Sport
Eine Siegchance gab es zwar von vornherein nicht, aber kampflos ergaben sich die Gibraltarer der DFB-Elf nicht.
Eine Siegchance gab es zwar von vornherein nicht, aber kampflos ergaben sich die Gibraltarer der DFB-Elf nicht.(Foto: imago/Moritz Müller)
Samstag, 15. November 2014

"Vier Tore sind einfach zu wenig": Löw watscht ab, Gibraltar stopft "Mäuler"

Von Christoph Wolf, Nürnberg

Eine Gala gegen Gibraltar soll her für Fußball-Weltmeister Deutschland, es wird ein großes Gegurke. Danach nimmt sich Joachim Löw seine Weltmeister knallhart zur Brust - und Gibraltars glücklicher Coach seine Kritiker.

Wenn Fußball-Bundestrainer Joachim Löw ein offenkundig schlechtes Spiel seines DFB-Teams kommentieren muss, geschieht bisweilen etwas Sonderbares: Löw spricht, und auf einmal scheint die Partie gar nicht mehr so missraten. Das Phänomen war beim blamablen 2:4 gegen Argentinien zu bestaunen, beim krampfigen 2:1 gegen Schottland, beim unnötigen 0:2 in Polen und beim unschönen 1:1 gegen Irland. Also bei allen DFB-Spielen seit dem WM-Triumph in Brasilien. Was der Bundestrainer Löw wirklich über diese Partien dachte, offenbarte er in dieser Woche. Schonungslos attestierte er seinen Weltmeistern vor dem Duell mit Fußballzwerg Gibraltar diverse Defizite und ordnete die letzten Leistungen prägnant ein: als unzureichend und auch enttäuschend.

Video

Das Kalkül dahinter war keineswegs subtil, Löw sprach es offen aus. Er wollte sein Team aufrütteln und anstacheln, zu einer Gala gegen Gibraltar. Die fiel in Nürnberg komplett aus und diesmal gab sich Löw schon direkt nach dem Spiel keine Mühe, den Frust über seine wenig weltmeisterlichen Weltmeister zu verbergen. Im Gegenteil, er watschte sie ab. "Ich bin alles andere als zufrieden", kommentierte er das magere 4:0 (3:0) gegen ultradefensive Gibraltarer: "Ich hätte mir heute von der Mannschaft einfach auch mehr erwartet." Dass Löw in der Abwehr erfolgreich auf eine Dreierkette umstellt hatte und der Kölner Jonas Hector sein DFB-Debüt feierte, verkam zu Randnotizen.

Anders als Löw vollauf zufrieden war Gibraltars Coach Allen Bula. "Ich bin sehr, sehr stolz, wie sich das kleine Gibraltar, der kleinste Uefa-Staat, gegen den Weltmeister gewehrt hat. Wir haben einigen die Mäuler gestopft, die behaupten, dass wir nicht verdient haben, hier mitzuspielen. Und jetzt kehren wir wieder zurück in unser normales Leben." Während sich der Fußballzwerg nun rühmen darf, besser als Brasilien zu sein, rumorte es in Löw.

"Vier Tore sind einfach zu wenig", fand er - für einen Weltmeister und für die Erwartungen und Anforderungen, die er vorab explizit formuliert hatte. Punkt 1: "Wir wollten eigentlich ständig den Rückraum besetzen, das war vor allem in der zweiten Halbzeit nicht mehr der Fall." Punkt 2: "Es ist immer wichtig, gegen solche Mannschaften in die Breite und Tiefe zu spielen. Wir haben es zu oft in die Mitte verlagert." Punkt 3: "Wir wollten schnelles Positions- und Kombinationsspiel, das ist uns aber nicht gelungen." Punkt 4: "Man muss Gibraltar mit einem Überzahlspiel überfordern, das war heute allerdings nicht der Fall."

Wirkungsloser Kruse

DEU-GIB

Deutschland - Gibraltar 4:0 (3:0)
Tore: 1:0 Müller (12.), 2:0 Müller (29.), 3:0 Götze (38.), 4:0 Santos (67., Eigentor)
Deutschland: Neuer - Mustafi, Boateng, Durm (72. Hector) - Kroos (79. Bender), Khedira (60. Volland), Götze, Bellarabi, Podolski - Müller, Kruse 
Gibraltar: Robba - Garcia , Wiseman, R. Casciaro, Chipolina - Perez (90. Priestley), R. Chipolina, Sergeant (58. Santos), Walker - L. Casciaro (72. K. Casciaro)
Schiedsrichter: Tudor (Rumänien)
Zuschauer: 44.308 (ausverkauft)

Die Frage, welche Spieler ihm gegen Gibraltar gefallen hätten, nutzte Löw deshalb konsequenterweise für weitere verbale Ohrfeigen: "Ich sage jetzt mal so: Von dem ein oder anderen hätte ich in diesem Spiel mehr erwartet. Mehr Zug zum Tor, mehr Torgefahr, mehr Torabschlüsse." Wenn man schon eine Chance bekomme oder mal wieder auf dem Platz stehe, ätzte Löw, müsse einfach mehr "Überzeugung und Konsequenz in den Aktionen" erkennbar sein. Der im Zweiersturm wirkungslose Gladbacher Max Kruse dürfte hier genau zugehört haben und gegen Spanien mindestens aus der Startelf fallen.

Ein Straftraining für sein strauchelndes Team schloss Löw vor dem Duell mit Europameister Spanien am Dienstag zum Jahresabschluss aber aus. Der Sonntag bleibt trainingsfrei. "Ich glaube, es ist auch notwendig, dass die Spieler jetzt nicht noch mal zwei Tage im Hotel sitzen", sagte er. Zumal sich im Training keine Akzente mehr setzen ließen. Ansonsten stellte er klar. Erstens: "Wer gesund ist, geht mit." Zweitens: Großen Respekt haben ihm die Mauerkünste der Gibraltarer nicht eingeflößt. "Ich war jetzt nicht beeindruckt von Gibraltar."

Trotzdem müsse man jetzt schauen, "dass der Abschluss gegen Spanien einfach positiv sein wird und wir ein gutes Spiel machen, ein anderes Spiel machen als heute." Versöhnlich dürfte den Bundestrainer vor dem Prestigeduell zum Jahresabschluss gestimmt haben, wie selbstkritisch seine DFB-Kicker mit ihrem ersten Zu-Null-Spiel in der aktuellen EM-Qualifikation umgingen. Doppeltorschütze Thomas Müller hatte es offenbar auf dem Platz gegruselt ob der deutschen Teamleistung: "Das war kein Leckerbissen. In der ersten Halbzeit war es noch ganz gut. In der zweiten Halbzeit kommt dann der Kopf ein bisschen dazu. Für die Zuschauer ist das auch nur eine Zeitlang erträglich." Auch Mittelfeldregisseur Toni Kroos gab unumwunden zu:"Wir haben vielleicht zwei, drei Tore zu wenig geschossen. Allerdings haben wir auch nicht so überragend gespielt, dass diese Tore verdient gewesen wären."

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen