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"Die Leipziger haben sehnsüchtig darauf gewartet, dass es endlich die Möglichkeit gibt, guten Fußball im Stadion und vor allem in sicherer und friedlicher Atmosphäre zu sehen." Sagt Ulrich Wolter, Geschäftsführer bei RB Leipzig.
"Die Leipziger haben sehnsüchtig darauf gewartet, dass es endlich die Möglichkeit gibt, guten Fußball im Stadion und vor allem in sicherer und friedlicher Atmosphäre zu sehen." Sagt Ulrich Wolter, Geschäftsführer bei RB Leipzig.(Foto: imago sportfotodienst)

"Natürlich wollen wir Deutscher Meister werden": RB Leipzig erobert den Profifußball

Von Stefan Giannakoulis, Leipzig

Für die einen ist er eine Gefahr für den deutschen Fußball, für die anderen der Grund, wieder ins Stadion zu gehen. Drittligist RB Leipzig polarisiert wie kaum ein zweiter Klub. Die Macher von Red Bull wollen ganz nach oben. Bis der Gegner nicht mehr Preußen Münster, sondern FC Barcelona heißt.

Was heißt hier Aufsteiger? Was bedeutet schon Drittligist? "Wir wollen in die erste Liga. Und wir wollen am Ende dann in der ersten Liga natürlich oben stehen und Deutscher Meister werden. Das ist klar, das ist das Ziel", sagt Ulrich Wolter. "Sonst bräuchten wir ja nicht antreten." Ulrich Wolter ist Geschäftsführer von RB Leipzig. RB steht für Rasenballsport. RB steht aber auch für Red Bull. Und für das umstrittenste Projekt im deutschen Fußball. Denn es ist so: ohne Red Bull kein Rasenballsport.

"Wir stehen für ein Sportkonzept mit Nachhaltigkeit": Ulrich Wolter.
"Wir stehen für ein Sportkonzept mit Nachhaltigkeit": Ulrich Wolter.(Foto: imago sportfotodienst)

Das ist für viele Kritiker ein Problem, die Gretchenfrage des deutschen Fußballs: Nun sag, wie hast du's mit deinem Sponsor? Ein Verein, der 2009 nur deshalb gegründet wurde, um Werbung für ein Getränk zu machen, der sich selbst als "Die Roten Bullen" bezeichnet, mit einem Logo, das dem von Red Bull nahezu gleicht, mit einem Kunstwort als Namen - das ist nicht nur Traditionalisten ein Graus. Stimmt doch gar nicht, sagt Ulrich Wolter beim Gespräch mit n-tv.de im Pressekonferenzraum des Stadions, das nun Red-Bull-Arena heißt. Natürlich geht es hier um Sport. "Sonst wären ja hier in Leipzig ganz viele Leute völlig fehlgeleitet. Es ist ein völlig normaler Vorgang, dass ein Sponsor versucht, sich und sein Produkt bekannter zu machen. Das ist bei allen Klubs der ersten, zweiten und dritten Liga so."

In der Tat gibt es viele Menschen in Leipzig, die sich freuen, nach dem Niedergang der Traditionsvereine VfB und Sachsen wieder Profifußball in der Stadt zu sehen. Wenn heute ab 20 Uhr der Bundesligist FC Augsburg in der ersten Runde des DFB-Pokals zu Gast ist, werden mehr als 30.0000 Zuschauer im Stadion sein. Zum ersten Heimspiel in der dritten Liga gegen den SC Preußen Münster kamen knapp 10.000 Zuschauer, in der vergangenen Saison in der Regionalliga waren es 7500 pro Spiel. Ein Spitzenwert in einer Spielklasse, in der der Schnitt bei 1800 liegt.

"Die anderen haben ihre Chance nicht genutzt"

Die Strategen des Getränkeherstellers und sein österreichischer Besitzer Dietrich Mateschitz haben es sich gut überlegt, wo sie in Deutschland ihr Geld investieren, um die Marke noch bekannter zu machen, als sie es ohnehin schon ist. "Gründung des DFB, erster Deutscher Meister - alles hier in Leipzig passiert", sagt Ulrich Wolter. Und verweist darauf, dass hier kein unsteter Investor am Werk ist. In der Nähe des Stadions lässt der Verein für 35 Millionen Euro ein Nachwuchszentrum bauen. Der Konzern hat sich bis 2020 die Namensrechte am ehemaligen Zentralstadion gesichert, mit einer Option, den Vertrag bis 2040 zu verlängern. "Da kann man nicht von einer Kurzfristigkeit sprechen. Das ist genau das, was der DFB will. Ein langfristiges Engagement in den Fußball. Und das erfüllen wir."

Stolz auf seine Helden: Leipziger Fan.
Stolz auf seine Helden: Leipziger Fan.(Foto: picture alliance / dpa)

Aber RB Leipzig ist doch kein normaler Fußballklub? Doch, sagt Ulrich Wolter. "Die einzige Ausnahme ist, dass wir jetzt neu angefangen haben. Ich glaube, dass alle, die jetzt am lautesten klagen, ihre Chancen im Profifußball gehabt haben. Sie haben sie nicht genutzt." Der SC Preußen Münster, 1963 in der ersten Bundesligasaison dabei, gegründet 1906 und damit 103 Jahre älter als RB Leipzig, ist demnach so ein Fall. Die Fans rufen "Bullenschweine" und haben beim 2:2 im Punktspiel im Gästeblock des Leipziger Stadions ein Plakat aufgehängt: "Red Bull stoppen". Und eins auf dem steht: "Neunzehnhundertsechs". Alles Neider, die sich insgeheim wünschen, ein Sponsor wie Red Bull würde auch ihnen versprechen, in einigen Jahren in der Champions League zu spielen?

"Je schneller, umso schöner"

Nachdem Red Bull im Jahr 2006 am Deutschen Fußballbund mit dem Plan gescheitert war, sich beim Fünftligisten FC Sachsen Leipzig einzukaufen, gründete der Konzern 2009 einen eigenen Klub, den Rasenballsport Leipzig e. V., kurz RB Leipzig. Um nicht in der Kreisliga starten zu müssen, kaufte der Klub dem SSV Markranstädt das Startrecht für die Oberliga Nordost ab. "Jetzt haben wir zwei Aufstiege geschafft und zwei müssen wir noch. Je schneller das geht, umso schöner", sagt Geschäftsführer Ulrich Wolter.

Die Lizenz für die dritte Liga, erste Stufe im Profifußball, erteilte der DFB ohne Auflagen. Zuvor hatte es Diskussionen darüber gegeben, dass die Leipziger an der 50+1-Regel scheitern könnten. Ein einzelnes Unternehmen darf demnach nicht die Stimmenmehrheit bei den als Kapitalgesellschaften geführten Profiteams übernehmen. Im Fall von RB Leipzig kein Problem - sagt der DFB. (sgi)

Ulrich Wolter sagt dazu: "Ja, aber es ist doch toll, wenn das jemand sagt. Ich kann mit Kritik daran, dass wir erst vier Jahre alt sind, also keine Tradition haben, wenig anfangen." Er zeigt sich als Geschäftsführer überzeugt von dem, was er tut. "Wir stehen für ein Sportkonzept mit Nachhaltigkeit." Dafür fordert er den Respekt, den er, wie er sagt, für Vereine mit Tradition auch aufbringt. "Was mich extrem ärgert, das ist die geistige Brandstifterschaft, die einige begehen." Inwiefern? "Indem sie zum Beispiel Testspiele gegen uns boykottieren. Oder bei Diskussionsrunden unseren Namen nicht aussprechen können, weil sie Angst haben, dass ihnen sonst die Zunge abfällt. Und das sind Vertreter von großen deutschen Klubs, wo ich dann denke: Ja, damit tut ihr euch keinen Gefallen und damit legitimiert ihr im Zweifel diejenigen, die gegen uns gewalttätig werden."

Beim Drittligaauftakt in Halle hatten Anhänger des Gegners den Mannschaftsbus von RB Leipzig mit Steinen und Flaschen beworfen. Auch die Fans der Borussia aus Dortmund nennt er, die seinerzeit "verbal und mit Bildern" Dietmar Hopp, den Mäzen der TSG Hoffenheim, beschimpft hatten. "Das ist genau das, was nicht passieren darf." Grundsätzlich sei die Kritik für ihn "einfach Teil dieser Doppelmoral, die wir im Fußball haben. Letztendlich spielt keiner der Spieler in der ersten, zweiten und dritten Liga für eine warme Mahlzeit. Das sind alles Berufsspieler, überall sind Sponsoren dabei mit teilweise abstrusen Stadionnamen und Grills, die an der Eckfahne stehen. Aber ich respektiere das".

Lieber Kunden statt Mitglieder, die Hürden sind hoch

Auch die Fans von St. Pauli. "Die halten ja ganz viel auf ihre Tradition. Und lassen sich jetzt von Coca Colas Energy-Drink sponsern. Was ist da anders, frage ich sie?" Als sei es kein Unterschied, ob ein Konzern einen Verein sponsert - oder ihn besitzt. Der FC St. Pauli hat zum Beispiel mehr als 15.000 stimmberechtigte Mitglieder. RB Leipzig hat neun. Wir nehmen an, das ist für einen Fußballklub in Deutschland recht wenig? "Das nehmen Sie nicht nur an, das wissen Sie ja, dass das untypisch ist." Wer Mitglied werden will, könne sich ja bewerben. Und sich darauf einstellen, 800 Euro im Jahr Beitrag zu zahlen. Wenn es denn klappt. In der Satzung steht: "Über den Antrag der Aufnahme entscheidet der Vorstand endgültig. Weder die Annahme des Antrages noch deren Ablehnung braucht durch den Vorstand begründet werden."

Warum macht der Verein das so? "Weil wir die Mitgliederzahl eben nicht als Marketing- oder Promotiontool missverstehen, wie das vielleicht bei anderen Vereinen läuft. Wer bei uns diese Vorteile haben will, die sie normalerweise mit der Mitgliedschaft haben, günstigere Tickets oder Merchandise-Artikel - der kriegt sie bei uns im offiziellen Fanklub. Man sagt immer, wir seien die Gefahr für den deutschen Fußball. Wenn man sich da die Strukturen manch anderer Klubs ansieht, wie dort Mitgliederversammlungen oder Aufsichtsräte bestückt sind - da frage ich mich, ob das tatsächlich der Weg ist, den der deutsche Fußball gehen will."

RB Leipzig wird seinen Weg gehen, vermutlich auch bis ganz nach oben. Für ein Scheitern ist zu viel Geld im Spiel. Und die Infrastruktur ist schon jetzt erstklassig. Ansonsten gilt: "Wer ein Vereinsleben will, wo man jeden Abend im Vereinsheim sitzt, den Grill anwirft und am Tresen steht - das ist bei uns nicht so."

Quelle: n-tv.de

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