - die haben wir vorher ein Jahr lang nicht gespielt. Das ist für mich unverständlich." Ansonsten attestierte er sich und seinem Team zwar ein gutes Spiel. Aber: "Dass wir beim Gegentor einen Schritt zu spät komme, ärgert mich nicht so sehr wie unsere Spielweise in den letzten fünf Minuten. Für mein Tor kann ich mir leider jetzt nicht so viel kaufen."

Karim Bellarabi: Zweites Länderspiel, zum zweiten Mal in der Startelf auf der rechten Angriffsseite - 24 Jahre alte Leverkusener legt den Grundstein für eine vielversprechende Karriere. In Warschau war er noch der auffälligste Spieler, auch gegen die Iren begann er gut, dribbelstark wie er ist. Doch irgendwann wirkte auch er ein wenig ermüdet und entnervt ob der massiven Abwehr der Gäste. Im Gegensatz zur Niederlage in Polen vergab er nicht zahlreiche gute Torchancen - er hatte kaum welche. Als alles vorbei war, präsentierte er sich nicht in Plauderlaune. Wortlos, den Kopf gesenkt und den Blick auf seinem Handy hastete er an den Journalisten vorbei. Dabei hätte er sich wirklich nicht verstecken müssen. Kurz vor dem Ende der Partie war der gleichaltrige Hoffenheimer Sebastian Rudy für ihn ins Spiel gekommen. Mutmaßlich sollte er als Spezialist für die Defensive helfen, den knappen Vorsprung über die Zeit zu retten. Nun ja. Sein viertes Länderspiel.

Mario Götze: Hat dieses Mal tatsächlich etwas gesagt. Nämlich: "Wir haben super gespielt. Es ist sehr, sehr ärgerlich, wie es gelaufen ist." Das mit dem super muss man nicht teilen. Und ärgerlich hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. "I just cant get enough!" Kleiner Jokus. Apropos gelaufen: Der 22 Jahre alte Mittelfeldspieler des FC Bayern lief in seinem 39. Länderspiel, diesmal auf zentraler Position, unheimlich viel; hin und her und her und hin - immer am Strafraum der Iren entlang. Er hat es versucht. Aber super? Eher nicht. Dafür war er nicht effektiv genug. Zum Bespiel in der 80. Minute, als er die Chance zum 2:0 vergab. Ansonsten stand stets ein Ire im Weg. Oder besser: zwei, drei oder vier Iren. Wie ärgerlich.

Julian Draxler: Der 15. Auftritt in Deutschlands wichtigster Fußballmannschaft war ein Heimspiel für den 21 Jahre alten Schalker. Aber um mit dem Kollegen Kroos zu sprechen: Kann er sich auch nichts für kaufen. Weder vor der Pause auf dem linken Flügel, noch in der etwas besseren zweiten Halbzeit an der Seite von Götze in der Zentrale lieferte der dem Bundestrainer Argumente in eigener Sache und für einen Stammplatz in der Startelf. Nach 70 Minuten war Schluss, der 26 Jahre alte Mönchengladbacher Max Kruse kam in die Partie und zu seinem achten Länderspiel. Gab prompt die Vorlage zum Kroos’schen Führungstor. Ansonsten hatte er das gleiche Problem wie seine Kollegen: die grüne, irische Abwehrwand.

Thomas Müller: Zum zweiten Mal hintereinander musste der 25 Jahre alte Flügelspieler des FC Bayern auch in seinem 60. Länderspiel den Part der Sturmspitze übernehmen. Nicht, dass dieser Müller keiner wäre, der Tore schießen könnte. Hat er schließlich für die DFB-Elf schon 24 Mal getan. Aber um seine Stärken auszuspielen, braucht er halt ein wenig Platz. Und den ließen ihm diese gemeinen Iren partout nicht. Wie gemein.

Quelle: n-tv.de

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