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Jetzt haut Theo Zwanziger drauf.
Jetzt haut Theo Zwanziger drauf.(Foto: dapd)

Zwanzigers Skandälchenbuch: Mit dem Kaiser auf dem Klo

Von Stefan Giannakoulis

Oliver Bierhoff ist gierig, Uli Hoeneß ein Macho und Jürgen Klinsmann stand auf der Kippe. Schreibt Theo Zwanziger, einst mächtigster Mann im deutschen Fußball, in seinem Buch. Und gibt ehemaligen Weggefährten munter einen mit. Sei’s drum. Ein Skandal ist indes, dass er Joseph Blatter allen Ernstes als Reformer verklärt.

Das mit dem Titel ist eine prima Sache. Für den hat Theo Zwanziger in die Kalauerkiste gegriffen und seine Autobiografie "Die Zwanziger Jahre" genannt. Das ist so originell wie die vielen Artikel, über denen "Theo gegen den Rest der Welt" steht. Und bevor irgendjemand die 337 Seiten gelesen hatte, sprachen alle von einer Abrechnung mit ehemaligen Weggefährten. Weil der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, wie so oft, mit der "Bild"-Zeitung zusammenarbeitete und ihr gestattete, vorab Auszüge zu veröffentlichen.

Der "Besserwisser" und der "schlechte Präsident".
Der "Besserwisser" und der "schlechte Präsident".(Foto: dapd)

Auch als er im Dezember vergangenen Jahres seinen Rücktritt verkündete, wusste "Bild" mehr als andere. Theo Zwanziger erklärt, warum: "In einem Amt wie diesem muss ich vor allem mit den Blättern arbeiten, die das Meinungsbild in Sachen Fußball prägen." So drehte sich die Diskussion in den vergangenen Tagen um allerlei Skandälchen, die das Buch angeblich birgt - empörte Reaktionen der Genannten inklusive. Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München, dem "Verein mit den vielen Besserwissern" hat, wie er sagt, das Werk zwar auch nicht gelesen. Aber er sei sich sicher, dass der einst mächtigste Mann des deutschen Fußballs nun noch mehr in die Isolation getrieben wird. Hoeneß schießt zurück . Theo Zwanziger schreibt, Hoeneß sei ja "bekannt dafür, dass er manches raushaut gegen Menschen, gegen die er eine tiefe Abneigung hegt." Theo Zwanziger jetzt auch.

Jürgen Klinsmann lächelt derweil die Behauptung weg, er wäre gefeuert und durch Sportdirektor Matthias Sammer ersetzt worden, hätte er als Teamchef der deutschen Mannschaft das Auftaktspiel bei der Weltmeisterschaft 2006 verloren. "Was soll ich das kommentieren? Das ist es mir nicht wert." Und Günter Netzer, als dessen Fan sich Theo Zwanziger outet, hat flugs seine Teilnahme an der Präsentation des Buches abgesagt, die an diesem Mittwochabend in Berlin stattfindet. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth bleibt aber dem Vernehmen nach bei ihrer Zusage, Candystorm einmal andersherum. "Claudia kommt immer. Sie ist da. Egal, wie stressig der Tag war", sagt Theo Zwanziger.

Dreimal hintereinander "Pretty Woman" im Auto

Das mit den gezielten Provokationen mag eine Strategie sein, um den Verkauf zu fördern. Das Geld will Theo Zwanziger allerdings sozialen Projekten und dem Frauenfußball spenden. Neue Freunde hat er sich damit aber nicht gemacht, weil der 67 Jahre alte Funktionär, nicht ungeschickt eingestreut, mal diesem, mal jenem einen mitgibt. Neben Hoeneß und Klinsmann auch Oliver Bierhoff, dem Manager der Nationalmannschaft, der bei den Vertragsverhandlungen vor der WM 2010 Forderungen zu Papier gebracht habe, "die an die Grenzen und darüber hinausgingen. Bierhoff mag gedacht haben, man könne ja mal ausloten, was geht". Über seinen Vorgänger und zeitweiligen Ko-Präsidenten, Gerhard Mayer-Vorfelder, schreibt er: "Seine Alleingänge ärgerten mich maßlos, und ich bestand darauf, dass wir zeitnah die Zuständigkeiten regelten." Und auch seinen Nachfolger, Wolfgang Niersbach, sieht er kritisch, weil der betont hatte, er wolle sich zuerst ums Kerngeschäft, sprich die Nationalelf, kümmern. Und weniger ums soziale Engagement des Verbandes, interpretiert Theo Zwanziger. Seine Botschaft sei, "dass man beides tun muss: den sportlichen Bereich stark halten und sich der gesellschaftlichen Verantwortung stellen".

Franz Beckenbauer: "Dann macht's halt diese Doppelspitze."
Franz Beckenbauer: "Dann macht's halt diese Doppelspitze."(Foto: picture alliance / dpa)

Dazu gibt's einige Anekdoten. Fritz Walter, Held seiner Jugend, schrieb im Gegensatz zur heutigen Generation noch leserliche Autogramme. Die achte Klasse musste Theo Zwanziger wiederholen. Er hat sich dreimal hintereinander "Pretty Woman" angesehen, auf dem Fernseher im Auto, als er im Schneetreiben feststeckte. Und er erzählt, wie Franz Beckenbauer einst im Juli 2004 bei einem Gespräch auf der Herrentoilette in der Frankfurter DFB-Zentrale verfügte, dass Theo Zwanziger zusammen mit Mayer-Vorfelder den Verband leiten soll. "Dann macht's halt diese Doppelspitze."

Das Ganze ist im Zusammenhang nicht annähernd so aufregend, wie es als Häppchen veröffentlicht geklungen haben mag. Auch wenn er gleich zu Beginn einen gewissen "Wurstgroßhändler aus München" erwähnt, muss sich der Leser bis zum ersten Seitenhieb durch mehr als 100 Seiten Beamtenlaufbahn und Funktionärskarriere arbeiten. Vom Steuerinspektor zum Regierungspräsidenten, vom Vorstandsmitglied des VfL Altendiez zum Schatzmeister des DFB. Aber es ist schon so, dass sich Theo Zwanziger an Uli Hoeneß regelrecht abarbeitet. Der habe, einst Manager der Bayern, "seine Philosophie des Provozierens mit ins Präsidentenamt genommen". Und deshalb werde es Matthias Sammer in München auch nicht leicht haben. "Da gibt es ein ganz großes Hindernis, das einer erfolgreichen Tätigkeit des neuen Sportdirektors im Wege steht, und das heißt Uli Hoeneß."

"Man muss immer auch an den Tag danach denken"

Aber warum macht Theo Zwanziger das? Wie fast jeder, der eine Autobiografie schreibt, will er den Menschen sein Leben erklären. Die Welt soll erfahren, was er geleistet hat. Sie soll erfahren, wie er sein Werk sieht. Und wer das Buch liest, bekommt den Eindruck, dass es Theo Zwanziger darum geht, so etwas wie der Helmut Schmidt des deutschen Fußballs zu werden. Da gibt es nur zwei Probleme. Den Posten hat Franz Beckenbauer. Und Theo Zwanziger fehlt dazu das Format. Dafür breitet er zu kleinkariert seine Privatfehden aus. Das ist nicht die feine Art und mindestens eine Spur zu selbstgefällig. Dabei schreibt er so schön: "Man muss immer auch an den Tag danach denken."

Fast-Bundestrainer: Christoph Daum.
Fast-Bundestrainer: Christoph Daum.(Foto: picture alliance / dpa)

Vielleicht hat er das bisweilen sogar getan. Denn an anderen Stellen gibt er sich durchaus diplomatisch. "Ich kenne und schätze auch die andere Seite des Uli Hoeneß. Dass Bayern München zu einem umfassenden sozialen Netzwerk geworden ist, darf sich Uli Hoeneß als sein Verdienst anrechnen." Und im Zusammenhang mit Christoph Daum, der nach der verkorksten EM 2000 beinahe Bundestrainer geworden wäre, sich dann aber durch seinen Kokainkonsum diskreditierte, schreibt er: "Uli Hoeneß müssen wir heute noch dankbar sein für seinen Mut, den Verdacht an die Öffentlichkeit gebracht zu haben."

Dabei hätte er das gar nicht nötig. Denn es ist ja nicht so, dass Theo Zwanziger in seiner Zeit als Präsident des größten Sportfachverbandes der Welt nichts bewirkt hätte. Es war nicht alles schlecht, zumindest nicht zu Beginn seiner Amtszeit. Er hat die Zeit des Verbandes im Nationalsozialismus aufarbeiten lassen, sich um den Frauenfußball gekümmert, sich gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit eingesetzt, vor allem gegen Homophobie - auch wenn sich bis heute kein einziger Profi aus der ersten Liga geoutet hat. Er hat dafür gesorgt, dass ein verkrusteter Verband sich geöffnet hat, zumindest ein wenig. Wenn er das nur nicht ständig betonen würde. "Dass aber dieses kleine Pflänzlein, nämlich die soziale und gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs zu entwickeln und zu organisieren, so prächtig herangewachsen ist, dass diese Entwicklung unumkehrbar ist - das ist die höchste Anerkennung, die ich mir vorstellen kann."

Schiedsrichteraffäre, Wettbetrugsskandal, Babak Rafati

Gegen Ende fällt die Bilanz allerdings eher negativ aus. Die vorzeitige Vertragsverlängerung mit dem Trainerteam scheiterte auch daran, dass Theo Zwanziger die Angelegenheit extrem ungeschickt anging und Dinge ausplauderte, die längst nicht spruchreif waren. Das räumt er in dem Buch sogar ein. In der Kempter muss zurückrudern ergriff er voreilig Partei für Michael Kempter. Wenig souverän agierte er auch beim Wettbetrugsskandal und in der Steueraffäre einiger Unparteiischer. Nach dem Suizidversuch des Schiedsrichters Babak Rafati gab er ein schlechtes Bild ab. Ein guter Krisenmanager war er nie.

Wer aber in diesem Buch so etwas wie einen Skandal sucht, muss sehr lange suchen. Und findet ihn im vorletzten Kapitel, das mit "Auswärtsspiel" überschrieben ist. Denn Theo Zwanziger ist keineswegs im Ruhestand, er wirkt immer noch im Weltverband Fifa und im europäischen Verband, der Uefa. Und was er über Hoeneß erneuert Blatter-Kritik schreibt, ist auch nicht ganz neu, aber darum nicht weniger grenzwertig. Den Mann, dessen Nähe zu schmutzigen Geschäften, wie nicht nur die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, "juristisch verbrieft ist", habe er "als kompetenten und verlässlichen Partner" kennengelernt. Auch er, Theo Zwanziger, erkenne das Problem der Korruption. Aber: "Nach meinem ersten Jahr im Fifa-Exekutivkomitee und den bisherigen Ergebnissen des Reformprozesses kann ich feststellen: Es war richtig, auf Sepp Blatter und seinen Reformwillen zu setzen." Und das hat er nicht als Abschlussgag gemeint.

Quelle: n-tv.de

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