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Aufmarsch von Neonazis in Gelsenkirchen (Archivbild)
Aufmarsch von Neonazis in Gelsenkirchen (Archivbild)(Foto: picture-alliance/ dpa)
Samstag, 30. April 2011

Angriff von Rechtsaußen: "Neonazis missbrauchen Fußball"

Ronny Blaschke ist Journalist und Autor. Seine bisherigen Bücher "Versteckspieler" und "Im Schatten des Spiels" behandelten Probleme rund um "König Fußball“. "Im Schatten des Spiels" wurde 2007 als Fußballbuch des Jahres ausgezeichnet. In wenigen Wochen kommt sein neues Werk in die Buchläden - und wieder geht es um Fußball, auch wenn es sich bei "Angriff von Rechtsaußen" um ein "politisches Buch“ handelt, wie er n-tv.de im Interview erzählt.

Ronny Blaschke deckt mit seinem Buch "Angriff von Rechtsaußen" auf, wie Neonazis den Fußball für sich instrumentalisieren.
Ronny Blaschke deckt mit seinem Buch "Angriff von Rechtsaußen" auf, wie Neonazis den Fußball für sich instrumentalisieren.

n-tv.de: Herr Blaschke, mit "Angriff von Rechtsaußen - Wie Neonazis den Fußball missbrauchen" wollen Sie nach eigener Aussage aufzeigen, wie der Fußball von Rechtsextremen instrumentalisiert und missbraucht wird. Wie sind Sie auf das Thema Rechtsradikalität im Fußball gekommen?

Ich beschäftige mich als Journalist schon länger mit dem Thema. Und da hat es sich einfach angeboten, das Ganze einmal tiefgründiger zu untersuchen. Außerdem finde ich, dass man das Massenmedium Fußball gut für Aufklärungsarbeit gegen Rechtsextremismus nutzen kann.

Wie sind Sie vorgegangen?

Ich habe mir verschiedene Schauplätze ausgesucht, die exemplarisch für das Problem stehen können - beispielsweise der Verein Lokomotive Leipzig und sein Umfeld. Dort haben wenige rechte Fans die Szene unterwandert. Das ging soweit, dass ein Anführer einer Ultra-Gruppierung bei der Stadtratswahl für die NPD kandidierte und für sich und sein Vorhaben auf der Homepage der Ultras Werbung gemacht hat. Oder das Vorgehen eines Rechtsextremen im thüringischen Hildburghausen, der dort einen Fußballklub gegründet hat.

"Im Schatten des Spiels", Blaschkes zweites Buch, erschien im Verlag Die Werkstatt.
"Im Schatten des Spiels", Blaschkes zweites Buch, erschien im Verlag Die Werkstatt.

Ein weiterer Schauplatz ist Lüdenscheid, wo ein Schiedsrichter, der NPD-Mitglied ist, seit mehreren Jahren in der Kreisklasse C Spiele pfeift. Er tut dies, wie er selbst sagt, völlig unvoreingenommen. Das bezweifele ich und führe in meinem Buch seine politischen Ziele auf: er will zum Beispiel Ausländer zurückführen und sein Kind nie in einem Migrantenverein spielen lassen. Wie soll er da am Sonntag objektiv das Spiel einer türkischen gegen eine griechische Mannschaft leiten? Das halte ich für unmöglich.

Diese für sich genommen einzelnen Schauplätze beschreibe ich in monothematischen Kapiteln.

Es finden sich im Buch auch Interviews mit Neonazis?

Ich lasse in dem Buch auch Neonazis und Rechtsextreme zu Wort kommen, das stimmt. Es gibt beispielsweise ein langes Interview mit dem Geschäftsführer der NPD, Klaus Beier, der selbst Fußballfan ist. Ich glaube, wenn man sie argumentieren lässt, es journalistisch mit Fakten dann aber einordnet, kann der Leser seine Schlüsse daraus ziehen. Das nimmt der rechten Argumentation die demagogische Kraft. Ein Interview mit einem Rechtsextremen wirkt in einem Buch auch ganz anders, als wenn es für sich allein in einer Zeitung steht. Ich glaube, auch wenn man darüber streiten kann: Man muss sie reden lassen, damit sie sich selbst entlarven. Ich glaube, dass macht mein Buch deutlich.

Wie kommen die Rechtsradikalen zum Thema Fußball?

Fußball bietet jede Menge Möglichkeiten zum Missbrauch durch die Rechten. Und es gibt Parallelen: Rechtsextreme Gruppen bestehen zum Großteil aus jungen Männern. Sie sind hierarchisch strukturiert. Es gibt wenig bis gar keine Andersdenkenden. Im Fußball ist das in abgeschwächter Form ähnlich: Ultra-Gruppierungen werden zum Beispiel auch streng hierarchisch geführt, die Gruppen bestehen ebenfalls zum Großteil aus jungen Männern, die stolz sind auf das, was sie tun, die stolz sind auf ihren Verein. Ich habe von rechten Ultras oft gehört, dass ihr Verein für sie ein Symbol für Heimat und Patriotismus ist. Allerdings stellen sich auch viele Ultra-Gruppen erfolgreich gegen Rechts.

Der Fußball dient also gewissermaßen als Medium?

Ja. Fußball bietet zudem ein Ventil für Vorurteile. Sie können dort leichter ausbrechen, weil der einzelne Fan Teil einer größeren, anonymen Masse ist. In Leipzig, wo ich lange recherchiert habe, sind im Umfeld von Lok zwei, drei NPD-Mitglieder, die gezielt versuchen, Mitglieder zu gewinnen.

Wie muss man sich das genau vorstellen? Stellen sich die Rechten vors Stadion und sprechen die Fans direkt an?

Nein, so plump wie früher ist das nicht mehr. Das funktioniert heute nicht mehr, weder bei Lok noch bei anderen Vereinen. Bei Union Berlin hat man es beispielsweise auch so versucht - ohne Erfolg. Der Fußballfan an sich will nicht offen mit Politik in Verbindung gebracht werden. Heute müssen die Rechten nicht einmal im Stadion sein. Sie nutzen das Internet oder andere Kommunikationsmöglichkeiten. Die positive Wirkung des Mediums Fußballs in der Öffentlichkeit spielt ihnen dabei in die Hände. Sie veranstalten beispielsweise "Gedenkturniere“, wo der Fußball für die eigene Sache genutzt wird. Die Turniere finden zwar "in der Szene“ statt und es dringt kaum etwas nach außen, dennoch werden sie als Werbung für die eigene Sache genutzt. Als Stärkung der Gruppenidentität.

Gibt es einen Trend in Deutschland, dass die Rechtsradikalen den Fußball verstärkt für ihre Zwecke einsetzen?

Eigentlich ist der Trend rückläufig. Wir haben in Deutschland laut Verfassungsschutz rund 25.000 Rechtsextreme, immer weniger in festen Strukturen - wie in einer Partei - aktiv. Dagegen spricht aber, dass allein bei der Landtagswahl 2009 in Sachsen mehr als 100.000 Menschen NPD gewählt haben. Letzten Endes gibt es aber keine wirklich aussagekräftige Studie zum Thema Rechtsextreme und Fußball.

"Angriff von Rechtsaußen - Wie Neonazis den Fußball missbrauchen" (Verlag Die Werkstatt) kommt Anfang Juni in die Buchläden.
"Angriff von Rechtsaußen - Wie Neonazis den Fußball missbrauchen" (Verlag Die Werkstatt) kommt Anfang Juni in die Buchläden.

Auch das Beispiel Hildburghausen aus dem Buch klingt im ersten Moment eher untypisch: Hildburghausen ist eine Kleinstadt im Thüringer Wald mit einer Arbeitslosenquote von sieben Prozent und einem Ausländeranteil von drei Prozent. Die kennen also Ausländer gar nicht. Trotzdem gibt es dort einen aktiven Neonazi, der da mobil macht - gegen Ausländer, die er gar nicht kennt, in einer Stadt mit unzähligen Jugendangeboten. Der von Rechten gern gebrauchte Spruch "Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg" ist blanker Unsinn. Und dennoch gibt es diesen Neonazi, der verschwommene Vorurteile in der Bevölkerung für sich umdeutet, auch mithilfe des von ihm gegründeten Fußballklubs Germania.

Hat der deutsche Fußball allgemein ein Problem "rechts außen“?

Natürlich hat er ein Problem damit! Nicht in den Profiligen allerdings. Da hängen keine Reichskriegsflaggen mehr an den Zäunen und auch die Schmähungen gegen schwarze Spieler gibt es dort nicht mehr. Das Problem liegt tiefer, in den unteren Ligen. Dort fehlt ganz einfach die Kontrolle.

Was kann der DFB dagegen tun?

Der DFB macht bereits eine ganze Menge. Aber Rechtsextremismus ist keine Modeerscheinung, die nur dann passiert, wenn wieder ein schwarzer Spieler beschimpft wird, sondern ein konstanter Prozess, eine Einstellung. Es gibt jede Menge Konferenzen, runde Tische, Diskussionen. Aber was kommt denn davon wirklich ganz unten an, in der Kreisklasse? Auch die Politik, vor allem in den Ländern, ist gefordert. Mehr Zusammenarbeit, mehr Förderung, konstant am Ball bleiben. In Leipzig gibt es beispielsweise den Verein Roter Stern, der sich gegen Rassismus stark macht, der aber keine Hilfe vom sächsischen Fußballverband bekommt. Kurzum: Lokale Initiativen müssen gestärkt werden.

Quelle: n-tv.de

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