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Mit RB kehrt der gesamte Leipziger Fußball ins Rampenlicht zurück.
Mit RB kehrt der gesamte Leipziger Fußball ins Rampenlicht zurück.(Foto: dpa)

Huldigung an Wiederauferstehung: RB Leipzig startet Projekt Durchmarsch

Von John Hennig, Leipzig

Seit der Klubgründung vor fünf Jahren eilt RB Leipzig durch die Fußballligen, kritisch beäugt von der Konkurrenz. Auch Liga 2 soll für den Emporkömmling nur ein Zwischenschritt sein zur Meisterschaft. Das Zweitligadebüt gerät da zur Randnotiz.

Eigentlich war vieles wie gewohnt bei RasenBallsport Leipzig. Zehn der elf Profis in der Startformation waren schon in der Vorsaison beim Zweitliga-Aufsteiger aktiv. Und Angreifer Daniel Frahn war wie so oft einer der meistgefragten Spieler nach der Partie, auch wenn die an diesem Samstag am Kapitän vorbeilief. Er fand trotzdem: "Es war ja jetzt kein himmelhoher Unterschied zur dritten Liga." Etwas Besonderes war das erste Zweitliga-Spiel der Vereinsgeschichte dennoch.

Ante Rebic kam bei der WM dreimal für Kroatien zum Einsatz. Künftig stürmt er für RB Leipzig.
Ante Rebic kam bei der WM dreimal für Kroatien zum Einsatz. Künftig stürmt er für RB Leipzig.(Foto: dpa)

Vor allem abseits des Rasens war es ein hektisches Wochenende rund um den meist diskutierten deutschen Verein der vergangenen Wochen. Schon während der Nullnummer zum Auftakt gegen den VfR Aalen beschäftigten sich die lokalen Medien vorrangig mit zwei Spielern, die nur auf der Tribüne saßen: Marvin Compper und Ante Rebic. Der eine ehemaliger deutscher, der andere aktueller kroatischer Nationalspieler, beide bislang beim italienischen Erstligisten AC Florenz aktiv und ab sofort die neuesten Errungenschaften von RB Leipzig.

Die Aufstellung gegen Aalen täuscht: Für Spieler wie Identifikationsfigur Frahn, die schon seit Regionalliga-Zeiten dabei sind, wird es immer schwerer werden, mit den Ansprüchen ihres Vereins mitzuhalten und regelmäßig zu spielen. Der schnelle Aufschwung nimmt keine Rücksicht auf seine tragenden Stützen der Vergangenheit. Alles wird den ambitionierten Zielen untergeordnet. Notfalls auch die seit zwei Jahren von Sportdirektor Ralf Rangnick stetig wiederholte Vorgabe, nur Spieler zwischen 17 und 23 Jahren verpflichten zu wollen. Compper ist 29.

Doch mit dem smarten Verteidiger schaffte Rangnick vor sechs Jahren bei der TSG Hoffenheim erfolgreich den Durchmarsch durch die zweite Liga. Das soll nun bestenfalls wieder klappen. Zudem musste Leipzig offiziell auf den längerfristigen Ausfall von Verteidiger Fabian Franke reagieren. Und Rebic, der im Sommer bei der Fußball-WM in Brasilien in allen drei kroatischen Spielen zum Einsatz kam, wurde auch ausgeliehen, weil sich Stürmer Terrence Boyd am Kreuzband verletzt hat.

Übergangsjahr? Nicht geplant

Trotzdem zeigen die beiden Neuzugänge, dass ein Übergangsjahr nicht geplant scheint, um die junge Mannschaft langsam an die Bundesliga heranzuführen. Auch werden erneut die immensen Möglichkeiten bei RB Leipzig deutlich, wegen denen der Verein so skeptisch gesehen wird. Dank seines Geldgebers hat er einen enormen Wettbewerbsvorteil.

Ralf Rangnick soll die Ambitionen von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz in Leipzig umsetzen.
Ralf Rangnick soll die Ambitionen von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz in Leipzig umsetzen.(Foto: dpa)

Entsprechend sind die Ambitionen des Aufsteigers genauso unbegrenzt wie die Möglichkeiten des Sponsors – zumindest wenn man dessen Extremsport-Videos glaubt, die auch im Inneren der Leipziger Arena auf einer Leinwand in Endlosrotation laufen. Die zweite Liga soll genauso eine Zwischenstation sein wie die dritte und vierte. Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz sprach die Tage offensiv von der Meisterschaft. In Deutschland wohlgemerkt, nicht in Österreich, wo Salzburg bereits fleißig Titel sammelt.

Leipzigs Mannschaft folgt diesem Rhythmus. Aggressives Pressing, schnelles Umschalten, hohes Verteidigen. Das sind die Maximen von Trainer Alexander Zorniger, die die junge Mannschaft auch bei der Zweitliga-Premiere gegen Aalen zeigte. Frahn kürzt die gerne ab mit: "Sprint, Sprint, Sprint".

Auch deshalb setzte Sportdirektor Rangnick bislang auf junge Talente: "Sie können unseren Spielstil besser umsetzen und schneller regenerieren." Und passen mit ihrem jugendlichen Image gut zur Marke. Wie der Däne Yussuf Poulsen, der Österreicher Georg Teigl, der Amerikaner Terrence Boyd oder U19-Europameister Joshua Kimmich.

"Das war zäh und nicht unser Anspruch"

Gegen Aalen musste die Mannschaft noch Lehrgeld zahlen. In einer forschen ersten halben Stunde nutzte sie ihre guten Torchancen nicht. Am Ende hatte sie ein zu hohes Tempo vorgelegt und sich bei großer Hitze übernommen. Das Spiel war letztlich wenig spektakulär: "Insgesamt haben wir uns sicherlich mehr erhofft, das war zäh und nicht unser Anspruch", kritisierte Zorniger. Auch deshalb rüstet RB Leipzig weiter auf. Schon am Sonntag trainierten Compper und Rebic mit der Mannschaft. Zudem wird noch ein Torhüter kommen, der dem Anspruch gerecht wird, sofort als Nummer eins parat zu stehen. Kapitän Frahn sagte, vor allem auf den neuen Stürmer angesprochen, gequält lächelnd: "Jeder ist willkommen."

Dabei befindet sich nicht nur der sportliche Bereich noch im Umbruch. Auch das Umfeld scheint gerade größere Probleme zu haben, dem vorgegebenen Tempo zu folgen. Zwar glänzt alles schön neu: der Mannschaftsbus, das Catering, die Ausrüstung. Doch aufgrund der Lizenzprobleme und einer kurzen Sommerpause ging es im Hintergrund untypisch chaotisch zu. Die Fanutensilien mit den neuen Logos wurden erst spät geliefert, die Technik im Stadion zuletzt eilig installiert, die Mixed Zone sporadisch aufgebaut.

Für einen Retortenklub zieht RB Leizpig viele Zuschauer an.
Für einen Retortenklub zieht RB Leizpig viele Zuschauer an.(Foto: dpa)

Wo einem sonst mit Logos überfüllte Hintersteller begegnen, herrscht bei RB Leipzig dezente Zurückhaltung. Viele externe Werbepartner hat und braucht der Verein ja auch nicht. Und beim Testspiel gegen Paris Saint-Germain im Juli regten sich die Fans über mangelnde Versorgung mit Essen und Trinken auf. Statt mit rund 35.000 Zuschauern schien der neue Caterer eher mit 3500 gerechnet zu haben. Das alles zeigt, dass selbst das sonst so professionelle Hochglanzprodukt nicht immer alles sofort perfekt plant. Dafür kann es relativ problemlos reagieren.

Erwartungen über Normalmaß

Beim Zweitliga-Auftakt wurde zudem deutlich, worum es den Leipziger Fans im Kern geht: Bundesliga-Fußball in Leipzig. Ein riesiges Spruchband ("16 Jahre verschollen - jetzt wieder auf Kurs") klang nach vermeintlich feiner Ironie, denn so lange gibt es den neuen Lieblingsfeind der deutschen Fußballszene noch gar nicht. Es war aber eine Huldigung an die Wiederauferstehung des gesamten städtischen Fußballs, der in Form des VfB Leipzig 1998 aus der zweiten Liga abstieg und aufgrund zahlreicher Insolvenzen und wirren Auseinandersetzungen nie wieder zurückkehrte.

Und es wohl auch noch lange nicht wäre, wenn nicht ein österreichischer Geldgeber in den maroden Standort investiert hätte. Auch deshalb findet das Projekt innerhalb der ostdeutschen Großstadt immer mehr Fürsprecher. Lokale Medien, Politik und Wirtschaft sehen längst eine goldene fußballerische Zukunft dank RB Leipzig und sonnen sich in den ersten Erfolgen. Und auch die Zuschauerzahlen sind seit zwei, drei Jahren für einen vermeintlich ungeliebten Retortenverein respektabel.

Im Hintergrund wird bereits über ein neues Stadion nachgedacht, wobei gegen Aalen etwas mehr als 20.000 Zuschauer in die Arena kamen, in der fast 45.000 Menschen Platz finden und wo 2006 fünf WM-Spiele stattfanden. Auch das wirkt so, als wolle der Verein zu viel auf einmal. "Geduld ist nicht gerade unsere Stärke", ist eines der bekanntesten Zitate von Macher Rangnick.

Trainer Zorniger hat derweil große Mühe, die allgemeine Erwartungshaltung auf Normalmaß zu schrauben: "Es wäre schön, wenn wir die Spiele einfach auch genießen, für mich sind das alles besondere Partien, die ich so noch nicht hatte", gab er sich vor der Saison demütig. Und auch nach der Nullnummer zum Auftakt gegen Aalen sagte er abschließend: "Wir sollten uns freuen: Das war unser erster Zweitliga-Punkt." Allerdings drückte seine Miene dabei keine Freude aus.

Quelle: n-tv.de

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