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Özil für Deutschland, gegen die Türkei: Integration ist das nun nicht

Stefan Giannakoulis

Mesut Özil hat türkische Eltern - und spielt für Deutschland Fußball, am Freitag gegen die Türkei. Der Bundespräsident und der DFB halten das für ein Beispiel gelungener Integration. Dabei geht es schlicht und ergreifend darum, wie gut jemand spielt.

Für Deutschland am Ball: Mesut Özil.
Für Deutschland am Ball: Mesut Özil.(Foto: dpa)

Deutschlands beste Fußballer spielen am Freitag in Berlin gegen die Türkei. Es geht darum, wer 2012 bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine mitmachen darf. Und die Mannschaft, die die Partie gewinnt, hat gute Chancen, sich in der Gruppe A direkt zu qualifizieren – auch wenn es erst das dritte Spiel ist. Das Olympiastadion ist mit 74.244 Zuschauern ausverkauft, und nicht zuletzt die erwarteten mehr als 30.000 türkischen Fans werden dafür sorgen, dass die Stimmung auf den Rängen prächtig sein wird. Und doch ist es kein normales Spiel. Könnte zumindest glauben, wer die Berichterstattung verfolgt

Selten war eine Begegnung zweier Fußballmannschaften emotional derart überladen wie die Partie Deutschlands gegen die Türkei. Es geht um muslimische Kultur in Deutschland, um Wanderer zwischen den Welten und nicht zuletzt um Integration, ein Thema, über das die Republik in jüngster Zeit besonders gerne und intensiv diskutiert. Anlass ist die Tatsache, dass in der deutschen Nationalmannschaft tatsächlich Spieler stehen, die ausländische Wurzeln haben. Allen voran Mesut Özil, der in Gelsenkirchen geboren wurde und türkische Eltern hat.

Wenn das nicht multikulturell ist

Das finden alle prima. Und der Deutsche Fußballbund lässt sich nicht nur vom Bundespräsidenten Christian Wulff für die gelungene Integration feiern. Schließlich ist Mesut Özil nicht allein. Lukas Podolski heißt eigentlich Lukasz Podolski und wurde in Gleiwitz geboren. Das liegt in Polen. Miroslav Klose heißt eigentlich Miroslaw Marian Kloze und wurde in Oppeln geboren. Das liegt auch in Polen. Sami Khedira stammt aus Stuttgart und hat einen tunesischen Vater und eine deutsche Mutter. Jerome Boateng ist Berliner, seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Ghanaer. Claudemir Jeronimo Barreto nennt sich Cacau und war bis zu seinem 27. Lebensjahr Brasilianer. Wenn das nicht multikulturell ist. Und sie spielen alle für Deutschland. Gelungene Integration?

Es ist unbestritten, dass der Fußball gerade an der Basis, in den Vereinen, bei den Jugendspielern eine integrative Kraft entfaltet. Auf dem Dorf und in den Talentschmieden der Bundesliga. Das hat nun auch die EBS Business School Wiesbaden/Rheingau festgestellt. Sascha Schmidt hat die Studie geleitet. Und sagt, dass die Auswertung in erster Linie belege, dass die Integration in den Nachwuchszentren der Klubs, in denen Spieler aus 84 Ländern ausgebildet werden, "automatisch" abläuft. "Das ist ein Beispiel, wie Integration funktionieren kann. 95 Prozent der Spieler aus den Zentren werden keine Profis. Das ist ein hohes Potenzial für die Gesellschaft. Sie können wertvolle Mitglieder der Gesellschaft werden", sagte Schmidt. So weit, so vorbildlich.

Fußball nur manchmal eine Herzensangelegenheit

"Entschuldigung, das hat nichts mit Integration zu tun": Hamit Altintop.
"Entschuldigung, das hat nichts mit Integration zu tun": Hamit Altintop.(Foto: REUTERS)

Nur: Für die Nationalelf greift diese These zu kurz, auch wenn 87 Prozent der Befragten Deutschlands wichtigste Fußballmannschaft als Symbol für Integration sehen. Einer Umfrage zufolge, die der DFB in Auftrag gegeben hat. Aber Özil, Podolski, Klose, Khedira, Boateng und Cacau spielen in allererster Linie für Deutschland, weil sie gute Fußballer sind. Und mit der Türkei, Polen, Tunesien oder Ghana nicht solche Erfolge feiern würden wie in der DFB-Elf. Oder, wie Cacau, nicht gut genug sind, um für den Rekordweltmeister aus Brasilien aufzulaufen. Das ist nicht verwerflich. Mit gelungener Integration hat das aber auf diesem hohen Leistungsniveau herzlich wenig zu tun. Tatsache ist auf der anderen Seite auch, dass der deutsche Fußball ohne seine Spieler mit ausländischen Wurzeln schlicht und ergreifend international nicht konkurrenzfähig wäre. Und da gehört, auch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel das sonst ausdrücklich anders sieht, Mesut Özil als Moslem plötzlich vorbildlich zum Fundament des kulturellen Selbstverständnisses in Deutschland.

Hamit Altintop, Mittelfeldspieler beim FC Bayern München, hat dazu eine klare Meinung. Er kam, wie Mesut Özil, in Gelsenkirchen zur Welt. Er hat ebenfalls türkische Eltern – und spielt, nicht nur am Freitag, für die Türkei. Wie auch sein Zwillingsbruder Halil, Nuri Sahin aus Lüdenscheid und Hakan Balta aus Berlin. "Fußball ist manchmal eine Herzensangelegenheit, aber viel öfter ein Business", sagte Hamit Altintop der "Süddeutschen Zeitung". Bei der Entscheidung, für welches Land jemand aufläuft, gehe es bei vielen Spielern um die Perspektive: "Bei welchem Verband kann ich mehr erreichen, wo kann ich mich besser entwickeln?"

Wie zum Beispiel bei Mesut Özil: "Als deutscher Nationalspieler hat Mesut mehr Lobby, einen höheren Marktwert, er verdient mehr Geld. Hätte er sich für die Türkei entschieden, hätte er keine WM gespielt und wäre jetzt nicht bei Real Madrid. So einfach ist das." Hamit Altintop verurteilt das nicht. Nur: "Entschuldigung, das hat nichts mit Integration zu tun." Aber mit Fußball. Wo es darum geht, wie gut jemand spielt. Und nicht, woher er stammt. Das ist nicht das Schlechteste.

Quelle: n-tv.de

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