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Weitermachen oder abbrechen? Schiedsrichter Wolfgang Stark entschied sich dafür, das Spiel wieder anzupfeifen.
Weitermachen oder abbrechen? Schiedsrichter Wolfgang Stark entschied sich dafür, das Spiel wieder anzupfeifen.(Foto: dpa)

Skandalspiel bei Fortuna Düsseldorf: "Hertha hätte nicht weiterspielen dürfen"

Am Ende des Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC laufen Düsseldorf-Fans auf das Spielfeld, noch bevor Schiedsrichter Wolfgang Stark die Partie abpfeift. Viele erwarten einen Spielabbruch. Doch nach einer 20-minütigen Unterbrechung setzt der Unparteiische die Begegnung fort. Hertha BSC will nun Protest einlegen gegen die Wertung des Spiels. Was macht der Deutsche Fußball-Bund nach dem Chaosspiel? Im Gespräch mit n-tv.de analysiert Sportrechtler Siegfried Fröhlich die Chancen für einen Protest gegen die Wertung des Spiels. Der Jurist spricht auch über die Entscheidung der Berliner, das Spiel fortzusetzen, das Regelwerk des DFB und über politische Urteile.

Der Jurist Siegfried Fröhlich.
Der Jurist Siegfried Fröhlich.

n-tv.de: Wenn Sie die juristische Brille mal abnehmen: Wie haben die Ereignisse beim Relegationsrückspiel in Düsseldorf auf Sie als Zuschauer gewirkt?

Siegfried Fröhlich: Offensichtlich haben wir in Deutschland die Tendenz, dass man nach Spielende das Feld stürmt. Das sind unhaltbare Zustände, bei aller Freude über den Aufstieg. Letztlich ist es so, dass jeder Zuschauer eine Karte hat, die ihm einen gewissen Teil des Stadions zuweist. Nur auf den Karten steht in aller Regel Tribüne und nicht Rasen. Wenn die Zuschauer auf den Rasen rennen, hat das mit der Freude am Sieg nichts mehr zu tun. Das ist eine moderne Form des Vandalismus.

Hat es so etwas schon mal gegeben?

Der 1. FC Kaiserslautern ist 1991 in Köln deutscher Meister geworden. Da haben die Lauterer Fans schon während des Spiels mehrmals den Platz gestürmt. Es kam zu mehreren Unterbrechungen, bis das Spiel dann auch wirklich abgepfiffen wurde.

Würden Sie Protest einlegen, wenn Sie Verantwortlicher bei Hertha wären?

Ja, selbstverständlich. Weniger, weil ich glaube, dass der Verein damit ernsthafte Chancen hat. Aber es geht um Millionen Euro. Bei der ersten und zweiten Bundesliga gibt es enorme Unterschiede auf der Einnahmenseite. Die Hertha-Führung stand in den letzten Monaten heftig in der Kritik. Da will man sich nicht den Vorwurf gefallen lassen, es nicht wenigstens versucht zu haben.

Wie aussichtsreich ist das?

Bei nüchterner Betrachtung ist es fraglich, ob man damit durchkommt. Ich glaube, das wird schwer.

Wieso?

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Wir waren alle nicht in den Katakomben dabei. Wir wissen nicht, warum der Schiedsrichter das Spiel wieder angepfiffen hat und welche Kommunikation dem vorausging. Von außen ist das immer schwer einzuschätzen. Man müsste genau wissen, was zwischen Abbruch des Spiels und der Fortsetzung passiert ist.

Was sieht denn das Regelwerk des DFB für solche Fälle vor?

Dass die Nachspielzeit des Spiels von außen vorgegeben wird, gibt es ja erst seit einigen Jahren. Da sagt das Regelwerk ganz klar: Der Schiedsrichter kann die Nachspielzeit verlängern, aber nicht verkürzen. Das heißt, kommt es zu einer Beendigung des Spiels vor Ablaufen der angezeigten Zeit, ist das Spiel nicht ordnungsgemäß beendet. Deswegen wollte der Schiedsrichter das Spiel ja auch unbedingt wieder anpfeifen. Fortuna hat nach 30 Sekunden schon ein Tor erzielt, da hätten die Berliner ja auch in den letzten zwei Minuten noch ein Tor schießen können.

Unter welchen Umstände hätte der Schiedsrichter das Spiel nicht wieder anpfeifen dürfen?

Das ist Auslegungssache. Da gibt es im Regelwerk keine zuverlässige Antwort. Der Schiedsrichter entscheidet, ob seines Erachtens die Sicherheit aller Beteiligten, die Bespielbarkeit des Platzes und andere Umstände dafür sprechen, das Spiel fortzusetzen.

War die Sicherheit denn Ihrer Meinung nach gegeben?

Die Sicherheit hat dafür gesprochen, das Spiel zu unterbrechen, als sich rund um den Platz bereits Zuschauer befanden. Aber wenn man sich die Fernsehbilder anschaut, befanden sich vor dem Wiederanpfiff keine Zuschauer mehr im Innenraum. Deswegen ist es vertretbar, das Spiel wieder anzupfeifen.

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Sind die Chancen auf einen erfolgreichen Protest dadurch gesunken, dass Hertha nach dem Abbruch wieder angetreten ist?

Ja, bedauerlicherweise muss man das so sagen. Hätten sich die Berliner geweigert, noch mal auf den Platz zu kommen, hätte man vor einem Sportgericht über die Ursache des Spielabbruchs verhandeln müssen. Grundsätzlich verliert dann die Mannschaft, deren Fans für den Abbruch sorgen. Wäre Hertha nicht mehr angetreten und ein Verfahren zu dem Ergebnis gekommen, dass die Sicherheit der Hertha-Spieler gefährdet und eine Fortsetzung des Spiels nicht zumutbar war, hätte man das Spiel mit 2:0 für Hertha werten müssen.

Also wären die Herthaner klüger gewesen, nicht wieder aufs Feld zu kommen.

Ja, das muss man so sagen. Aber anderseits hätte man das als Unsportlichkeit auslegen können und dann wäre Hertha der Schwarze Peter zugeschoben worden, weil man bewusst den Spielabbruch provoziert hätte. In dem Fall haben wir wirklich zwei Juristen mit vier Meinungen. Da jetzt eine Entscheidung zu fällen, die einer juristischen Überprüfung standhält, ist wirklich sehr schwer.

Herthas Anwalt Christoph Schickhardt sagt, die Hertha Spieler seien nur auf Bitte der Polizei zurück aufs Spielfeld gekommen, um eine Eskalation zu verhindern.

Bei Wiederanpfiff war der Innenraum geräumt. Da bestand die Gefahr einer Eskalation eigentlich nicht. Aber dieses Argument ist natürlich der letzte Joker für die Hertha-Verantwortlichen.

Aber die Lage hätte doch trotzdem eskalieren können. Sowohl wenn die Hertha-Spieler in der Kabine geblieben wären als auch, wenn Hertha noch ein Tor geschossen hätte.

Mehrere Hundertschaften der Polizei sicherten den Hertha-Block ab.
Mehrere Hundertschaften der Polizei sicherten den Hertha-Block ab.(Foto: REUTERS)

Hätten sie noch den Siegtreffer geschafft, wäre es sicherlich zum nächsten Abbruch gekommen. Dann wären die Fortuna-Fans zurück auf den Platz gelaufen und der Spielabbruch zugunsten von Hertha gewertet worden. Es ist wirklich sehr kompliziert.

Schickhardt vergleicht die Situation auch mit dem Fall Dynamo Dresden. Er meint, die Fans wären nach den Krawallen beim Pokalspiel gegen Borussia Dortmund im Oktober in erster Instanz sogar aus dem Pokal ausgeschlossen worden.

Bei Dynamo Dresden gab es eine Art Eskalationspyramide. Das war ein Vorgang über mehrere Jahre. Irgendwann hat der DFB gesagt, bis hierhin und nicht weiter. Prinzipiell sind Sportgerichtsurteile in gewisser Weise auch immer politischer Natur. Ein Sportrichter vom DFB weiß ganz genau, was so ein Urteil für Folgen haben würde. Ein Wiederholungsspiel muss angesetzt und eventuell auch ein neutraler Platz gefunden werden. Die Vereine sind ja schon in der Vorbereitung für die neue Saison, sie müssen Spieler verpflichten, es sind alles Argumente, bei denen Sportgerichte dazu neigen, einen bequemen Weg zu einem bequemen Urteil zu finden. Es werden daher tendenziell Urteile getroffen, die die Vorbereitung auf die neue Saison möglichst wenig ins Wanken bringen.

Was für Szenarien gibt es jetzt? Und mit welcher Wahrscheinlichkeit?

Zu 90 Prozent wird der Protest von Hertha abgewiesen. Mit jeweils fünf Prozent gibt es ein Wiederholungsspiel bzw. ein drittes Spiel auf einem neutralen Platz. Aber ich halte das für unwahrscheinlich, weil Hertha das Spiel noch zu Ende gespielt hat.

Was erwartet Düsseldorf für Strafen?

Düsseldorf wird sicher eine Geldstrafe bekommen, dafür, dass sie ihre Fans nicht in Zaum halten konnten. Die Platzdisziplin war nicht sehr ausgeprägt. Ich denke, der Verein wird mit einem hohen fünfstelligen Betrag davonkommen …

… und damit sehr glimpflich.

Ja, bei den Mehreinnahmen, die sie als Bundesligist haben, ist das ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Kann sich der Verein über so einen Aufstieg freuen?

Man fiebert der letzten Minute entgegen und wenn dann so etwas passiert, vergeht einem die Laune. Viele Düsseldorfer Fans haben das Stadion früh verlassen. Aber wer um alles in der Welt verlässt ein Stadion so früh, wenn man nach 15 Jahren wieder in die erste Liga aufsteigt? Ich glaube, das ist ein Tag, der den Fortuna-Fans lange in Erinnerung bleiben wird - und von vielen Chaoten beschädigt wurde. Ich bin übrigens seit 25 Jahren leidenschaftlicher Fortuna-Düsseldorf-Fan. Deswegen bin ich eigentlich befangen, wie Juristen sagen.

Mit Siegfried Fröhlich sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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