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"Man macht einen Fehler, wenn man diese Qualifikation als Maßstab nimmt": Joachim Löw.
"Man macht einen Fehler, wenn man diese Qualifikation als Maßstab nimmt": Joachim Löw.(Foto: imago/Jan Huebner)
Montag, 09. Oktober 2017

DFB-Elf wackelt zum Testbeginn: Löw hat erste WM-Tickets längst vergeben

Von Tobias Nordmann, Kaiserslautern

Ein Riesenpool an Top-Fußballern soll Bundestrainer Joachim Löw zur Verfügung stehen, wenn er im kommenden Jahr den deutschen WM-Kader benennt. Doch der Qualifikations-Abschluss zeigt: So riesig ist die Auswahl gar nicht.

Der Bundestrainer ist scho au (Löw`sche Buchstabenelipse) ein Schlitzohr. Da lässt Joachim Löw den Menschen in Kaiserslautern, dem weiten und weitesten Umland ausrichten, dass da am Sonntagabend etwas Högschdrelevantes (Löw'scher Sprech) passieren wird. Viel mehr als bloß das 5:1 gegen Aserbaidschan - und so kommen die Menschen zur soliden Kulisse von 34.613 Zuschauern auf dem Betzenberg zusammen. Das letzte WM-Qualifikationsspiel an sich wäre auch nicht so arg viel gewesen, für beide Mannschaften ging's ja um nichts mehr. Für die Gäste schon länger nicht mehr und für die DFB-Elf seit Donnerstagabend, 22.34 Uhr. Da hat sie in Belfast mit dem 3:1 gegen Nordirland das Ticket für Russland gebucht.

Deutschland - Aserbaidschan 5:1 (1:1)

Tore: 1:0 Goretzka (8.), 1:1 Sheydaev (34.), 2:1 Wagner (54.), 3:1 Hüseynov (64., Eigentor), 4:1 Goretzka (66.), 5:1 Can (81.)
Deutschland: Leno - Kimmich, Mustafi (36. Ginter), Süle (22. Rüdiger) - Can, Goretzka - Brandt, Müller (70. Younes), Sané - Wagner, Stindl. - Trainer: Löw
Aserbaidschan: Agajew - Mirsabekow, Badavi Hüsejnow, Abissow, Chalilsade - Garajew - Ismailow (77. Qurbanov), Amirgulijew, Richard, Javid Hüsejnow (69. Nazarov) - Sheydaev (87. Aleskerov). - Trainer: Prosinecki
Schiedsrichter: Andris Treimanis (Lettland)
Zuschauer: 37.613 in Kaiserslautern

Also packte der Bundestrainer vorab den Sinnesschärfer aus und legte los: "Die Spieler, die dabei sein werden, müssen auf den Punkt auf dem höchsten Niveau sein und müssen zu jeder Zeit, zu jeder Minute und zu jeder Sekunde eine Topleistung abrufen, wenn sie gebraucht werden." Die Bezugsgröße dieser appellartigen Ansage ist die Titelverteidigung im kommenden Sommer. Und der Adressatenkreis ist groß. Je nach großzügiger oder nicht so großzügiger Auslegung umfasst er 50 bis 37 (eingesetzte Spielern in der Qualifikation) Fußballer - alle mit besonderen, mit besonders guten Qualitäten.

Elf von ihnen schickte der Bundestrainer in Kaiserslautern zum ersten Vorspielen in der Testphase, denn so hatte er das Rekordspiel vorab deklariert. Es waren elf Spieler, von denen nur zwei auf der Liste "sicherer WM-Teilnehmer" stehen - nämlich der konkurrenzlos starke Joshua Kimmich und Thomas Müller. Die anderen sollten sich beweisen. Was zunächst allerdings gar nicht gelang. Wie eine Organisation, deren Hauptmann entführt worden ist, stolperten die Deutschen von einer Planlosigkeit in die nächste. Das konnte selbst das frühe Hacken-Traumtor des doppelten Torschützen Leon Goretzka (8./66.) nicht kaschieren. Die weiteren Treffer erzielten übrigens Sandro Wagner (54.), Antonio Rüdiger (66.) und Emre Can (81.). Für Aserbaidschan traf Ramil Sheydajew (34.) zum 1:1.

"Man sollte den Ball ein wenig flach halten"

Es wurde freilich besser. Deutlich besser. Vor allem in der zweiten Halbzeit. Nicht nur vom Ergebnis. Was Löw angesichts der Rekord-Qualifikation und dem gesamtheitlich souveränen Wackeln dann auch milde stimmte. "Es war am Anfang schwierig für uns. Wir haben in der Konstellation so auch noch nicht zusammen gespielt. Die zweite Halbzeit war gut. Da haben wir den Gegner so bespielt, wie wir es gebraucht haben." Mit Tempo. Das hat vorerst gereicht. Sogar zum Spektakel. Und es machte den Mangel an Kreativität und Struktur wett, der an diesem Abend offensichtlich wurde. Nun hat niemand erwartet, dass diese Mannschaft um Can, Julian Brandt, Leroy Sané und Lars Stindl den Weltmeister - wie vom Bundestrainer für die Zeit bis Russland gefordert - "neu erfinden oder neu definieren" würde.

Wohl aber war zu erwarten, dass sie sich nicht phasenweise von durchaus guten Gästen übertölpeln ließ. Gerade nicht die Abwehr um die wackeligen Shkodran Mustafi und Niklas Süle. Und auch Ersatzmann Antonio Rüdiger spielte nach seiner frühen Einwechslung nicht ohne Patzer. "Man macht einen Fehler, wenn man diese Qualifikation als Maßstab nimmt", erklärte Löw dann auch, aber: "Es war eine super Leistung, aber bei der WM warten andere Gegner. Man sollte den Ball ein wenig flach halten. Die Spieler müssen sich so vorbereiten, dass sie in einigen Monaten bereit sind und die Form mitbringen."

Das gilt indes ganz besonders für die tatsächlich Unersetzlichen. Und das sind im DFB-Team doch mehr Platzhirsche als gedacht. Neben dem immer gesetzten Manuel Neuer (trotz starker Leistungen von Vertreter Marc-André ter Stegen) zum Beispiel in der Innenverteidigung Mats Hummels und Jerome Boateng als zuverlässige Konstanten, auf den defensiven Außenbahnen Joshua Kimmich und Jonas Hector als solide Abräumer und Vorbereiter, im Mittelfeld Toni Kroos, Sebastian Rudy, Ilkay Gündogan und Mesut Özil als strukturierende und kreative Ordnungskräfte. Und irgendwo vorne drin natürlich auch Thomas Müller mit seinem Unerwarteten. Sie alle braucht Löw in bester Verfassung - Riesenspielerpool hin oder her. Das weiß er nicht erst seit Kaiserslautern. Denn sein Ziel im kommenden Sommer ist klar: "Bei einem Ausscheiden im Halbfinale in Russland wäre ich schon enttäuscht."

Quelle: n-tv.de

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